Steuerschätzer Boss

"Wolfgang Schäuble hat mich am meisten enttäuscht"

Jahrzehntelang hat Ökonom Alfred Boss die deutschen Finanzminister beraten. Keiner wollte hören – vor der Rente rechnet er mit ihnen ab.

Foto: dapd / IFW Kiel

Es gibt Berater, auf die hört man gerne. Und dann gibt es jene Ratgeber, die Entscheider mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren. Zu dieser zweiten Kategorie gehört ohne jeden Zweifel Alfred Boss – und er lässt sich den Stolz darauf anmerken. Kaum ein Ökonom kennt sich hierzulande so gut mit den Staatsfinanzen aus wie er.

Gleichzeitig melden nur wenige so vehement wie Boss Zweifel daran an, ob der Staat verantwortungsvoll mit dem Geld seiner Bürger umgeht. Der Mann bietet Reibungsfläche, so sehr, dass der damalige Finanzminister Peer Steinbrück im Bundestag schon laut über den Kieler Ökonom geschimpft hat.

Boss studiert seit Anfang der 70er-Jahre, wie der Staat Geld ausgibt: Er durchleuchtet die Finanzen der Bundesagentur für Arbeit, prangert regelmäßig Subventionen an und wirbt für Reformen des Gesundheitssystems. Bekannt ist er aber vor allem dafür, dass er regelmäßig berechnet, wie viel der Staat einnimmt. Seit 1976 gehört Boss zum Arbeitskreis Steuerschätzung; er ist damit der Dienstälteste in jenem ausgewählten Zirkel von Ökonomen und Steuerexperten. Boss war dabei häufig kein gefälliger Teilnehmer: Wenn er die Prognosen der Bundesregierung für zu optimistisch hielt, legte er regelmäßig Einspruch ein.

Im Mai hat Boss die Runde verlassen, denn in diesem Sommer geht er in den Ruhestand. Zum Abschied würdigte der Vorsitzende des Steuerschätzerkreises, Ulrich van Essen aus dem Bundesfinanzministerium, die Arbeit von Alfred Boss mit warmen Worten. Auch van Essen weiß: Aller kritischen Haltung zum Trotz geht mit Boss ein echter Kenner der Finanzpolitik.

Am Freitag hat der 65-Jährige sich von seinen Kollegen im Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) verabschiedet. Das Institut hat Boss gebeten, auch im Ruhestand mehrere Stunden pro Woche ins Institut zu kommen. Sein Fachwissen wird gebraucht.

Das Arbeitszimmer im ersten Stock des Instituts muss Boss allerdings aufgeben, vergangene Woche hat er es bereits ausgeräumt. Wenn er dort am Schreibtisch saß und den Kopf leicht nach rechts drehte, blickte er auf die Kieler Förde. Jeden Tag laufen vor dem Fenster die großen Fähren aus Oslo und Göteborg ein, während der Kieler Woche ziehen Segelschiffe und Motorboote vorbei.

Besucher empfing Boss hier mit breitem Lächeln und festem Händedruck. Aber Kollegen wissen, dass er nicht immer so charmant sein mag. „Wenn Alfred Boss eine Position oder ein Statement nicht gefällt, kann er sehr aufbrausend sein“, sagt Kai Carstensen, der Konjunkturchef des Ifo-Instituts. Bei den Beratungen für die Gemeinschaftsdiagnose, die Konjunkturprognose führender Wirtschaftsinstitute, ist er selbst schon mit Boss aneinander geraten. „Aber er beruhigt sich ganz schnell wieder, und dann ist man wieder gut Freund.“

Auch im Kreis der Steuerschätzer ist Boss bekannt dafür, dass er das ganz klare Wort bevorzugt. Nach 35 Jahren und 85 Sitzungen ist Boss mit den Feinheiten der Staatsfinanzen vertraut, wahrscheinlich mehr als jeder andere Ökonom hierzulande. Boss hat sich über Jahrzehnte ein sehr spezielles Wissen angeeignet, kennt die Feinheiten des staatlichen Rechnungswesens, findet sich in dem Wust aus Zahlen und Einzelposten schnell zurecht. „Alfred Boss gehörte zu den renommiertesten Steuerschätzern. Seine Stimme hatte im Arbeitskreis großes Gewicht“, sagt Heinz Gebhardt vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), der seit Mitte der 80er-Jahre mit am Tisch sitzt.

Denn bei der Schätzung zählt nicht nur die Qualität der Berechnungen, sondern auch Erfahrung. Boss hat zum Beispiel im Kopf, vor welchen Finanzgerichten noch Prozesse laufen, die hohe Steuernachzahlungen zur Folge haben könnten. Kai Carstensen erinnert sich an die Treffen im Bundeswirtschaftsministerium: „Alle haben gemerkt, dass die Ministeriumsmitarbeiter Respekt vor Alfred Boss hatten. Sein Wort hat Gewicht, weil er die Fakten kennt.“

Apel, Matthöfer, Stoltenberg, Waigel, Lafontaine, Eichel, Steinbrück, Schäuble: Viele Finanzminister kamen und gingen, aber Boss blieb all die Jahre im Schätzerkreis. Vielen Finanzministern gibt er heute schlechte Noten. „ Wolfgang Schäuble hat mich von allen Finanzministern am meisten enttäuscht“, sagt der Ökonom.

"Schäuble streut Bürgern Sand in die Augen"

Schäuble packe dringend notwendige Steuerreformen nicht an. Auch die Politik der Bundesregierung in der Schuldenkrise regt Boss auf: „In der Euro-Krise spielt Schäuble nicht mit offenen Karten und streut den Bürgern Sand in die Augen. Zu behaupten, dass der Euro in Gefahr sei, ist völliger Blödsinn.“ Und von welchem Minister hält er etwas? „Waigel habe ich von allen Finanzministern am meisten geschätzt“, sagt Boss. „Das liegt vielleicht auch daran, dass er die deutsche Einheit mit organisiert hat und den Maastrichter Vertrag mitgebaut hat.“

Es ist beinahe Ironie, dass Boss in dem vom Bundesfinanzminister einberufenen Kreis sitzt, denn der dienstälteste Steuerschätzer würde den Staat am liebsten knapp halten. Das Institut für Weltwirtschaft steht traditionell für diese Linie, aber Boss vertritt sie in besonders reiner Lehre. Wenn Kollegen über ihn sprechen, fällt oft das Wort „Hardliner“. Kritiker schimpfen ihn einen „Neoliberalen“. Woher kommt die Vehemenz dieses Mannes?

Das Elternhaus war nicht sehr politisch, dafür war auch kaum Zeit, denn die Familie musste versorgt werden. Der Vater war Schneider und betrieb gleichzeitig die Postfiliale im hessischen Bad Hersfeld, die Mutter trug die Post aus und bewirtschaftete den kleinen Hof der Familie. Nach der Schule musste Alfred Kartoffeln sammeln und Rüben reißen, während die Kameraden Fußball spielten. Fleiß und Sparsamkeit waren wichtig, um voranzukommen, das bekam der Junge von zu Hause mit. Und dass der Mensch für sein Schicksal selbst verantwortlich ist. Er ist heute noch uneingeschränkt von beidem überzeugt.

Ende der 60er-Jahre ging Boss nach Frankfurt am Main, um dort Volkswirtschaft zu studieren. Die Stadt war neben Berlin die Hochburg der Studentenproteste. Auch Alfred Boss ging auf die Straße. „Ich marschierte zunächst bei den Demonstrationen mit“, erinnert er sich. „Aber je länger die Proteste dauerten, desto mehr merkte ich, wie intolerant die führenden Leute waren. Das war für mich unfassbar.“

Die Skepsis hatte sich festgesetzt. Auf die passende ökonomische Theorie stieß Boss im Institut für Weltwirtschaft. Dort heuerte Boss Mitte der 70er-Jahre in der Konjunkturabteilung an, die damals von Norbert Walter geleitet wurde, dem späteren Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Die beiden jungen Ökonomen kannten sich noch aus Frankfurt, dort hatten sie zusammen Fußball gespielt – im Innenhof von Norbert Walters Studentenwohnheim. Am IfW traf Boss auch auf Herbert Giersch, den wohl einflussreichsten deutschen Ökonomen der 70er- und 80er-Jahre.

Giersch vertrat die sogenannte angebotsorientierte Wirtschaftspolitik. Er plädierte stets dafür, dass der Staat auf Eingriffe in das Wirtschaftsleben weitgehend verzichten sollte. Boss hatte die ökonomische Schule gefunden, die zu seiner liberalen Haltung passte. Dabei hat Boss am eigenen Leib erfahren, wie schwer es sein kann, sich mit ordnungspolitischen Grundsätzen im parlamentarischen Betrieb durchzusetzen. Der langjährige Ministerberater entschied 1986, dass es an der Zeit sei, selbst Politik zu machen.

Er trat dem FDP-Ortsverein bei, wurde sofort für die Kommunalwahl aufgestellt. Als die Gemeinde ein Bürgerhaus bauen wollte, sah Boss die Stunde für seine wirtschaftsliberale Finanzpolitik gekommen. Er schlug vor, stattdessen die Grundsteuer für alle Hausbesitzer zu senken.

Ein Vorschlag, der bei den liberalen Parteigenossen nicht gut ankam: Ob er denn schon mal daran gedacht habe, dass der Neubau Arbeit schaffe für die örtlichen Handwerker? Der Wirtschaftswissenschaftler kapitulierte, legte seine Ämter nieder – und fing stattdessen an, die Fußballmannschaft seines Sohnes zu trainieren. Er bereut es nicht: „Das hat schnell Ergebnisse gebracht.“