Viermal länger

Kassenpatienten warten bei Kardiologen 71 Tage

Benötigt ein Kassenpatient beim Kardiologen einen Termin, muss er laut einer Studie im Schnitt 71 Tage warten. Ein Privatversicherter nur 19 Tage. Doch es gibt einen Trend zu mehr Gerechtigkeit.

Das Problem ist zwar nicht neu. Jeder hat es – positiv oder negativ – wahrscheinlich schon am eigenen Leib erfahren. Doch das Ergebnis einer von der AOK Rheinland/Hamburg in Auftrag gegebenen Studie wirft erneut die heiß diskutierte Frage auf: Wie gerecht ist das deutsche Gesundheitssystem?

Offensichtlich ist es eher ungerecht: Denn gesetzlich Versicherte müssen deutlich länger auf einen Termin beim Facharzt warten als Privatpatienten. Am schwierigsten sei es, zu einem Kardiologen durchzudringen, berichtete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter Berufung auf die Studie. So müssten Kassenpatienten im Schnitt rund 71 Tage warten, Privatpatienten nur 19 Tage. Bei den Radiologen beträgt die Wartezeit der aktuellen Befragung zufolge für gesetzlich Versicherte 46 Tage, für Privatpatienten lediglich sieben. Die Augenärzte vergeben demnach nach 37 Tagen Termine an ihre Kassenpatienten, an die private Kundschaft nach 16 Tagen.

Die AOK hatte im Juni 2011 mehr als 800 Testanrufe in Praxen getätigt. Dabei gaben sich die Mitarbeiter der Krankenkasse bei einem ersten Anruf als gesetzlich Versicherte aus. Später riefen sie als vermeintliche Privatpatienten an. Dabei fragten sie nach einem normalen Untersuchungstermin. Einen Notfall gaben sie nicht an. „Das Verhalten mancher Fachärzte ist äußerst ärgerlich“, resümiert Wilfried Jacobs, Chef der AOK Rheinland/Hamburg. Daran werde sich jedoch nichts ändern, solange es keine wirkungsvollen Sanktionsmöglichkeiten gebe. „Die Kassen sollten das Recht bekommen, nicht mehr mit Fachärzten zusammenarbeiten zu müssen, die gesetzlich Versicherten keine zeitnahen Termine geben“, fordert Jacobs.

Die AOK Rheinland/Hamburg steht mit ihrem Ergebnis nicht allein. Vor wenigen Wochen präsentierte auch der BKK Bundesverband eine repräsentative Untersuchung. Zum Thema „Arztbesuche/Wartezeiten“ wurden rund 6000 Bundesbürger ab 14 Jahren befragt. Drei Jahre zuvor waren die Befragten bereits zu den gleichen Situationen interviewt worden – was interessante Vergleiche zulässt.

Ergebnis der BKK-Umfrage: Im Durchschnitt warteten die gesetzlich Versicherten 20 Tage auf einen Termin und damit sechs Tage länger als ein PKV-Patient. Der Vergleich mit den Zahlen von 2008 offenbart allerdings, dass es einen Trend zu mehr „Gerechtigkeit“ gibt. Denn die Benachteiligung hat sich in den vergangenen Jahren merklich verringert. Während sich bei den gesetzlich Versicherten die Termin-Wartezeit gegenüber 2008 um einen Tag verringerte, verlängerte sich die Wartezeit für PKV-Patienten im Schnitt um deutliche vier Tage.

Der oft genannte Vorwurf, dass GKV-Patienten in der Arztpraxis deutlich länger auf ihre Untersuchung warten müssen, wird durch die BKK-Untersuchung nicht bestätigt. Ist der Patient erst einmal vor Ort, ist es mit der Benachteiligung offensichtlich vorbei. Die gesetzlich Versicherten warteten im Schnitt 27 Minuten beim Arzt. PKV-Patienten kommen auf 21 Minuten und wurden somit nur unwesentlich bevorzugt. Beim Hausarzt wurde im Gesamtdurchschnitt 27 Minuten gewartet. Am schnellsten ging es bei den Zahnärzten mit 13 Minuten, gefolgt von den Gynäkologen mit 23 Minuten.

Der Hauptgrund, weshalb gesetzlich Versicherte größere Probleme bei der Terminvergabe haben, liegt auf der Hand. Hat der jeweilige Arzt das Budget der GKV ausgereizt, nimmt er – außer in akuten Fällen – bis zum Ende des Quartals keine Patienten mehr an. Denn tut er es trotzdem, zahlt er drauf. Der Privatpatient hat dieses Problem nicht. Seine Versicherung zahlt auch noch am Ende des Quartals. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass für Privatversicherte für die gleichen Leistungen deutlich höhere Rechnungen gestellt werden können. Und weil ein Arzt letztlich auch immer Unternehmer ist, lässt der den Privatversicherten deutlich seltener und weniger warten als den gesetzlich Versicherten.

Es gibt Schätzungen, wonach viele Ärzte 30 Prozent ihres Einkommens allein mit Privatpatienten erzielen – und das, obwohl nur zehn Prozent der Deutschen in der PKV sind.