Vorbild Argentinien

So könnte Griechenland den Wirtschaftsboom schaffen

2001 erklärte Argentinien den Staatsbankrott. Dank einer geordneten Umschuldung boomt die Wirtschaft wieder. Der Fall kann Vorbild für Athen sein.

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Tequilakrise, Tangokrise, Sucre-Krise. Früher kamen die Schreckensmeldungen für die internationale Finanzwelt oft aus Lateinamerika. Nun protzt der Subkontinent mit robustem Wachstum, gesunden Konjunkturdaten – und betrachtet seinerseits mit Sorge die Entwicklung in Europa.

Vergleiche von Pleiteszenarien dies- und jenseits des Atlantik könnten durchaus erhellend sein, sagen Finanzexperten. Vor allem lohne ein Blick auf die Argentinien-Krise vor einem Jahrzehnt: In dem südamerikanischen Land war es Ende 2001 angesichts der Überschuldung, eingefrorener Konten und unpopulärer Sparmaßnahmen der Regierung zur sozialen Explosion gekommen.

In Argentinien kam die Pleite damals auf Raten. Schon seit Anfang 2001 hatte es Anzeichen gegeben, dass den ausländischen Gläubigern die Verschuldung des Landes unheimlich geworden war: Kapital wurde abgezogen, die Kurse an den Börsen purzelten, die Risikoaufschläge auf argentinische Staatsanleihen stiegen.

Doch der Internationale Währungsfonds (IWF), der das Land bis dahin wegen seiner neoliberalen Wirtschaftspolitik als Musterschüler gelobt hatte, sprang mit Stützungskrediten ein und schickte Experten vor, um der Welt zu erklären, die Schwierigkeiten seien vorübergehend. Das Haushaltsdefizit lag bei 6,5 Milliarden Dollar, das Land steckte seit drei Jahren in einer Rezession, ein Fünftel der Argentinier waren arbeitslos.

Der auf Schwellenländer spezialisierte Investmentbanker Walter Molano sagt, Argentinien sei damals im Übermaße von ausländischem Kapital abhängig gewesen – wie nun auch das schuldengeplagte Griechenland.

Viele Parallelen zwischen Griechenland und Argentinien

Beide Länder hätten versucht, ihre Haushaltsdefizite über Verschuldung zu finanzieren. In beiden Fällen hätten IWF beziehungsweise EU mit Stützungskrediten lange mitgespielt – in der Hoffnung, private Investoren zurückzuholen. In Argentinien verkündete Präsident Fernando de la Rúa einen Sparplan nach dem anderen und holte in einem Verzweiflungsakt im März 2001 den eigentlich der peronistischen Opposition angehörenden Ökonomen Domingo Cavallo ins Wirtschaftsministerium.

Cavallo war der Vater der Währungsparität von Dollar und Peso und hatte damit dem Land 1991 nach einer Phase der Hyperinflation die ersehnte Stabilität verschafft. Alle Hoffnung lag nun auf seinen Schultern. Er zündete ein Feuerwerk wirtschaftspolitischer Maßnahmen – doch die Anleger beruhigten sich nicht.

Aus seiner damaligen Erfahrung heraus rät Cavallo den Griechen heute, nicht lange mit einer geordneten Umschuldung zu fackeln. Als er sich letztlich dazu durchgerungen habe, hätte ihm der IWF weitere Unterstützung verweigert und damit das Land ins Chaos gestürzt, schreibt er in einem Essay über die „Lektionen des argentinischen Staatsbankrotts“. Begleitet werden müsse die Umschuldung von tiefgreifenden Haushalts- und Steuerreformen.

Als Cavallo im Oktober 2001 schließlich von einer Umschuldung der 132 Milliarden Dollar Ausstände zu reden begann, löste er damit einen Run auf die Banken aus. Nicht nur Ausländer, auch wohlhabende Argentinier zogen scharenweise ihre Einlagen ab. Es war die Zeit, in der täglich mehrere Schiffs- und Flugzeugladungen voller beunruhigter Argentinier im benachbarten Uruguay aufschlugen.

„Sie hatten Koffer voller Dollars dabei, die sie hier einzahlten“, erinnert sich eine Angestellte der staatlichen uruguayischen Bank. Noch konnten die Argentinier ihre Währung 1:1 zum Dollar wechseln. Doch gerade in der Parität zwischen Dollar und Peso lag nach Auffassung des Experten Molano die Wurzel der Krise des Landes.

„Argentiniens Problem war nicht die Verschuldung“, schreibt der Finanzfachmann. Die lag beispielsweise im Nachbarland Brasilien noch deutlich höher. „Das Problem war die Währungsparität.“ Diese hatte den Argentiniern zwar über Nacht eine enorme Kaufkraft beschert, doch die reale Wirtschaft litt, da durch eine schleichende Inflation die Peso-Dollar-Parität hinfällig wurde.

Der Staat hatte sich um Reformen gedrückt

Firmen waren nicht mehr konkurrenzfähig und mussten schließen, staatliche Unternehmen wurden privatisiert. Zehntausende von Arbeitsplätzen gingen verloren. Eines der reichsten Länder nach dem Zweiten Weltkrieg verarmte, die Regierung verschuldete sich, die Wirtschaft stockte – doch die Elite drückte beiden Augen zu.

Auch griechische Politiker hätten sich um strukturelle Reformen gedrückt und schließlich die Geldgeber mit der Drohung schwerer Verwerfungen erpresst, um weitere Kredite zu bekommen, schreibt Molano.

Und auch Griechenlands Problem sei nicht die Verschuldung selbst – sondern der Euro und die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit . Deshalb halte er die Abwertung für die einzige Lösung. Ex-Wirtschaftsminister Cavallo sieht das anders. Eine Loslösung von der Gemeinschaftswährung Euro und die Rückkehr zur Drachme würde ein Chaos auslösen und eine Inflationsspirale in Gang setzen, schreibt er.

Ihm brach die Parität damals aber das Genick: Am 3. Dezember 2001 verhängte Cavallo in einem Verzweiflungsakt die als „corralito“ in die Geschichtsbücher eingegangene Bankenschließung. Plötzlich hatte niemand mehr Zugriff auf sein Geld, man durfte nur noch 250 Pesos – 250 Dollar – wöchentlich abheben.

IWF und Weltbank froren ihre Kredite ein, weil Argentinien seine geplanten Einsparungen im Staatshaushalt nicht erfüllt hatte. Nun griff auch die Mittelschicht zu den Topfdeckeln und machte ihrem Ärger lärmend Luft – auf die gleiche Art hatten die Argentinier einst gegen die Diktatur demonstriert.

Es kam zu Massenprotesten und Plünderungen. Banken wurden angegriffen, Politiker konnten sich nicht mehr in die Öffentlichkeit wagen, ohne ausgebuht oder attackiert zu werden. Die Gewerkschaften riefen zu einem Generalstreik auf; das gesamte Kabinett trat zurück. Präsident de la Rúa verhängte den Ausnahmezustand.

Aus der Wirtschaftskrise wurde eine politische

Dann kam der 20. Dezember, an dem aus der wirtschaftlichen auch eine politische Krise wurde. Es war ein lauer Abend in Buenos Aires, als die Menschen dem Ausnahmezustand trotzten und auf die Plaza de Mayo strömten, um sich vor dem Präsidentenpalast zu versammeln.

Zuerst einige hundert, dann tausende, dann zehntausende. Der Lärm war ohrenbetäubend, die Stimmung gereizt, die Argentinier forderten den Rücktritt der Regierung und drohten, nicht vorher abzuziehen. „Que se vayan todos – alle müssen weg“, lautete das Schlagwort.

Polizei und Militär weigerten sich, gegen die Menge vorzugehen, die politische Elite, einschließlich seiner eigenen Partei, zeigte de la Rúa die kalte Schulter. In der Nacht gab er auf, unterzeichnete seine Rücktrittserklärung und ließ sich mit einem Hubschrauber aus dem umlagerten Präsidentenpalast fliegen. Es folgten unruhige Tage mit drei Übergangspräsidenten allein zwischen Weihnachten und Neujahr.

Einer von ihnen erklärte in einer turbulenten Kongresssitzung am 23. Dezember die Zahlungsunfähigkeit des Landes – und wurde bejubelt, als habe er gerade den Sieg bei einer Fußball-WM verkündet.

Doch damit war das Problem nicht gelöst. Erst als Interims-Präsident Eduardo Duhalde Anfang Januar die Wechselkursparität aufhob und der Peso über Nacht drei Viertel seines Wertes verlor, begann die Wirtschaft wieder zu funktionieren.

Der Preis für die lange Verschleppung allerdings war hoch: Argentinien versank in einer der tiefsten Rezessionen seiner Geschichte. Wohnungen in bester Lage in Buenos Aires waren zu Schnäppchenpreisen zu haben, bankrotte Firmen wurden von den verzweifelten, arbeitslosen Arbeitern übernommen und auf brüchiger rechtlicher Basis als Kooperativen weitergeführt. Das Pro-Kopf-Einkommen schrumpfte von 7400 auf 3300 Dollar jährlich.

Die Fluglinie Aerolineas Argentinas stand vor der Pleite, tausende Argentinier überlebten als Müllsammler, viele Dinge gab es nur noch auf dem Schwarzmarkt – oder im Tauschgeschäft. Auch ausländische Firmen mussten mit dem Chaos zurechtkommen. „Ich habe damals Landmaschinen gegen Sojaladungen getauscht“, erinnert sich ein Manager des Fabrikanten Deutz.

Im März 2003 fanden Wahlen statt, die der damalige peronistische Gouverneur der patagonischen Provinz Santa Cruz, Nestor Kirchner, für sich entscheiden konnte. Während auf politischer Ebene ein zähes Tauziehen mit den Gläubigern begann – denen Kirchner in beinharten Verhandlungen einen in der Finanzgeschichte bis heute einmaligen Kapitalschnitt von durchschnittlich 65 Prozent abrang –- ging es mit der Wirtschaft langsam bergauf.

Neue Geschäfte und Restaurants öffneten. Der nun vergleichsweise billige Wechselkurs ließ die Exporte in die Höhe schnellen und lockte Touristen an. Die chinesische Nachfrage nach Soja und Rohstoffen kurbelte die Wirtschaft an, die zwischen fünf und acht Prozent jedes Jahr zulegte.

2005 erreichte das Bruttoinlandsprodukt wieder das Vor-Krisen-Niveau, Buenos Aires strahlte in neuem Glanze – und die Preise waren saftig wie eh und je. „Das war aber erst möglich, als die Argentinier merkten, dass ihnen niemand aus der Patsche helfen wird“, schreibt Finanzexperte Molano. „Für Griechenland ist es an der Zeit, diese Lektion zu lernen.“