Tourismus

Streikende Griechen schaden wichtigster Branche

Taxifahrer blockieren Griechenlands Häfen – mitten in der Hauptsaison. Dabei ist ohne Touristen ein Ende der Krise noch unwahrscheinlicher.

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Die Staats- und Regierungschefs der Euro-Zone sind nicht die einzigen, die sich am Donnerstag auf einer Krisensitzung den Kopf zum Thema Griechenland zerbrechen. Während Europas Kassenwarte grübeln, wie sie den Berg griechischer Staatsschulden zusammenschmelzen lassen, tagt im Hafen Piräus die Führungsriege der Panhellenischen Seemannsföderation (PAME). Die Hafenarbeiter- und Seemannsgewerkschaft berät über neue Protestaktionen.

Griechenlands Regierung hat es gewagt, die Pfründe der Seeleute anzutasten: Ihre Renten werden als Teil des jüngst beschlossenen Sparpaketes gekürzt – so wie die Millionen anderer Griechen. Doch die PAME-Gewerkschafter, eng verbunden mit der in Griechenland immer noch militanten kommunistischen Partei, wollen Kürzungen nicht ohne Widerstand zulassen: Nehme die Regierung die Rentenkürzungen nicht bis Ende Juli zurück, wollen die Seeleute Fähren auf die Inseln und andere Touristenschiffe am Auslaufen hindern.

Ausländische Touristen können sich freilich nur über die unerwünschte Störung ihres Urlaubs ärgern, wenn sie es überhaupt nach Piräus schaffen. Am Montag und Dienstag zum Beispiel war das gar nicht so einfach: Da streikten Griechenlands Taxifahrer , weil die Regierung zum 1. Juli ihre bisher sorgsam abgeschirmte Profession für neue unliebsame Konkurrenz geöffnet hat. Die Taxifahrer streikten nicht einfach, indem sie ihre gelben Wagen stehen ließen: Rund 3000 Droschken blockierten Zu- und Abfahrten zum Internationalen Flughafen von Athen; weitere 2500 Wagen machten die Zufahrt zum Hafen von Piräus zum Nadelöhr.

Die Staus reichten teils acht Kilometer zurück; Tausende Touristen steckten – wie so oft, wenn in Athen oder Piräus die Bahn, U-Bahn, Flughafenzubringer, Taxis oder alle zusammen streiken – fest und bangten, ob sie Flugzeug oder Schiff rechtzeitig erreichen würden.

Wie schon 2010, als wahlweise Hafenarbeiter Passagiere von Kreuzfahrtschiffen am Betreten ihrer Schiffe hinderten, Tanklaster Autobahnen blockierten oder Fluglotsen den Flugverkehr lahmlegten, erinnern die neuen Bilder aus Athen mitten in der Urlaubszeit weltweit daran, dass Griechenlandreisende gegebenenfalls starke Nerven brauchen.

Das ärgert vor allem auch die Vereinigung griechischer Tourismusunternehmen: "Mitten in der wichtigsten Tourismuszeit der letzten Jahre haben Taxifahrer dem Image des Landes einen weiteren ernsthaften Schlag versetzt."

Keine Erholung ohne Tourismus

Dabei ist die Saison 2011 für Griechenland gleich mehrfach wichtig: Nach einem tiefen Einbruch in beiden Vorjahren hofft das verschuldete Land auf eine Erholung beim Tourismus, dem größten einzelnen Geldbringer des Landes: Das Geld der ausländischen Gäste sorgt für 15 Prozent der Wirtschaftsleistung; fast jeder fünfte Arbeitsplatz hängt am Geschäft mit den Spaß- oder Erholungssuchenden.

Neben Tourismus und Schifffahrt kann das Land kaum eine andere international konkurrenzfähige Branche aufweisen. Und der Rest der Wirtschaft verharrt in einer tiefen Rezession. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass Griechenlands Wirtschaft in diesem Jahr noch einmal um knapp vier Prozent schrumpft. Umso wichtiger sind die Milliarden aus dem Tourismusgeschäft.

"Tourismus kann der Star der Entwicklung, ein Modell für unsere wirtschaftliche Entwicklung sein", hängte Premierminister Giorgios Papandreou die Bedeutung des Wirtschaftszweiges in einer Schlüsselrede hoch. "Die Reputation unseres Landes wird gestärkt, wenn der Reichtum unserer Monumente präsentiert wird, und mit Mythen, Geschichte, Tradition, griechischen Produkten und griechischer Küche assoziiert wird."

Doch obwohl Griechenland einige Erfolge meldet, ist auch der wichtigste Dukatenesel des Landes in vielen Bereichen in der Krise: teilweise überteuert, gefangen in alten Strukturen und Korsetts und einer Regierung, die vor notwendigen Reformen und Konfrontationen immer noch zurückschreckt.

Nach jahrelangem Wachstum brach der Tourismus in den vergangenen zwei Jahren scharf ein. 2009 sanken die Einnahmen um 10,6 Prozent auf 10,4 Milliarden Euro, 2010 nochmals um acht Prozent auf 9,6 Milliarden Euro. Der Einbruch war teils eine Folge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Aber nicht nur: Hatte Griechenland jahrzehntelang fast ein Quasi-Monopol auf die Kombination von Sonne und Meer, begleitet von guter Küche und hübschen antiken Ruinen, so gibt es heute mehr Konkurrenz, die nicht nur billiger ist, sondern auch bei der Leistung stark aufholt.

Während Griechenland etwa 2010 bei den Touristenzahlen stagnierte, legte Kroatien um knapp fünf, die Türkei gar um knapp sechs Prozent zu. Schon reisen zwar immer noch 15 Millionen Menschen jährlich nach Griechenland – aber 27 Millionen in die Türkei. Und während Griechenland im touristischen Konkurrenzfähigkeitsranking 2011 des Davoser Weltwirtschaftsforums einige Plätze zurückfiel, holte die Türkei auf.

Andere Konkurrenten wie Ägypten und Tunesien wurden Anfang des Jahres vom arabischen Frühling erschüttert – viele Urlauber buchten auf Griechenland um, auch Deutsche, mit fast zwei Millionen Urlaubern vor den Engländern die mit Abstand wichtigste Gruppe von Griechenland-Urlaubern.

Griechenland ist vielen zu teuer

Zu den alten kommen neue Kunden: Nach starkem Zuwachs schon im vergangenen Jahr rechnen die Griechen in diesem Jahr mit bis zu 700.000 Russen und ebenso vielen Serben: Die fahren statt zu ihren verfeindeten Nachbarn nach Kroatien lieber nach Griechenland in Urlaub.

Das Ergebnis: Im ersten Halbjahr 2011 kamen SETE zufolge 9,5 Prozent mehr ausländische Touristen ins Land als im Vorjahr. Touristenmagneten wie Rhodos oder Kreta melden Zuwächse von bis zu einem Drittel. Doch mehr Touristen bedeuten nicht mehr Geld.

Nach den Einnahmeeinbrüchen der beiden Vorjahre präsentierte die staatliche Statistikbehörde im Juni die Zahlen für das erste Quartal 2011: Demnach sind die Einnahmen aus dem Tourismus im Vergleich zum Vorjahreszeitraum noch einmal um über ein Fünftel zurückgegangen. Tourismus bleibt Griechenlands wichtigster Geldbringer – doch das Land vor der drohenden Pleite retten kann er nicht.

Daran wird sich auch in den kommenden Jahren kaum viel ändern. Griechenland war – und ist vielerorts immer noch – zu teuer . Das Weltwirtschaftsforum führt Griechenland in seiner Tourismus-Rangliste weit vorne bei der Infrastruktur (Platz 5), aber weit hinten beim Punkt "Konkurrenzfähigkeit beim Preis" : auf Platz 123. Viele Hotels und Tourveranstalter, die ihre Preise schon 2010 teils bis zu 30 Prozent senken mussten, haben in dieser Saison nochmals zehn bis 15 Prozent nachgelassen. Die Hälfte der neuen Touristen komme wegen der Preissenkungen, sagte SETE-Manager Giorgios Drakopoulos.

Der Preisdruck für viele griechische Tourismusbetriebe dürfte gleich bleiben, wenn nicht gar zunehmen, wenn Tunesien und Ägypten sich innenpolitisch beruhigen und wieder verstärkt im Tourismusgeschäft mitmischen. Zudem müssen die Betriebe auch um die bisher im eigenen Land urlaubenden, doch nun unter Lohnkürzungen oder gar dem Verlust ihres Arbeitsplatzes leidenden Griechen kämpfen. Die Hoteliervereinigung rechnete zu Saisonbeginn mit einem Minus von weiteren 20 Prozent bei einheimischen Urlaubern.

Um genug Urlauber ins Land zu holen, wirbt die staatliche Tourismusförderung ausdrücklich auch um Jugendliche: "Griechenland ist der Hammer für junge Leute, die die Freiheit suchen, Konventionen zu ignorieren und zum frenetischen Pulsschlag ihres Lieblings-DJs Party zu machen."

Nun. Das Umschmeicheln der Heranwachsenden funktioniert vor allem auf griechischen Inseln mit endlosen Zeilen aus Strandbars und Clubs. Das große Geld freilich bringt es nicht in die Kasse: Schon der durchschnittliche Griechenland-Urlauber gibt pro Aufenthalt gerade 640 Euro aus.

Schwerfällige Bürokratie verjagt Besucher

Gewiss hat Griechenlands Tourismus Potenzial – etwa beim bisher wenig vertretenen Agrotourismus, der vielen italienischen Bauernbäuchen zu zufriedenen Rundungen verhilft. Die 40 Jahre alte Fotini Giannoulis und ihr 53 Jahre alter Mann Nelos sind auf der westgriechischen Insel Zakynthos Bauern in dritter Generation. Dem Massentourismus an vielen Stränden und Barzeilen der Insel setzt das Paar traditionelle Ferienhäuser entgegen, umgeben von Pinien und Wein, Oliven- und Obstbäumen.

Vor sieben Jahren stellten die Giannoulis’ auf biologische Landwirtschaft um und bringen die Produkte in der eigenen Taverne auf den Tisch. Ihre überdurchschnittlich zahlungskräftigen Gäste sind vor allem Italiener und Griechen. Die Giannoulis’ sind nicht ungerupft, doch glimpflich durch die Krise gekommen: Es kommen weniger Gäste, außerhalb der Hochsaison bietet das Paar Preisnachlässe. Dass sie in diesem Jahr "trotz der Krise keine Stornierungen gehabt haben", führen die Giannoulis’ auch darauf zurück, dass es "bei uns bisher kaum Biotourismus gibt".

Das flexible Ausweichen fällt den privaten Unternehmern Giannoulis leicht, der staatlichen Tourismusbürokratie indes schwer. Erklärtes Ziel der "Strategie Griechenland 2020" ist es, mehr zahlungskräftige Touristen ins Land zu holen und sie länger im Land zu halten.

Auf dem Papier ist etwa der boomende Kreuzfahrtbetrieb wie geschaffen für kräftige Mehreinnahmen. Schiffstouristen geben in dem Land, in dem die Reise beginnt und endet, durch Anreise, mehr Übernachtungen und mehr Shopping-Ausflüge meist ein Vielfaches dessen aus, was sie bei Zwischenstopps lassen.

Doch viele Kreuzfahrtgesellschaften vermeiden weiterhin, ihre Touren in griechischen Häfen beginnen oder enden zu lassen. Die Hafengebühren sind hoch, die Bürokratie umfangreich, zudem müssen Schiffe, die von Griechenland aus fahren, sich den Bestimmungen eines Cabotage genannten Gesetzes zufolge verpflichten, einen Teil der Crew in Griechenland anzuheuern.

Als die Regierung diese Regelung 2010 abschaffen wollte, blockierten die Hafenarbeiter Fähren und Kreuzfahrtschiffe. Ein Jahr später ist die Cabotage noch nicht aufgehoben. Hafenarbeiter in Piräus aber konnten schon Ende Juni wieder den illegalen Protest proben und Touristen am Betreten von Fähren hindern, ohne dass die Polizei die illegalen Blockaden auflöste und die Seeleute verhaftete.

Wie schwerfällig die Staatsbürokratie selbst in der Krise reagiert, zeigt auch das Archäologische Museum, das wichtigste Museums Griechenlands am Fuße der Akropolis. Dort dürfen Besucher an Sonn- und Feiertagen zwar den vollen Preis zahlen – stellen dann aber fest, dass sie von 64 Ausstellungssälen nur acht besichtigen dürfen und der Museumsshop ganz geschlossen ist.

Für das Öffnen aller Räume fehlen am Sonn- und Feiertagen die Wächter, erklärte Museumsdirektor Nikolaos Kaltsos der Tageszeitung "Kathimerini". Das Anheuern von Aushilfswächters ist beantragt, aber noch nicht vom Kultur- und Tourismusministerium genehmigt. Trifft die Erlaubnis ein, wird der volle Sonn- und Feiertagsbetrieb indes nicht lange dauern: Ende Oktober sollen die Aushilfsverträge bereits wieder enden.