Deutsche Bank

Countdown um die Ackermann-Nachfolge läuft

Schon kommende Woche könnte die neue Spitze der Deutschen Bank feststehen. Gekämpft wird mit harten Bandagen, aber der Aufsichtsrat ist noch nicht einig.

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Die Nachfolge-Entscheidung bei der Deutschen Bank steht kurz bevor. Bereits an diesem Wochenende will die dreiköpfige Findungskommission nach Informationen von „Morgenpost Online“ zusammenkommen, um eine Vorentscheidung zu treffen. Der Zustand in der Nachfolgefrage sei unhaltbar geworden, so dass schnell eine Lösung gefunden werden müsse.

Sobald sich die Findungskommission, in der neben dem Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Börsig noch Tilman Todenhöfer und Werner Wenning sitzen, auf einen Vorschlag geeinigt haben, wird das Präsidium des Aufsichtsrats eingeschaltet werden. Dort sitzen neben Börsig und Todenhöfer die beiden Arbeitnehmervertreter Karin Ruck und Alfred Herling. Voraussichtlich wird dann nicht mehr bis zur offiziellen Aufsichtsratssitzung am 26. Juni gewartet, sondern schon vorher eine Entscheidung in einer außerordentlichen Sitzung getroffen.

Wie „Morgenpost Online“ berichtete, spricht sich Aufsichtsratschef Börsig für eine Doppelspitze mit Jürgen Fitschen und Anshu Jain aus und wird mit diesem Vorschlag in die Findungskommission gehen. Ziel ist es, auf diese Weise das breite Anforderungsprofil an die Führung der Deutschen Bank zu erfüllen. „Fitschen ist einer der besten vernetzten Banker, die es international überhaupt gibt, Jain hingegen ein genialer Produktspezialist und Führungsfigur“, sagt ein hochrangiger Banker von einem Konkurrenzhaus. „Das ist eine Kombination, die Banken international fürchten.“

Börsig ist dem Vernehmen nach auch fest entschlossen, das Duo durchzusetzen: „Er steht 100 Prozent dahinter“, sagt eine mit den Vorgängen vertraute Position. „Diese Lösung ist stimmig: Fitschen und Jain ergänzen sich perfekt, verstehen sich gut. Und durch den Altersunterschied ist auch sichergestellt, dass es nicht zu Grabenkämpfen kommt.“ Dem Vernehmen nach gibt es auch keine externen Kandidaten mehr.

Gerüchte, der Vorstandschef eines großen Industriekonzerns könnte Jains Partner werden, werden als abwegig bezeichnet. Auch eine hausinterne Alternative sieht Börsig dem Vernehmen nach nicht: „Zwei gleichaltrige Vorstandschefs mit ähnlichen Ambitionen funktionieren nicht“, sagt ein Mitglied des Aufsichtsrats. Risikovorstand Hugo Bänziger, der zuletzt ebenfalls immer wieder für die Vorstandsspitze gehandelt wurde, ist aus Börsigs Sicht offenbar keine Alternative als Partner für Jain. Er fürchte, dass sich die Manager gegenseitig Konkurrenz machen würden.

Der 62-jährige Fitschen, dessen Vertrag im nächsten Frühjahr ausläuft, und der 48-jährige Jain gelten seit längerem als gut harmonierendes Duo. Da Fitschen neben dem Deutschland-Geschäft der Bank auch weltweit für die etwas mehr als 50 Landesmanager (Chief Country Officers) verantwortlich ist, ist er auch international gut vernetzt. Sein Bereich gilt als besonders wichtig für die Produktmaschine, die der Inder im vergangenen Jahrzehnt von London aus weltweit aufgebaut hat. Das Investmentbanking hat 2010 fast 75 Prozent der gesamten Erträge des Konzerns erwirtschaftet.

Ob Börsig mit seinem Vorschlag durchkommt, ist aber noch nicht sicher. Denn so einige Mitglieder des Aufsichtsrats sind von dem Vorstoß überrascht, obwohl der Chefkontrolleur in den vergangenen Tagen etliche Vier-Augen-Gespräche geführt hat.

Auch muss Börsig weiterhin fürchten, dass er aus dem Amt gedrängt wird, obwohl er, wie „Morgenpost Online“ berichtete, fest entschlossen ist, dem amtierenden Vorstandschef Ackermann den Platz an der Spitze des Kontrollgremiums nicht zu überlassen. Gerüchte, dass die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat geschlossen hinter Ackermann stünden, dementierte gestern zumindest ein Mitglied des Gremiums: „Es gibt noch keine geschlossene Position der Arbeitnehmervertreter.“ Auch auf der Anteilseignerseite gilt es als unwahrscheinlich, dass Börsig aus dem Amt gewählt wird – auch wenn er nur wenige Aufsichtsratsmitglieder wirklich in seinem Lager weiß.

Schwierig könnte es für Börsig allerdings werden, wenn er mit seinem Vorschlag für die Vorstandsspitze nicht durchkommt. „Dann kann er gar nicht mehr anders als zurücktreten“, heißt es im Umfeld des Aufsichtsrats. „Das käme einem Misstrauensvotum gleich.“ Allerdings müssten sich die Mitglieder dann auch klar sein, dass sie Jain und vor allem Fitschen schaden würden. Es sei kaum vorstellbar, dass Letzterer im Konzern bleibe, wenn Ackermann weiterhin eine Rolle spielen sollte. „Dass Börsig Fitschen ins Spiel gebracht hat, wird Ackermann ihm nicht verzeihen“, sagt ein ranghoher Banker.

Sollte sich Börsig aber durchsetzen, dann dürfte es schwierig werden, für Ackermann noch eine gesichtswahrende Lösung zu finden. Vermutlich wäre seine Amtszeit dann sofort beendet, da das Vertrauensverhältnis zwischen dem Aufsichtsratsvorsitzenden und den Vorstandschef tiefgehend beschädigt ist. „Ackermann und Börsig werden nicht länger in einem Konzern arbeiten können“, sagt ein Aufsichtsratsmitglied. Mit großem Interesse wird die Nachfolgediskussion in der Deutschen Bank in der deutschen Politik und Wirtschaft verfolgt. So gab es in den vergangenen Tagen Gerüchte, Ackermann habe in hochrangigen Kreisen um Unterstützung für seine Position und Unterstützung geworben.

Den Politikern und Unternehmenslenkern ist ein guter Kontakt zur einzig verbliebenen globalen Bank in Deutschland besonders wichtig. Ihnen könnte daher etwas daran liegen, mit Fitschen einen Vertreter in der Konzernspitze zu haben. Der Niedersachse, der vor dem Studium eine Lehre zum Groß- und Außenhandelskaufmann machte, ist der zentrale Ansprechpartner für die Firmenkunden in Deutschland.

Jain hingegen ist für viele Vorstandsvorsitzende, die auch mal auf dem kurzen Dienstweg ihre Probleme von Konzernchef zu Konzernchef lösen wollen, ein Fremder. Der Inder entstammt nicht dem traditionellen Kundengeschäft, sondern dem Handelssaal. Er lernte das Bankerhandwerk an der Wall Street, wechselte 1995 vom US-Brokerhaus Merrill Lynch zur Deutschen. Inzwischen ist er zum Alleinverantwortlichen für das Investmentbanking und Großkundengeschäft aufgestiegen.

Vorstandschef Ackermann hat in den vergangenen Jahren jedoch sehr darauf geachtet, dass der Inder hierzulande kein Profil gewinnen kann. So gibt es so gut wie keine Interviews in deutschen Zeitungen. Lediglich in der „Morgenpost Online“ wurde er kürzlich zitiert. Damals äußerte er sich sehr positiv zu Vorstandschef Ackermann: „Joe hat uns allen gezeigt, wie wichtig es ist, staatsmännisch auftreten zu können. Er weiß, welche Rolle diese Bank in der Welt und in der Gesellschaft spielt.“ Inzwischen gilt das Verhältnis der beiden Manager zueinander allerdings von Misstrauen geprägt. Ackermann hat allzu deutlich gemacht, dass er in Jain nicht den geeigneten Nachfolger sieht: