Beruf Diplomat

Das Auswärtige Amt sucht flexible, kreative Strategen

Eine Karriere im Auswärtigen Amt ist begehrt. Es lockt der Einsatz an Botschaften oder Konsulaten. Doch die Anforderungen sind hoch, betont Ausbildungsleiterin Sabine Stöhr.

Foto: Christian Kielmann

Das Auswärtige Amt hat ständig Bedarf an Persönlichkeiten mit strategischem Weitblick. Sabine Stöhr, Ausbildungsleiterin höherer Dienst und stellvertretende Leiterin der Akademie Auswärtiger Dienst in Berlin über Anforderungen, Perspektiven und Chancengleichheit.

Morgenpost Online: Welche Berufsperspektiven haben Beamte im höheren Dienst im Auswärtigen Amt und in Internationalen Organisationen?

Sabine Stöhr: Nach erfolgreich durchlaufenem Auswahlverfahren und der 14-monatigen Ausbildung an der Akademie beginnt man als Referentin oder Referent in der Zentrale in Berlin oder an einer der 230 Auslandsvertretungen – das sind Botschaften, Generalkonsulate und Ständige Vertretungen bei internationalen Organisationen. Dabei bearbeitet man eigenständig einen bestimmten Themenbereich: Im Referat für internationale Umweltfragen zum Beispiel den Bereich „Wasser, Wasserkooperation“. Im Länderreferat Brasilien sammelt man Informationen über das Land, bereitet Gespräche der politischen Leitung vor, koordiniert und unterbreitet Handlungsvorschläge.

Von Anfang an tragen die Mitarbeiter Personalverantwortung und managen finanzielle Ressourcen. Mit wachsender Erfahrung steigt die Verantwortung. Nach zehn bis 15 Jahren erreicht man den Posten einer stellvertretenden Referatsleiters. Danach kann man eine kleinere Auslandsvertretung leiten. Weitere Hierarchiestufen in der Zentrale sind Referatsleiter, Beauftragte, Abteilungsleiter und Staatssekretär. Im Ausland Leiter einer Abteilung einer großen Botschaft, Gesandter und Botschafter.

Morgenpost Online: Welche Bewerber haben die besten Chancen?

Sabine Stöhr: Wir suchen stabile Persönlichkeiten mit einem ausgeprägten Sinn für politische Zusammenhänge und großer intellektueller Flexibilität. Denn als Diplomatin oder Diplomat muss man sich schnell in neue Sachverhalte einarbeiten und diese nicht nur verstehen, sondern auch Gestaltungsspielräume erkennen und konkrete Handlungsvorschläge machen. Bewerber sollten außerdem über eine hohe soziale und interkulturelle Kompetenz verfügen. Sie sollten gut kommunizieren können und souverän auftreten. Und sie sollten sich gut überlegt haben, ob sie den regelmäßigen Wechsel zwischen Inland und Ausland wirklich ihr ganzes Berufsleben lang reizvoll finden.

Das Auswärtige Amt stellt jährlich 35 bis 45 Personen in den Vorbereitungsdienst für den höheren Auswärtigen Dienst ein. Die Plätze werden in einem Auswahlverfahren vergeben, das im April und Mai mit der schriftlichen Online-Bewerbung beginnt. Das Auswärtige Amt hat einen besonderen Bedarf an Juristen mit 2. Staatsexamen und an Wirtschaftswissenschaftlern, aber auch an Fachleuten für bestimmte Sprachen und Regionen. Entscheidend ist auch, dass Bewerber über Auslandserfahrung verfügen.

Morgenpost Online: Wie hat sich die Arbeit in den letzten Jahren verändert und welchen Herausforderungen müssen sich Beamte künftig stellen?

Sabine Stöhr: Unsere Arbeit ist noch komplexer geworden, und sie erfordert oft sehr schnelles Reagieren. Diplomaten müssen besonders flexibel und umstellungsfähig sein. Außerdem stehen sie draußen in der Welt häufiger als früher im Licht der Öffentlichkeit. Die Bedeutung von Themen wie Umwelt, Finanzen, Energie oder Migration wächst, was bedeutet, dass wir eher Spezialisten auf Zeit als Generalisten sind.

Die fortschreitende Integration der EU-Mitgliedsstaaten stellt eine große Chance dar, bedeutet aber auch, dass wir besser koordinieren und unsere Interessen in den Brüsseler Gremien durchsetzen müssen. Dazu bleiben die klassischen Herausforderungen der Diplomatie: fremde Kulturen, Systeme und Menschen verstehen, die eigenen Standpunkte freundlich, aber nachhaltig vertreten und nach Gemeinsamkeiten als Grundlage für konstruktive Problemlösungen suchen.

Morgenpost Online: Wie steht es um die Chancengleichheit? Sind Familie und Berufe gut vereinbar?

Sabine Stöhr: Das Auswärtige Amt tut viel, um Chancengleichheit zu gewährleisten – von Frauen, aber auch von Menschen mit Migrationshintergrund, von Menschen mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnern, von Menschen mit Behinderung. Im Inland gibt es flexible Teilzeit- und Teleheimarbeitsmöglichkeiten. Im Ausland ist das schwieriger, da gerade im höheren Dienst die Kontaktpflege ein wesentlicher Teil der Arbeit ist und physische Präsenz daher unerlässlich.

Man kann und muss sich mit seiner ganzen Persönlichkeit einbringen. Optimismus und ein offener Geist, Gelassenheit und da, wo es drauf ankommt, der notwendige feste Biss – das sind sicher Eigenschaften, die einem helfen, ein erfülltes Berufsleben zu führen. Auch im höheren Auswärtigen Dienst.