Wirtschaftsranking

Trotz Wachstum – Berlins Rückstand ist immens

Brandenburg und Berlin beeindrucken durch das höchste Jahreswirtschaftswachstum im Bundesvergleich. Als derzeitiger Wirtschaftsstandort schneidet die Hauptstadt jedoch schlecht ab.

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Die Hauptstadtregion wächst so rasant wie kein anderes Bundesland in Deutschland. Im Bundesländer-Ranking der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) landen Brandenburg und Berlin auf den ersten beiden Plätzen in der Kategorie Dynamik. Die Hauptstadt wies in dem Zeitraum 2007 bis 2010 das höchste Jahreswirtschaftswachstum aller Bundesländer auf. Um sechs Prozent konnte die Wirtschaft zulegen. Die Zahl der Arbeitsplätze wuchs um 5,1 Prozent – auch das ein absoluter Spitzenwert in Deutschland.

INSM legte das jährliche Standort-Ranking in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Wirtschaftswoche“ zum neunten Mal vor. Finanziert wird die INSM im Wesentlichen vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Berlin konnte sich dabei in den vergangenen Jahren stets verbessern. Im Dynamik-Ranking lag die Hauptstadt 2009 noch auf Platz sechs, vergangenes Jahr auf Platz drei und aktuell auf dem zweiten Platz. Nur Brandenburg liegt vor der Hauptstadt, vor allem wegen der Nähe zu Berlin. Die Dynamik des Umlandes speise sich aus der Nähe zur „ökonomisch aufstrebenden Bundeshauptstadt Berlin“, sagte INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. „Wir haben es mit einem Aufbruch der Region Berlin-Brandenburg zu tun.“

Für die Studie untersuchen Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) rund 100 Indikatoren und erstellen daraus zwei Ranglisten aller Bundesländer. Das Dynamik-Ranking zeigt, welche Regionen sich seit 2007 besonders gut entwickelt haben. Zudem werden anhand von Faktoren wie Bevölkerungsentwicklung und Forschungsdichte die Zukunftschancen bewertet.

In einer zweiten Rangliste, die das Niveau, also den Ist-Zustand der Bundesländer als Wirtschaftsstandort bewertet, schneidet Berlin allerdings wesentlich schlechter ab. Dort landet die Hauptstadt auf dem 15. Platz aller 16 Länder. Schlusslicht ist Sachsen-Anhalt, Brandenburg kommt auf Platz 13. Angeführt wird diese Rangliste von Bayern.

Dieses zweite Ranking zeigt den großen Rückstand, den die Hauptstadt immer noch hat. Berlin hat mit 13,6 Prozent die höchste Arbeitslosenquote aller Bundesländer. Die Kaufkraft ist mit durchschnittlich 17808 Euro je Einwohner und Jahr deutlich geringer als bei Spitzenreiter Bayern, wo dieser Wert fast 20000 Euro beträgt. Auch die hohe Verschuldung der Stadt und die meisten Straftaten je 100000 Einwohner sorgen dafür, dass Berlin so schlecht abschneidet.

„Solche Ranglisten sind immer mit Vorsicht zu genießen“, sagte deshalb auch Bernhard Schodrowski, Sprecher der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Der Rückstand des Standortes Berlin sei immer noch immens. „Wir müssen vor allem alles daran setzen, mehr Menschen in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu bringen“, so Schodrowski. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) sieht dagegen in dem guten Abschneiden eine Bestätigung der Berliner Wirtschaftspolitik. „Die positive wirtschaftliche Dynamik ist eine gute Voraussetzung, die Arbeitslosigkeit weiter zu senken“, so Wolf.

Unter dem Strich kann Berlin Mut aus der Studie schöpfen. „Berlin entwickelt eine nachhaltige Eigendynamik. Die Entwicklung wird getrieben von wissensintensiven Dienstleistungen und wissenschaftsgetriebenen jungen Unternehmen“, sagte Studienleiter Marc Feist. So hat Berlin so viele Hochqualifizierte wie kein anderes Bundesland. 14,8 Prozent aller regulär Beschäftigten verfügen über einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss. Zudem bewerten die Autoren der Studie den Großflughafen Berlin-Brandenburg als „Treiber der Aufwärtsentwicklung“.