Insolvenzverwalter

Boeing von Thailands Kronprinzen beschlagnahmt

Thailand soll einem insolventen deutschen Baukonzern noch Millionen schulden. Als Ausgleich wurde ein Flugzeug des Prinzen einkassiert.

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Wer sich einen Insolvenzverwalter als zurückhaltenden, aseptischen Bearbeiter trockener Paragrafen vorstellt, hat wohl noch nie etwas mit dieser Gattung Juristen zu tun haben müssen. Denn tatsächlich sind die Jungs – zumeist sind es Jungs –, die bei Karstadt, Quelle, Karmann, Schiesser oder Babcock Borsig zum Zuge kommen, wenn die Manager versagt haben, bisweilen eher rustikaler Natur.

Werner Schneider, Verwalter des 2005 in die Insolvenz gerutschten Konzerns Walter Bau, ist offenbar auch einer von ihnen. Er versucht jetzt, mit einer besonders spektakulären Aktion 30 Millionen Euro zurückzubekommen, von denen er glaubt, dass der thailändische Staat sie ihm schuldet: Er hat auf dem Münchner Flughafen schlicht ein Flugzeug der Royal Thai Air beschlagnahmen lassen.

Eine Boeing 737, die nach Auskunft der Verwaltung auch gern und häufig von Kronprinz Maha Vajiralongkorn geflogen wird – wenn sie nicht gerade beschlagnahmt ist. Schneiders Forderung ist 20 Jahre alt, aber offenbar so substanziell, dass jetzt das zuständige Berliner Kammergericht die „Sicherungsvollstreckung“ genehmigte. Seither klebt das „Pfandsiegel“ – umgangssprachlich auch „Kuckuck“ genannt – auf dem Verkehrsflugzeug. Samt einem DIN-A4 großen, säuberlich regenfest in Folie eingeklebten Briefchen von „Günther Dersch. Obergerichtsvollzieher“.

Insolvenzverwalter und Wirtschaftsprüfer Schneider kennt sich aus mit derlei legalen und gerichtlich abgesegneten Flugzeugentführungen: Im Oktober 2005 bereits ließ er einen Jet der libanesischen Airline Middle East Airlines pfänden, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen.

„Die thailändische Regierung hätte also gewarnt sein müssen, dass Schneider ungewöhnliche Schritte unternimmt, um seine gerichtlich bestätigten Forderungen durchzusetzen“, heißt es in seiner Kanzlei Schneider Geiwitz & Partner in Neu-Ulm. Der Jet befinde sich im Besitz der Regierung von Thailand, erklärte der Jurist. Die Thais dagegen behaupten, der Flieger gehöre dem Prinzen.

Sein Schritt sei „quasi die Ultima Ratio“ gewesen, um seine „seit vielen Jahren berechtigte Forderung von mehr als 30 Millionen Euro durchzusetzen“, sagte Schneider. Die Boeing dürfte als Pfand reichen, sie soll zwischen 50 und 75 Millionen Euro wert sein.

Der Streit geht um eine 20 Jahre alte Forderung einer Walter-Bau-Tochter, die damals eine 26 Kilometer lange Mautautobahn zwischen Bangkok und dem Flughafen Don Muang entwickelt, finanziert, gebaut und betrieben hat. Nach zahlreichen „Vertragsverstößen seitens der thailändischen Regierung“, so Schneider, habe die inzwischen insolvente Walter Bau 2007 die Anteile an der Betreibergesellschaft verkauft und gleichzeitig Schadenersatz Ansprüche erhoben.

Thailand spricht von einem Missverständnis

„Durch alle juristischen Instanzen“ habe er Recht bekommen, meint Schneider, auch 2009 in einem internationalen Schiedsverfahren. Doch die Thais hätten nicht reagiert. Und schon gar nicht gezahlt. „Auch die Einschaltung entsprechender Stellen der deutschen Regierung blieb erfolglos“, sagte der Insolvenzverwalter. Er ist gesetzlich verpflichtet, zu versuchen, für die Gläubiger jeden Cent herauszuholen, der möglich ist.

In Bangkok jedoch hält man die Aktivitäten des Insolvenzverwalters aus Neu-Ulm für reichlich übertrieben und unpassend, schließlich sei Eigentum des Kronprinzen betroffen: „Wir sind betroffen über das, was passiert ist“, sagte Thani Thingphakdi, Sprecher des Außenministeriums.

„Es muss sich um ein Missverständnis handeln. Die Behörden meinen, die Maschine sei Eigentum der thailändischen Regierung, aber in Wirklichkeit gehört sie Ihrer Königlichen Hoheit, dem Kronprinzen. Wir hoffen, dass die Angelegenheit so schnell wie möglich bereinigt werden kann.“

Laut Schneider sind in seiner Kanzlei sechs Jahre nach dem Insolvenzantrag der Walter Bau noch immer 25 Mitarbeiter mit der Abwicklung und dem Eintreiben von Forderungen beschäftigt. Gerade erst vermeldete der Verwalter, dass er für die 4100 einst bei Walter Beschäftigten jetzt eine weitere sogenannte „Vorauszahlung“ aus dem Sozialplan erreicht habe. Damit hätten die Mitarbeiter insgesamt gut neun Millionen Euro aus dem Sozialplan bekommen – gerade ein Viertel ihrer Ansprüche. Ein baldiges Ende des Insolvenzverfahrens sei „nicht abzusehen“, sagte Schneider.