Konjunktur

Aufschwung in Gefahr – Ökonomen schlagen Alarm

Die deutsche Wirtschaft feiert einen Erfolg nach dem anderen. Doch Experten warnen: Der Aufschwung ist instabil – und auf sich gestellt.

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Auf den ersten Blick war es abermals eine Woche, in der die deutsche Wirtschaft ihre Stärke demonstrierte. Bei den vermeldeten Auftragseingängen der Industrie für Juni kompensierte ein brummendes Inlandsgeschäft einen Rückgang der Auslandsnachfrage. Es wurde bekannt, dass die Industrieproduktion zuletzt deutlich stärker zulegte als erwartet. Und bei den Exporten , eine Meldung vom Freitag, glich der Mai den schwachen April-Wert fast vollständig aus.

Tatsächlich aber ist der deutsche Aufschwung inzwischen deutlich fragiler geworden als noch zu Jahresbeginn. Viele Ökonomen sind zwar noch sehr zuversichtlich. Aber es sind inzwischen auch skeptischere Töne zu hören. „Obwohl die deutsche Wirtschaft derzeit gedeiht, sind die Risiken gewachsen“, sagt Dennis Snower, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel.

„Mir wird im Moment etwas zu viel gejubelt in Deutschland“, moniert Andreas Rees, Chefvolkswirt für Deutschland bei Unicredit. Und Frank Engels, Europa-Chefökonom von Barclays Capital, sagt: „Die Fortdauer des Aufschwungs ist kein Selbstläufer mehr. In den nächsten Monaten werden viele deutsche Unternehmen noch gut damit zu tun haben, die bereits eingegangenen Aufträge abzuarbeiten.“ Und dann? „Wenn nicht bald ein neuer Impuls kommt, haben wir früher oder später ein Problem“, sagt Engels. Eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik: Damit war allgemein gerechnet worden.

Ganz einfach deshalb, weil ein derart starkes Wachstum wie im ersten Quartal – als die deutsche Wirtschaft mit einer Jahresrate von sechs Prozent zulegte – niemals anhalten kann. Hinzu kamen die Verwerfungen, die die Weltkonjunktur in den ersten Monaten des Jahres 2011 zu verarbeiten hatte, wie die hohen Öl- und Nahrungsmittelpreise und den Tsunami und die Reaktorkatastrophe in Japan. „Dass das über kurz oder lang auch in Deutschland zu einer Abkühlung führen würde, war zu erwarten“, sagt Michael Heise, der Chefvolkswirt der Allianz.

Heise glaubt, diese derzeitige Abkühlung werde sich als nur vorübergehend erweisen. Doch ausgerechnet Experten für Frühindikatoren zeigen sich skeptisch. Chris Williamson zum Beispiel, Chefvolkswirt des Londoner Marktforschungsinstituts Markit Economics, das unter anderem auch den einschlägigen Einkaufsmanagerindizes für die deutsche Wirtschaft ermittelt.

„Der Konsens im Moment scheint zu sein, dass das Wachstum der Weltwirtschaft wieder anziehen wird nach der jüngsten Delle“, sagt der Ökonom. „Aber die Einkaufsmanagerindizes aus dem Juni haben bisher kaum einen Beleg für eine solche Wiederbelebung geliefert.“

Auch das Economic Cycle Research Institute (ECRI) aus New York, das besonders weit in die Zukunft vorausblickende Frühindikatoren erstellt, gibt sich pessimistisch. Die Aussichten für die weltweite Industrie hätten sich schon vor der Katastrophe in Japan und den Unruhen in Nordafrika verdüstert, sagt ECRI-Mitgründer Lakshman Achuthan: „Unsere Vorhersagen stehen der populären Ansicht, dass das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte wieder spürbar an Fahrt aufnehmen wird, diametral entgegen.“

Die hiesige Industrie, so Achuthan, werde sich dem keineswegs entziehen können: „Deutschlands wirtschaftliche Verlangsamung wird viele überraschen.“ Die Optimisten demgegenüber verweisen auf die dynamische Binnenwirtschaft.

„Die jüngsten Daten haben nochmals bestätigt, dass der Aufschwung inzwischen im Wesentlichen von der Inlandsnachfrage getragen wird“, sagt Christoph Schmidt, Chef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). „Dies spricht dafür, dass er sich selbst bei flauer Weltkonjunktur eine Zeit lang fortsetzen kann.“

Für beide wesentlichen Faktoren der Binnenwirtschaft, den privaten Konsum wie die Investitionen der Unternehmen, sind viele Experten tatsächlich zuversichtlich. „Der Arbeitsmarkt, der wichtigste Faktor überhaupt, entwickelt sich vergleichsweise stabil“, sagt Thomas Straubhaar, Chef des Hamburger Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI. „Die Beschäftigungslage aber bleibt das A und O der Konjunktur, sie beeinflusst die Stimmung, das Konsumverhalten und dadurch die Unternehmensumsätze und die Investitionstätigkeit.“

Der private Konsum, so Straubhaar, werde daher „erstmals seit Langem kräftig wachsen“. Auch Michael Hüther, Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, rechnet mit einer „Renaissance des Konsums“. Eine in vielen Branchen bereits hohe Kapazitätsauslastung dürfte bei fortgesetztem Aufschwung selbst zurückhaltende Unternehmen dazu bringen, noch mehr in Maschinen und Anlagen zu investieren.

Und billiges Geld dafür ist da – ironischerweise wegen der Euro-Krise. Die Europäische Zentralbank (EZB) hält ihre Leitzinsen wegen der Schuldenkrise deutlich niedriger, als es für ein Land im Aufschwung angemessen wäre. „Die Zinsen sind für Deutschland viel zu niedrig, sie müssten bei drei Prozent liegen“, sagt Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank.

Tatsächlich sind es, selbst nach der jüngsten Anhebung , nur 1,5 Prozent, also halb so viel. Schon deshalb, glaubt Krämer, werde sich der Aufschwung „noch sehr lange sehr gut anfühlen.“ Und mit dieser Meinung ist er nicht allein. „Solange nicht die Furcht vor einer neuen Wirtschaftskrise um sich greift, dürften die günstigen Finanzierungsbedingungen und die hohen Kapazitätsauslastungen zu einer robusten Investitionsneigung führen“, sagt Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus. IW-Chef Hüther fühlt sich sogar schon an die zweite Hälfte der 80er-Jahre erinnert, „als Inlands- und Auslandsnachfrage zusammenkamen. Das bietet Chancen für einen längerfristigen Aufschwung.“

Nur ist es aber auch so, dass die Zeit, da die Wachstumsprognosen für Deutschland immer nur weiter nach oben geschraubt werden, vorüber ist – eine wichtige Trendwende. Barclays Capital etwa nahm am Freitag seine Vorhersage für das Wachstum im kommenden Jahr zurück – von 2,1 auf 1,9 Prozent.

Und es mehren sich die Anzeichen, dass eine der beiden Säulen, die Auslandsnachfrage, einsturzgefährdet ist – und dass die Stimmung bei Verbrauchern und Unternehmen sehr wohl in den Keller rauschen könnte.

Eskalierende Euro-Krise

„Die wirtschaftliche Perspektive ist in den vergangenen Monaten unsicherer geworden, weil wir mit den internen Problemen im Euroraum nicht fertig geworden sind“, sagt Dennis Snower. Und aktuell deutet mehr auf eine weitere dramatische Zuspitzung hin als auf einen Befreiungsschlag der Politik. Neben Griechenland gerieten diese Woche auch Portugal und Italien in das Visier von Märkten und Ratingagenturen.

Die Kosten für Versicherungen, mit denen sich Besitzer italienischer Staatsanleihen gegen einen Kreditausfall schützen können, schossen allein am Freitag um zehn Prozent nach oben. Die Zinsen für italienische Staatsanleihen kletterten derweil auf den höchsten Stand seit der Euro-Einführung.

Verharren sie dort, könnten die Mehrkosten für den italienischen Staat leicht das Volumen sämtlicher Einsparungen erreichen, die die wackelige Regierung von Silvio Berlusconi derzeit plant. „Die größte Gefahr geht von der Euro-Krise aus“, sagt Commerzbank-Experte Krämer. „Eskaliert sie, könnte es wie beim dem Zusammenbruch von Lehman Brothers zu einer Schockstarre auf den Finanzmärkten kommen.“

Stockende US-Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft stottert bedenklich , ein desaströs schlechter Arbeitsmarktbericht aus den USA ließ den deutschen Dax jäh tief ins Minus fallen . Hinzu kommt, dass sich die Regierung von Präsident Barack Obama und die republikanische Opposition schnell darauf verständigen müssen, die zulässige Verschuldungsgrenze anzuheben – sonst droht Anfang August ein regelrechter Staatsbankrott.

Die Positionen sind verhärtet, und selbst wenn in letzter Minute ein Kompromiss gelingen sollte, ist die Gefahr neuer Schockwellen nicht gebannt. Obamas erste Reaktion auf die neuen Arbeitsmarktzahlen bestand in der Ankündigung eines neuen Konjunkturprogramms. Amerikas Schuldenprobleme werden so nicht gelöst – der Tag, da die Ratingagenturen der US-Bundesregierung die so wichtige Spitzenbewertung AAA aberkennen, ist vermutlich noch ein wenig näher gerückt.

Gratwandernde Schwellenländer

In vielen bedeutenden Schwellenländern ist die Konjunktur heißgelaufen, zugleich sorgen hohe Nahrungsmittelpreise für steigende Inflationsraten. Notenbanken von Lateinamerika bis Fernost versuchen sich daher nun in der Gratwanderung, die Zinsen genau so sehr anzuheben, dass nicht zugleich die Wirtschaft wegbricht.

Vor allem auf China haben die Experten ihre Augen gerichtet. „China und die USA sind aktuell die beiden Schwachpunkte der Weltwirtschaft“, sagt Stefan Schneider von Deutsche Bank Research. „Wenn die USA weiter schwächeln und es China nicht gelingt, das Wachstum langsam zu drosseln, kann ich mir vorstellen, dass die deutsche Wirtschaft Ende des Jahres stagniert oder sogar schrumpft.“ Schneider hält dies nicht für das wahrscheinlichste Szenario. Denkbar ist aber durchaus, dass China das rechte Maß nicht findet. Zuletzt ging der Einkaufsmanagerindex dort so stark zurück wie seit 1984 nicht.

Hinzu kommen auch noch politische Risiken. Fällt etwa nach Libyen ein weiterer großer Ölproduzent – warum auch immer – aus, könnte der Ölpreis Höhen erreichen, die bereits angeschlagene Volkswirtschaften rasch in die Rezession stürzen könnten.

So weit ist es in Deutschland noch lange nicht, unter den Fachleuten findet sich niemand, der es für wahrscheinlich hält, dass auch hierzulande in absehbarer Zeit wieder eine richtige Wirtschaftskrise ausbricht. „Ein plötzlicher Absturz wie 2008 droht nicht“, sagt Barclays-Ökonom Engels. „Dazu bedürfte es eines gravierenden Auslösers, eines Schocks – etwa der Erkenntnis, dass im chinesischen Finanzsektor viel größere Probleme schlummern als bisher vermutet.“

Dennoch kann erfahrungsgemäß schon eine Verlangsamung des Wachstums gar zu leicht eine Eigendynamik entwickeln – und in einen regelrechten Abschwung münden. Damit das nicht passiert, müsste sich die Wirtschaft rasch wieder fangen. „Die nächsten sechs bis zwölf Wochen werden entscheiden, wie es mit der Konjunktur weitergeht“, sagt Unicredit-Ökonom Rees.

Sollte wirklich ein Abschwung in Gang kommen, befände sich auch Deutschland in einer brenzligen Situation. Die Leitzinsen sind weiterhin und könnten wohl nur um den Preis deutlich steigender Inflationsraten wieder gesenkt werden – der EZB wären also die Hände gebunden. Kaum anders geht es der Finanzpolitik: Konjunkturprogramme wie während der Finanzkrise kommen schon wegen der in der Verfassung verankerten Schuldenbremse heute nicht mehr infrage.

Selbst eine Steuersenkung von einem Umfang, den die Bundesregierung derzeit verspricht, wäre viel zu klein, um zum Beispiel ein wegbrechendes Exportgeschäft aufzufangen. „Der Aufschwung ist dieses Mal auf sich allein gestellt“, sagt Barclays-Ökonom Engels daher. Michael Heise von der Allianz stimmt zu: „Wenn wir in eine Situation kommen sollten, in der die Politik gefordert ist, wird es kritisch.“