Geschichte

Griechenland rutschte mehrfach in die Pleite

Marode Staatsfinanzen sind nichts Neues für die Griechen. Die Geschichte des Landes zeigt viele Parallelen zwischen dem 19. Jahrhundert und heute.

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Griechenland verfügt kaum über nennenswerte Einnahmen, dafür hat der Staat einen Berg Schulden. Programme zur Sanierung der Finanzen sind längst gescheitert, in anderen europäischen Ländern bangen Investoren um ihr Geld.

Am härtesten träfe die Pleite französische Banken, doch auch in Deutschland zittern Gläubiger. In Expertenkreisen sieht man die Staatspleite kommen, aufhalten kann sie niemand. Dann, im Dezember, folgt, was Fachleute erwartet haben. Der griechische Ministerpräsident tritt vor das Parlament und spricht die schicksalsschweren Worte: „Wir sind leider bankrott.“

Die Geschehnisse klingen seltsam aktuell, wie eine Blaupause der Zeitungsmeldungen der vergangenen Monate mit düster konstruiertem Ende. Und doch ist all das Vergangenheit, passiert vor 118 Jahren in Griechenland. 1893 hieß der Regierungschef Charilaos Trikoupis und nicht Giorgos Papandreou, doch beide hatten mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: mit enorm hohen Schulden, einer schwachen Wirtschaft und einer unterentwickelten Steuermoral.

Es waren von vornherein keine glücklichen Bedingungen, die der bayerische Prinz Otto vorfand, als er nach der griechischen Revolution 1832 als erster König den Thron bestieg. 500 Jahren osmanische Unterdrückung hatten ein ausgepresstes Land ohne eigene wirtschaftliche Perspektive hinterlassen: ohne Infrastruktur, ohne Bildungseinrichtungen, ohne Bürgersinn. Der Unabhängigkeitskrieg der Griechen hatte sich letzten Endes an der Steuerlast entzündet.

Die zu schultern, waren die Griechen auch für die eigene Sache kaum bereit. „Ein Bewusstsein dafür, dass das Gemeinwesen nur dann funktionieren kann, wenn alle mitzahlen, gab es nicht“, sagt die Historikerin Korinna Schönhärl, die an der Universität Duisburg-Essen die Beziehungen zwischen Europas Banken und dem jungen Hellas erforscht.

Wie aber ohne Einnahmen ein geordnetes Staatswesen aufbauen und finanzieren? Griechenlands Startkapital waren Schulden im Ausland, und die zu bedienen fiel dem junge Staat von Anfang an schwer. Bereits 1835 konnte sich Griechenland an den internationalen Finanzmärkten kein weiteres Geld mehr leihen.

Selbst die zwei französischen Finanzfachleute, die nacheinander zwischen 1831 und 1843 zur Unterstützung geschickt wurden, verzweifelten am hellenischen Wesen. „Die beiden machten zwar Sanierungsvorschläge, von denen aber nur wenige konsequent umgesetzt wurden“, sagt Schönhärl. Die Schulden stiegen und stiegen.

1875 sollten radikale Reformen das Land retten

Erst Charilaos Trikoupis, der ab 1875 als Ministerpräsident die griechische Regierung leitete, versuchte, mit radikalen Reformen – unter anderem sollten Beamtenapparat und Streitkräfte zusammengestrichen werden – die Finanzen des Staates zu sanieren.

Gleichzeitig sollte das Land modernisiert werden, um den internationalen Gläubigern neues Vertrauen einzuflößen. „Dazu wollte er die Verwaltung besser durchorganisieren und in zukunftsträchtige Bereiche investieren, wie in den Eisenbahnbau, Infrastrukturprojekte oder die Gas- und Wasserversorgung in Städten“, sagt Schönhärl. In zähen Verhandlungen einigte sich Athen schließlich mit den Gläubigern 1879 auf eine Umschuldung, wodurch die Aufnahme neuer Staatsanleihen wieder möglich wurde.

Doch der Preis, den Griechenland für diesen Befreiungsschlag zu zahlen hatte, war hoch – vielleicht zu hoch, wie man später sehen sollte. Als Garantie für die sechs Anleihen mit einem Gesamtwert von 630 Millionen Francs, die in London, Paris und Berlin bis 1891 aufgelegt wurden, verpfändete der Staat sein Tafelsilber.

Die Zolleinnahmen der Häfen Piräus und Patras sowie die Monopoleinnahmen aus dem Salz-, Zündholz- und Petroleumverkauf sollten als Sicherheit dienen. Während sich in den Geberländern die Anleger freuten und Anleihen kauften, wuchs in Athen die Schuldlast. Hatte sie um 1880 noch bei einem Fünfzehntel des Staatshaushalts gelegen, schnellte sie nun auf ein Drittel hoch.

Im Aus- und Inland ignorierte man diese Warnsignale jedoch. Statt das Geld aus den Anleihen in die griechische Infrastruktur zu stecken, flossen die meisten Mittel weiter in die Aufrüstung und den Erhalt des Staatsapparats, in dem die städtische Mittel- und Oberschicht versorgt wurde.

Franzosen warfen Griechen Vetternwirtschaft vor

Kein Wunder, dass der französische Publizist Georges Vayssié damals schimpfte, die griechische Politiker sähen die öffentliche Sphäre nur als Quelle von Profit und Ämtern, dass er ihnen Vetternwirtschaft und Clandenken und blinde Gier vorwarf. Nur eine großzügige neue Anleihe könne die weitere Zahlungsfähigkeit Griechenlands sichern, glaubte Vayssié, doch in Athen entschied sich die Regierung für einen anderen Weg und setzte auf den Export – von Korinthen.

Da in Europa in etlichen Anbaugebieten die Weinstöcke vom Mehltau befallen waren, schnellten die Preise auf dem Weltmarkt nach oben. Griechenland setzte alles auf die Rosine. Die Nachfrage stieg zunächst weiter, unter anderem, weil in England der Plumpudding in Mode kam, die nationale Süßspeise aus Trockenobst und Nierenfett. Die Pleite aber war programmiert: 1890 waren die Weinstöcke in Frankreich nachgewachsen und trugen wieder Früchte.

Um die heimischen Rosinen zu schützen, erhob das Land in der weltweiten Rezession von 1893 plötzlich Schutzzölle, die Weltmarktpreise brachen auf ein Sechstel ein. Griechenland hatte es verpasst, die Produktion frühzeitig stärker auf Kork, Tabak, Öl, Feigen oder Baumwolle zu diversifizieren, und wurde kalt erwischt.

„Die Krise begann 1891, und ab diesem Moment dauerte es nicht mehr lange bis zur Staatspleite“, sagt Schönhärl. Die Korinthenkrise versetzte der labilen Wirtschaft den Todesstoß. „Wenn man die Korrespondenz von Botschaftern und Bankiers in dieser Zeit liest, dann sieht man, dass viele den Staatsbankrott kommen sahen.“ 1893 musste das Land seine Zahlungen an das Ausland einstellen. In Frankreich, England und dem Deutschen Reich bangten die Gläubiger fortan um ihre Anlagen.

Damals wie heute stritten sich Experten über Hilfspakete

„Einige Bankiers wurden in Berlin bei der Reichsregierung vorstellig und verlangten, dass diese diplomatischen Druck auf Griechenland ausüben sollte.“ Doch die Regierung wollte den Banken nicht helfen. Diese hätten um das Risiko gewusst, so die weit verbreitete Meinung, sie hätten ja schließlich im Erfolgsfall auch die Gewinne für sich behalten. „Die Regierungen wollten kein Exempel zugunsten ihrer Banken statuieren“, sagt Schönhärl. Die waren schließlich auch damals schon in aller Welt teils risikoreich engagiert.

Dennoch wurde die Regierung aktiv: Da Griechenland 1897 Geld benötigte, um das besetzte Thessalien nach einer erneuten Niederlage gegen das Osmanische Reich freizukaufen, hatte man ein Druckmittel in der Hand, um die Konsolidierung zu erzwingen.

In internationalen Gesprächen verhandelten die europäischen Großmächte die Zukunft des Landes. Während französische und englische Anleihenbesitzer eher zu Kompromissen bereit waren, blieb die Reichsregierung hart, wie Schönhärl herausfand: „Sie hat durchgedrückt, dass es zu einer ganz unnachgiebigen Regelung kommt.“

Anders als heute konnten sich die Deutschen durchsetzen: Eine neue Anleihe gab es nur unter der Bedingung einer internationalen Finanzaufsicht über das Land. Athen musste akzeptieren. Fortan bestimmte die „Commission Financière Internationale de la Grèce“, deren acht Mitglieder je zur Hälfte aus den Gläubigerstaaten und aus Griechenland kamen, über die Verteilung der Monopol- und Zolleinnahmen. Die strenge Aufsicht der Europäer schien zu wirken – bis zum Einmarsch deutscher Truppen 1941 zahlte das Land zuverlässig Zinsen und Tilgungsraten zurück.