Moderner Staat

Beamte der Zukunft sind Multitasking-Manager

Amtsschimmel ade: Führende Beamte müssen in Finanzkrisen oder bei Naturkatastrophen hochflexible Risikomanager sein. Dafür reicht fachliche Kompetenz schon lange nicht mehr:

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Der Reformdruck auf den Staat ist groß: Da sind zum einen die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise für den Haushalt. Bis zum Jahr 2016 muss der Bund pro Jahr strukturell rund zehn Milliarden sparen. Das bedeutet: Stellen kürzen und Ausgaben überprüfen. Zum anderen werden rund eine Million der aktuell etwa 4,5 Millionen Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung in Bund und Ländern in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen.

Drittens müssen im Zuge der Globalisierung ständig Regeln und Normen an europäische und internationale Standards angepasst werden. Gleichzeitig soll der schrumpfende Staat aber mit weniger Personal und Geld auskommen und künftig mehr leisten können. Mehr Bürgernähe und Transparenz erwarten die einen, die anderen verlangen hohe Qualität für Wirtschaft und Wissenschaft.

Um all dies zu bewältigen, sind neue Strategien in den Behörden gefragt. Wie sie aussehen können, das zeigte sich Ende Oktober 2010 in Berlin auf der Messe „Moderner Staat“. Fast 4000 Spitzenbeamte aus Bund, Ländern und Gemeinden kamen. Die Schwerpunktthemen waren Personal- und Finanzpolitik, höhere Effizienz – und vor allem die Politik mit dem kleinen „e“ davor.

Von „eGovernment“ erhoffen sich Experten, möglichst viele Probleme gleichzeitig lösen zu können. Denn Querschnittsaufgaben wie Personal, Beschaffung, Haushalt oder IT lassen sich zum Beispiel von den neuen Kompetenz- und Dienstleistungszentren für mehrere Behörden gleichzeitig erledigen. „Hier sehen wir noch weitere Potenziale, um standardisieren und vereinfachen zu können“, sagt Cornelia Rogall-Grothe, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium und IT-Beauftragte der Regierung .

Eine Schlüsselrolle spielt hier Hightech. „Das eGovernment hat dabei zwei Komponenten – eine technische und eine verfahrensrechtliche“, sagt die Staatssekretärin. So müssten der Datenschutz sowie Übermittlungs- und Identifizierungswege gesichert sein.

Wie sensibel das Thema ist, das zeigt dabei die Debatte um den neuen Personalausweis. „In Zukunft sollen weitere neue Serviceangebote die elektronischen Kontaktmöglichkeiten zwischen Bürgern und Behörden erleichtern und beschleunigen“, kündigt Rogall-Grothe an. Das betreffe auch Massendaten aus der Wirtschaft, die Unternehmen künftig noch häufiger per Mausklick an die zuständige Stelle schicken können sollen.

Doch auch mit neuen Technologien lassen sich nicht alle Probleme lösen. „Das Thema moderner Staat ist eine Daueraufgabe. Denn schließlich ist Verwaltung kein Selbstzweck, sondern sie muss erstklassige Dienstleistungen für Bürger und Wirtschaft erbringen“, sagt Rogall-Grothe. Ein Weg zu mehr staatlicher Effizienz sei, interne Abläufe auf Schnittstellen und Doppelstrukturen zu analysieren. Unter dem Stichwort „Vernetzte und transparente Verwaltung“ hat das Bundesinnenministerium einen ganzen Katalog vorgelegt, wie sich der Staat dem Wandel stellen kann.

Neben Projekten wie dem neuen Personalausweis, der De-Mail oder der einheitlichen Behördennummer „115“ steht Personalmanagement ganz oben auf der Liste. „Große Bedeutung haben dabei Führungskräfte. Sie müssen die Mitarbeiter so anleiten, dass sie die Reformen mittragen“, sagt Rogall-Grothe. Das betrifft auch die Auswahl der Spitzenleute: „Fachlich der Beste zu sein, reicht nicht mehr. Flexibilität, soziale Kompetenz und Motivation gehören heute mit dazu.“ Gezieltes Coaching, Fort- und Weiterbildung sowie Qualitäts- und Prozessmanagement sollen hier mittlere und höhere Beamte schulen und Erfolgskontrollen ermöglichen.

Für die künftigen Beamten der oberen Ebenen bietet hier das Führungskolleg Speyer (FKS) bei der dortigen Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften (DHV) ein ganz spezielles Programm. Das Führungskolleg tragen aktuell zehn Bundesländer und die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam. Ziel ist, ausgewählte Führungskräfte langfristig weiterzuqualifizieren, um diese auf die spätere Übernahme leitender Positionen vorzubereiten.

Jeder der berufsbegleitenden Kurse dauert zwei Jahre und hat nur etwa 25 Teilnehmer. Die meisten der angehenden Spitzenbeamten sind um die 40 Jahre alt, werden von ihren Dienststellen vorgeschlagen und entsandt. Ein ständiger Arbeitskreis aus Experten und Wissenschaftlern steht Kursteilnehmern zur Seite, um das Einbetten der Kursinhalte in die Praxis zu gewährleisten – Lernen und Reformieren im laufenden Betrieb sozusagen.

Professor Hermann Hill ist wissenschaftlicher Beauftragter des FKS und beschreibt einen Schwerpunkt des aktuellen Kurses: „In immer unsichereren und komplexeren Zeiten Entscheidungen zu treffen, wird immer schwieriger. Naturkatastrophen, Börsencrashs und unerwartete Konflikte erfordern ein permanentes Risiko-Management in der Verwaltung.

Sie muss fähig sein, sich ständig umzustellen und anzupassen.“ Daher sei notwendig, dass das Führungspersonal in großen Zusammenhängen denken kann und auch in Krisen handlungsfähig bleibe. Wie auch in die anderen Seminare der Verwaltungshochschule Speyer fließt in das Lehrprogramm das neueste Wissen internationaler Administrationen mit ein: Welche Methoden haben sich in anderen Ländern bewährt, wie lassen sich dort Reformen umsetzen? „Neben dem Transfer von Wissen verstehen wir unsere Rolle so, als Trendscout aktuelle Erkenntnisse aus aller Welt für Deutschland zu erschließen“, sagt Hermann Hill.

„Denn am Ende sollen die Kurs-Absolventen in der Lage sein, neue Aufgaben für den Staat früh zu erkennen und vorausschauend im Sinne eines Innovationsmanagements zu handeln.“ Dazu gehöre auch ein intensiverer Austausch mit den Bürgern: Mehr öffentlich beziehungsweise elektronisch zugängliche Daten nach dem „open data“-Modell aus den USA oder Großbritannien können hier eins der Zukunftsmodelle sein.