Umfrage

Euro-Krise lässt deutsche Konzerne kalt – noch

Krisenstäbe oder Sonderteams wegen des Euro? Gibt es nicht. Denn trotz der Schuldenkrise ist die Währung vergleichsweise stabil – und darauf kommt es an.

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Frank Lutz saß jeden Tag wie gebannt vor seinem Computer. Der Finanzdirektor des deutschen Lkw-Herstellers MAN musste anhand von Ampelfarben mitansehen, wie die Lage immer akuter wurde. Auftragseingang für neue Lkw? Größe des Hofbestands? Verkaufszahlen bei gebrauchten Lastern? Je nachdem ob Rot, Gelb oder Grün auf seinem Monitor aufblinkte, wurde ihm schlagartig klar, wie das Geschäft lief. Und es lief monatelang richtig schlecht.

Zwei Jahre ist das jetzt her. Die Finanzkrise sorgte überall für Angst und Schrecken. Fast täglich fanden in dieser heißen Phase Besprechungen der Manager statt, in denen es letztlich um die Frage ging, wie das Unternehmen der Krise Herr wird. Heute ist zwar auch Krisenzeit. Doch MAN-Manager Lutz ist inzwischen nicht nur Finanzvorstand, er ist auch viel entspannter. „Selbstverständlich beobachten wir die Lage an den europäischen Finanzmärkten sehr genau – mit oder ohne Euro-Krise.

Als MAN-Finanzvorstand berate ich mich dazu regelmäßig mit unseren Experten. Das Thema dominiert aber sicher nicht das Tagesgeschäft.“ Er habe auch nicht durchgerechnet, was ein mögliches Aus des Euro für den Konzern bedeuten und ihn kosten könnte. „Die makro- und mikroökonomischen Folgen des Zahlungsausfalls eines europäischen Landes sind überhaupt nicht abschätzbar“, so Lutz.

Die Euro-Krise sorgt bislang nicht für Panikattacken in den Vorstandsetagen der deutschen Unternehmen. Das jedenfalls ergab eine Umfrage der „Morgenpost Online“ bei mehreren deutschen Großkonzernen. „Wir haben keinen Euro-Krisenstab oder Ähnliches“, heißt es etwa beim Sportartikelkonzern Adidas. Auch der Elektroriese Siemens hat eigenen Angaben zufolge keine Sonderteams zusammengezogen, die fieberhaft durchrechnen sollen, welche Folgen ein Zerfall der Euro-Zone für die Konzernkasse der Münchner hätte. „Ein Plan B steht bei uns nicht auf der Tagesordnung“, heißt es dazu bei Deutschlands größtem Industrieunternehmen.

Das soll nicht heißen, dass Deutschlands Topmanager die Euro-Krise auf die leichte Schulter nehmen. So kritisierten 100 Familienunternehmer unlängst in einer Erklärung die „Euro-Rettungsschirm-Politik“ der Bundesregierung. Die Währungsunion sei „zur Transferunion verkommen“, klagten sie. In Zeitungsanzeigen, die im Juni erschienen, machten sich rund 50 deutsche und französische Konzernchefs für die Währung stark. Die Rückkehr zu stabilen Verhältnissen werde zwar viele Milliarden Euro kosten, „aber die Europäische Union und unsere gemeinsame Währung sind diesen Einsatz allemal wert“.

Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Booz & Company ergab, dass 46 Prozent der deutschen Unternehmenslenker die Schieflage in den staatlichen Haushalten einiger Euroländer als alarmierend einschätzen und ein Übergreifen auf die Realwirtschaft fürchten. Dennoch gehen zwei von drei davon aus, dass die EU auch noch 2030 eine wichtige Rolle in der Welt spielen wird.

Metro-Chef: Euro-Debatte läuft in die falsche Richtung

Eckhard Cordes, Chef des Handelskonzerns Metro , bereitet eine Diskussion in Deutschland Sorge, die seiner Meinung nach in diese – falsche – Richtung läuft: „Weg mit dem Euro und am besten gleich der ganzen Europäischen Union!“ Cordes verweist auf die Relationen. Griechenland, Irland und Portugal kämen gerade einmal zusammen auf ein Bruttosozialprodukt nur wenig größer als das von Nordrhein-Westfalen.

Entscheidend sei nun, den Bürgern zu erklären, „wie wichtig Europa mit der gemeinsamen Währung für uns alle ist“. Einer der Gründe dafür, dass die Euro-Krise die Unternehmen bislang vergleichsweise kaltlässt, ist der Kurs des Euro. Die europäische Gemeinschaftswährung notiert zurzeit bei etwa 1,41 Dollar. Eine Schwäche im Vergleich zur US-Währung oder dramatische Schwankungen sind bislang nicht auszumachen.

Für die meisten Firmen geht es darum, sich vor eventuellen Wechselkursschwankungen zu schützen. Siemens etwa betont die „Internationalisierung der Wertschöpfungskette“, will heißen: Mehr und mehr wird in den Ländern produziert, in denen verkauft wird. Doch auch die Existenz des Euro spiele bei der Strategie eine Rolle. Da Siemens rund die Hälfte seines Umsatzes in Europa macht, sei schon dadurch die „Anfälligkeit des Siemens-Geschäfts gegenüber Wechselkursschwankungen begrenzt“.

Für Adidas wäre der Rückkehr zur Drachme kein Problem

Auch bei Adidas wird sehr genau auf den Euro-Dollar-Wechselkurs geschaut. Unterm Strich, heißt es beim weltweit zweitgrößten Sportartikelhersteller, wirke ein schwächerer Euro leicht positiv. Und wenn es nun wieder Währungen wie die Drachme geben sollte? „Eine Rückkehr von Griechenland zur Drachme wäre für unser Finanzteam kein Problem, da wir ja schon heute mit zahlreichen Währungen umgehen müssen, auch innerhalb Europas“, heißt es bei Adidas.

Daran, dass die Euro-Zone zerfallen könnte, will Matthias Wissmann, als Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) Deutschlands oberster Auto-Lobbyist, gar nicht erst denken. Für die exportstarke Autoindustrie seien „stabile Finanzmärkte und Wechselkurse“ entscheidend. Allein in Europa gehöre nahezu jedes zweite neu zugelassene Fahrzeug zu einer deutschen Konzernmarke.

Er fordert deshalb: Statt den Euro schlechtzureden, müsse er „zukunftssicher“ gemacht werden. Und das gehe nur übers Sparen in jedem einzelnen europäischen Land. Auf den Euro, so hat es den Anschein, wollen jedenfalls Adidas, Siemens & Co. nicht verzichten. „Deutschlands Wirtschaft“, so Wissmann, „profitiert erheblich von der EU und ihrer gemeinsamen Währung.“