Berlin-Tourismus

Chinesische Gäste haben sehr eigene Ansprüche

Die Chinesen stellen mittlerweile die größte Zahl der asiatischen Touristen in Berlin. Für die Branche sind sie ein großes Geschäft und eine große Herausforderung.

Foto: picture-alliance / ZB

Der Eingang in den „Charly Shop“ ist unscheinbar. Die Schaufenster sind mit Werbeplakaten für Askania-Uhren, die in der Hauptstadt gefertigt werden, zugeklebt. Aber wer über die Schwelle tritt, steht in einem Warenhaus der ganz besonderen Art. Hier, unweit des ehemaligen US-Army-Checkpoints Charly in Berlin, werden heute vor allem Reisengruppen aus China, Taiwan oder Südkorea mit allem versorgt, was in Asien einen guten Namen hat und teuer ist: Zwilling-Messer und Fissler-Töpfe, Offiziersmesser und Trinkflaschen aus der Schweiz, Uhren, Kosmetik und edles Reisegepäck werden hier en Gros verkauft. „In China ist es üblich, nach einer Auslandsreise Geschenke für die Familie und Freunde mitzubringen“ erklärt Wang Liting, die im Charly Shop arbeitet. Und für chinesische Touristen lohnt es sich, richtig groß einzukaufen: „Ein guter Schnellkochtopf kostet in Deutschland etwa 200 Euro und in China 6000 Yuan, also etwa 600 Euro“, erklärt Wang Liting.

Deshalb sind in dem etwa 300 Quadratmeter großen Laden die Kartons mit Fissler-Töpfen fast bis unter die Decke gestapelt. So mancher Kunden aus dem Fernen Osten kauft gleich fünf Pakete auf einmal und lagert sie im Reisebus zwischen. Nicht nur Töpfe, sondern auch Hand- und Reisetaschen von Markenherstellern wie Louis Vuitton oder Prada sind der Renner. Während Amerikaner das meiste Geld im Urlaub für tolles Essen und eine luxuriöse Unterkunft ausgeben, stecken Chinesen auf Auslandsreisen fast die Hälfte ihres Reisebudgets in Geschenke – so wie der chinesische Kunde, der neulich kurz vor dem Rückflug am Frankfurter Flughafen noch mal eben im Heinemann Duty Free Shop vorbeischaute. Am Ende verließ er das Geschäft mit drei Dutzend hochwertigen Uhren, sämtlichen Swarovski-Kristall-Vögeln, die im Laden zu haben waren, sowie einer ganzen Batterie von Parfums. Mit den Geschenken im Wert von insgesamt 16.000 Euro machte er sich zufrieden auf den Weg zurück in die chinesische Heimat.

Solche Kunden sehen Geschäftsleute natürlich gerne – in Zukunft könnte ihnen das sogar häufiger passieren. Denn vor kurzem hat TUI, der weltgrößte Anbieter von Pauschalreisen, von der chinesischen Regierung als einziges europäisches Unternehmen die Lizenz erhalten, Auslandsreisen für Chinesen zu organisieren. Darauf haben die Hannoveraner lange warten müssen: Bereits 2003 hatte der Konzern die chinesische Tochtergesellschaft TUI China Travel gegründet, an der zu einem Viertel auch noch die staatliche Tourismusbehörde CNTA beteiligt ist. Acht Jahre hat es also gedauert, bis das Unternehmen seine ursprünglichen Geschäftspläne im großen Stil umsetzen kann.

Bei den Berlin-Touristen haben die Chinesen die Japaner inzwischen überholt und stellen die größte Zahl der asiatischen Touristen in der Hauptstadt. Laut am Freitag veröffentlichten Zahlen besuchten im Mai insgesamt 5241 Bürger der Volksrepublik die Hauptstadt. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist das ein Plus von 37 Prozent. Die größte ausländische Touristengruppe stellen die Briten, gefolgt von den US-Amerikanern und Niederländern. Vor allem der Besuch aus Großbritannien hat im Vergleich zum Vorjahr deutlich zugenommen. Im Vergleich zum Vorjahr besuchten fast 23 Prozent mehr Briten die deutsche Hauptstadt.

Insgesamt zählte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg rund 929.000 Besucher aus dem In- und Ausland und mehr als zwei Millionen Übernachtungen für den Mai 2011 in den Berliner Beherbergungsstätten und auf den Campingplätzen. Nach den vorläufigen Berechnungen sind das 10,4 Prozent mehr Gäste und 6,2 Prozent mehr Übernachtungen als im gleichen Monat des Vorjahres. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer aller Gäste lag bei 2,2 Tagen, bei ausländischen Besuchern betrug sie 2,5 Tage.

Aber diese Geduld wird sich auszahlen. Das Potenzial des chinesischen Reisemarktes ist riesig: Bis 2020 soll sich die Zahl der chinesischen Touristen in Europa auf voraussichtlich acht Millionen vervierfachen. Im vergangenen Jahr zählte die Deutsche Zentrale für Tourismus DZT 1,1 Millionen Übernachtungen von Chinesen in Deutschland. Und laut DZT-Chefin Petra Hedorfer wird sich die Zahl der Übernachtungen bis 2020 wahrscheinlich verdoppeln. Zwar steht das Reisegeschäft in China erst am Anfang, doch die Chinesen werden schon bald die Japaner überholen – in Berlin haben sie das sogar schon getan. Mit seinem wachsenden Wohlstand werde sich China in zwei Jahren zum weltweit zweitgrößten Reise- und Tourismusmarkt nach den USA emporschwingen, erwarten die Unternehmensberater der Boston Consulting Group (BCG). Und für gut verdienende Chinesen wird das Reisen nach Auto- und Wohnungskauf immer wichtiger. Die Zahl der Auslandsreisen soll in den nächsten zehn Jahren um 17 Prozent steigen – jährlich.

Viele Reiseveranstalter sind auf chinesische Wünsche aber noch gar nicht eingestellt, heißt es in einer BCG-Studie. Die Autoren befragten 4250 Chinesen zu ihrem Urlaubsverhalten – also zu Reiseplanung, Ausgaben oder Zufriedenheit mit Reiseveranstaltern. Das Ergebnis: Sage und schreibe 95 Prozent der Chinesen fühlen sich weder im Inland noch im Ausland gut bedient. „Wenige europäische und amerikanische Reiseanbieter verstehen wirklich, was chinesische Touristen wollen“, lautet das Fazit der Studie.

Wohl auch deshalb sind die TUI-Manager noch sehr vorsichtig mit Angeboten. Zurzeit schnüren sie erst mal mögliche Test-Reisepakete für die chinesische Kundschaft. Die Ziele liegen eher in den Städten Nord- und Mitteleuropas und nicht auf Mallorca oder am Roten Meer. „Die meisten Chinesen meiden eher die Sonne“, heißt es bei der TUI.

Schwierig für die Organisation von Reisen für Chinesen ist auch, dass es bei ihnen nicht üblich ist, Reisen weit im Voraus zu buchen. In Chinas Großstädten können Tickets für den Bus oder den Zug frühestens vier Tage vor Abfahrt gelöst werden, in kleineren Städten sogar erst am Tag der Abreise. Jeder Chef würde es also befremdlich finden, wenn ein Mitarbeiter sechs Monate im Voraus fragen würde, ob er zu einem bestimmten Zeitpunkt in Urlaub gehen kann. Für Pauschalreiseveranstalter ist das eine Herausforderung, denn in der Regel kaufen sie Kontingente auf Flugsitze und Hotelbetten mit monatelangem Vorlauf.

Aber die Marke TUI ist mittlerweile auch in China bekannt. Und das hilft auf diesem vielversprechenden Massenmarkt. Denn Auslandsreisen buchen die Chinesen trotz langer Recherchen im Internet meistens immer noch über Reiseagenturen. Und da die Chinesen noch sehr unerfahren sind, verreisen die meisten gerne in Gruppen mit Freunden und wissen einen zeitlich fest vorgegebenen Reiseverlauf zu schätzen: Alle Sehenswürdigkeiten müssen für eine kurze Besichtigung und mit genug Zeit zum filmen und fotografieren angefahren werden, heißt es in der BCG-Studie. Hotels sollten zudem in der Möblierung der Zimmer und des Speisesaals Räume schaffen, die problemlos auch von größeren Gruppen genutzt werden können.

Als eines der ersten Hotelunternehmen hat jüngst die Arcotel-Gruppe aus Österreich ihre Homepage auf Chinesisch ins Netz gestellt. Laut Arcotel-Chef Manfred Meyer ist dies allerdings nur ein erster Schritt. Man wolle weiter daran arbeiten, „die Ansprüche der chinesischen Gäste erfüllen zu können und die Reisegewohnheiten zu verstehen“.

Stefan Gerhard, Hotelexperte und Chef der Unternehmensberatung Treugast kann sich sogar vorstellen, dass in absehbarer Zeit in Großstädten Hotels entstehen, die speziell auf die räumlichen und kulinarischen Bedürfnisse von chinesischen Reisegruppen zugeschnitten sind. Zum Frühstück würde es dann Nudelsuppe, gebratenen Reis, gedämpftes Gemüse, sowie ausreichend viel harte Eier und Sojaprodukte geben. Im Minibar-Sortiment sollten neben den Spirituosen immer Fertignudelsuppen in Plastiktöpfchen deponiert sein. Und auf dem Zimmer werden Wasserkocher, Grüner Tee in Teebeuteln, Teetassen und vor allem bequeme Schlappen von den Gästen erwartet.

„Chinesen wollen möglichst dreimal am Tag warm essen“ sagt zudem Stephan Interthal, General Manager im Kempinski Hotel Beijing. Zu Abend gegessen wird bei Chinesen auch auf Reisen möglichst um Punkt 18 Uhr – und dann verhängt auch Wang Liting die gläserne Eingangstür des Charly-Shops am Checkpoint mit einem grauen Bettlaken.