Ratingagenturen

S&P-Chef verteidigt sich gegen Politiker-Schelte

EU-Kommissarin Reding hat die Zerschlagung der drei Ratingagenturen gefordert. S&P-Chef Hinrichs fordert stattdessen von der Politik abgestimmtes Handeln.

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Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) wehrt sich gegen Kritik aus der Politik, sie würde die Euro-Krise durch ihre Bonitätsbewertungen noch verschärfen: „Man sollte Ursache und Wirkung nicht verwechseln. Ratings funktionieren wie ein Fieberthermometer bei einem Grippekranken: Sie messen die Temperatur, beeinflussen diese aber nicht“, sagte Torsten Hinrichs, Deutschland-Chef von S&P, „Morgenpost Online“. „Unsere Aufgabe ist es, den Märkten mit unseren Ratings eine unabhängige Meinung zur Bonität von Schuldnern anzubieten.“ Das habe wohl nicht jeder verstanden, sagte Hinrichs – eine spitze Replik auf EU-Justizkommissarin Viviane Reding.

Sie traf offenbar einen Nerv mit ihrer Kritik. Reding gibt den drei großen Ratingagenturen – neben S&P noch Moody's und Fitch – Mitschuld an der Krise und hatte sich in „Morgenpost Online“ für ihre „Zerschlagung“ ausgesprochen: „Europa darf sich nicht von drei US-Privatunternehmen kaputt machen lassen.“ Beifall kommt aus der SPD wie aus der CDU: „So wichtig eine fundierte Beurteilung der finanziellen Lage eines Landes ist, scheinen mir die Ratingagenturen derzeit den Bogen zu überspannen“, sagt der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Norbert Barthle.

Und der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Joachim Poß, diagnostiziert: „Die Ratingagenturen wirken damit krisenverschärfend.“ Er fordert als Konsequenz, die „aufsichtsrechtliche Bedeutung von Ratings“ zu reduzieren. Wer Portugal, Griechenland oder Italien Geld leiht, soll sich also lieber selbst eine Meinung bilden als sich auf die Einschätzung der Agenturen zu verlassen – auf Basis welcher Informationen, sagte Poß nicht.

Es sei eben so, sagte S&P-Chef Hinrichs, dass „auch eine gewisse Bereitschaft erforderlich ist, sich im Detail mit der Thematik zu befassen“. Entbrannt war die Diskussion darüber, ob die Politik ihren Einfluss beschneiden müsse, nachdem Moody's die Kreditwürdigkeit Portugals Anfang Juli auf Ramschniveau herabgestuft hatte. Das hatte einen Kurssturz der Börse in Lissabon ausgelöst.

Hinrichs verteidigt die von vielen als hart empfundene Haltung der Schuldenrichter – und gibt die Schuldzuweisung zurück: „Ratings sind häufig die einzige klare Aussage an den Märkten, die heftigen Ausschläge aber resultieren meist aus Unsicherheit heraus. Eine klare Linie und abgestimmtes Handeln durch die Verantwortlichen in Europa würden viele begrüßen.“ Für diese Position findet Hinrichs Unterstützung in der FDP: Volker Wissing, ihr stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag, fordert eine „Versachlichung der Debatte“. Die Politik sende sonst „das Signal, der Kritik nicht inhaltlich zu begegnen, sondern stattdessen die Kritiker bestrafen zu wollen“.