Schlagkräftige Lkw-Allianz

VW sichert sich Mehrheit am Lkw-Bauer MAN

VW hält jetzt die Mehrheit des Lastwagen- und Dieselmotorenbauers MAN. Damit kommt Europas größter Autokonzern der angestrebten Allianz seiner Lkw-Tochter Scania mit dem Münchener Nutzfahrzeug- und Maschinenhersteller einen entscheidenden Schritt näher.

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Europas größter Autobauer Volkswagen hat sich die Kontrolle beim Lastwagenbauer MAN gesichert. Der Wolfsburger Autokonzern kann 55,9 Prozent der MAN-Stammaktien übernehmen, wie VW am Montag mitteilte. MAN wird damit nach der Integration von Porsche die elfte Tochter im VW-Autoreich. „Volkswagen ist mit dem Ergebnis mehr als zufrieden“, erklärte Konzernchef Martin Winterkorn.

Die VW-Spitze will einen eigenen Lastwagenkonzern aus MAN und der schwedischen VW-Tochter Scania unter VW-Führung bilden. Auf dem Wege dazu sei mit der Mehrheit an MAN „ein wichtiger Meilenstein“ erreicht worden, teilte Volkswagen mit.

Anfang Mai hatten die Wolfsburger überraschend ihren Anteil an MAN auf über 30 Prozent erhöht und mussten ein Pflichtangebot abgeben. Erstmals nannte VW dazu auch ganz konkret als Ziel, einen „integrierten Nutzfahrzeugkonzern“ schaffen zu wollen. Durch eine engere Zusammenarbeit von MAN, der schwedischen VW-Tochter Scania und Volkswagen erwartet die Konzernspitze „erhebliche Synergien“ bei Einkauf, Entwicklung und Produktion.

MAN begrüßte die Übernahme durch Volkswagen: „Unsere Aktionäre haben sich entschieden: MAN wird zur VW-Familie gehören“, sagte ein Sprecher am Montag in München. Damit werde ein neues Kapitel in der

253-jährigen Geschichte des Unternehmens aufgeschlagen. „Die sich daraus ergebenen Chancen werden wir aktiv nutzen. Die Wolfsburger Pläne für eine Lkw-Allianz mit der schwedischen VW-Tochter Scania würden aus München vollständig unterstützt. „Unser Anspruch daran ist klar: Wir wollen gemeinsam Potenziale heben“, sagte der Sprecher.

MAN-Aktie deutlich gesunken

Die Frist für die Annahme des Angebots war am vergangenen Mittwoch abgelaufen. Der Kurs der MAN-Aktie war in den Tagen zuvor deutlich unter den Angebotspreis von 95 Euro pro Aktie gesunken. Händler könnten die Papiere günstig gekauft und dann das VW-Angebot angenommen haben, hieß es. Volkswagen hatte zunächst mindestens 35 bis 40 Prozent der Anteile an MAN erreichen wollen, um kartellrechtliche Hürden für eine enge Kooperation mit Scania aus dem Weg zu räumen. Die VW-Spitze arbeitet schon seit Jahren an einer Allianz der Lkw-Bauer.

MAN wird eine weitere Tochter im VW-Imperium, das in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen ist. Nach dem spektakulären Ringen um die Macht bei Porsche will VW sein Reich weiter ausbauen. Schon im vorigen Jahr schaffte der Wolfsburger Autobauer das neue Vorstandsressort „Nutzfahrzeuge“. Bisher aber findet sich nur der schwedische Lastwagenbauer Scania, an dem VW die Mehrheit der Stimmrechte hält, in der Sparte.

Volkswagen will bis 2018 größter Autokonzern der Welt werden. Doch auf dem Weg an die Weltspitze gibt es noch einige offene Flanken. Mit der Mehrheitsübernahme von MAN hat VW auch eine neue Baustelle aufgemacht. Neben der wegen juristischer Probleme schwierigen Eingliederung des Sportwagenbauers Porsche läuft auch die Partnerschaft mit dem japanischen Kleinwagenbauer Suzuki nicht so reibungslos wie erhofft. In China, Russland und Indien ist VW auf Expansionskurs, in den USA verfolgt Volkswagen mit einer gerade neu eröffneten Fabrik große Pläne. Und innerhalb des Konzerns ist auch die spanische Tochter Seat immer noch ein Problemfall.

Die Unternehmen

MAN: Die Münchner sind hinter dem Branchenprimus Daimler der größte deutsche Lastwagenbauer. Doch nicht allein mit schweren Lastwagen macht das Unternehmen Geld: Der Konzern ist auch ein wichtiger Maschinenbauer, fertigt Dieselmotoren etwa für Schiffe und Getriebe für den Einsatz auf See oder in Panzern. Volkswagen hat angesichts von Befürchtungen, MAN könne nach einer Übernahme zerschlagen werden, stets betont, den Konzern in seiner Struktur zu erhalten. Weltweit beschäftigt der derzeit noch im Dax notierte Konzern mehr als 47 700 Menschen. MAN erzielte 2010 einen Umsatz von 14,7 Milliarden Euro, unter dem Strich verdiente der Konzern rund 722 Millionen Euro. Die wechselvolle Geschichte von MAN nahm 1758 mit der Eisenhütte St. Antony in Oberhausen ihren Anfang. Eine Grundlage für den Erfolg legte 1897 Rudolf Diesel, der für einen Vorläufer des Konzerns, die Maschinenfabrik Augsburg AG, den ersten Dieselmotor baute – und Geschichte schrieb. Seit 1986 ist MAN in München daheim.

Scania: Die Schweden decken bislang innerhalb des VW-Konzerns das Geschäft mit schweren Lastwagen und Bussen ab – das Unternehmen definiert sich selbst als Premiummarke in der Branche. Scania mit Sitz in Södertälje bei Stockholm beschäftigt weltweit 34 000 Menschen. Das Unternehmen ist bei schweren Lastwagen einer der weltweit erfolgreichsten Anbieter. VW hält 29,3 Prozent am Kapital sowie 71,8 Prozent der Stimmrechte und ist damit Mehrheitseigner. Als MAN Ende 2006 einen Übernahmeversuch startete, wehrten sich die Skandinavier mit Erfolg. Scania verdiente im vergangenen Jahr 9,1 Milliarden Kronen (eine Mrd Euro). Der Umsatz lag bei 78,2 Milliarden Kronen.