Berufsschüler aus Shanghai

Chinesen lernen in Adlershof alles über Chemie

Internationalen Chemie-Konzernen in China fehlt gut ausgebildetes Personal. Darum schicken sie ihre Angestellten zur Lehre nach Berlin. Und nicht nur das: Jetzt soll die Ausbildung in Shanghai neu gestaltet werden – nach Berliner Vorbild.

Foto: David Heerde

Für die die beiden Jungs, die da im Labor gerade eine lilafarbene Flüssigkeit per Unterdruck in der Pipette halten, ist es eine Ehre, hier zu sein. In ihrer Heimat haben sie ein Testverfahren durchlaufen, sich gegen Hunderte Konkurrenten durchgesetzt und eindringliche Botschaften mit auf den Weg bekommen. Wu Yichen und Wei Cong, beide aus Shanghai und beide 19 Jahre alt, sollen lernen, wie so eine Ausbildung hier in Deutschland läuft. Nach knapp zwei Wochen haben sie schon eine grundlegende Erkenntnis verinnerlicht. „You can make mistakes here“, sagt Wu Yichen. Man kann hier Fehler machen.

Es ist ein Novum, was gerade im Berufsbildungszentrum Chemie (BBZ) in Adlershof passiert, einem Flachbau, vor dem dreispurig der Verkehr auf dem Adlergestell tost. Im BBZ, wo seit Jahr und Tag Unternehmen wie der Pharmakonzern Bayer, der Chemieriese BASF und der Arzneimittelhersteller Berlin Chemie ihre angehenden Chemikanten und Laboranten zu Kursen schicken, wird in diesen Wochen geprüft, ob das duale Ausbildungssystem das Zeug zum Exportschlager hat. Die Chinesen, sagt BBZ-Chefin Ines Krämer, zeigen jedenfalls großes Interesse.

Seit Jahren sprechen Arbeitgeberverbände und Kammern davon, dass das deutsche duale Ausbildungssystem, die Verschränkung von Praxis im Betrieb und Berufsschule, das Zeug zu einem internationalen Hit hätte. In der Berufsschule der Berliner Chemie- und Pharmaindustrie BBZ gibt es jetzt zumindest starke Indizien dafür.

7000 junge Chinesen

Angefangen hat das alles schon vor zwei Jahren. Da meldete sich bei Paul Kriegelsteiner, dem Hauptgeschäftsführer des Verbandes Nordostchemie, ein Mann namens Su Yong aus Shanghai. Sein Titel: Direktor der Shanghai Petro-Chemical Academy, kurz SPA. Die SPA ist so etwas wie das Berufsbildungszentrum der chemischen Industrie in Shanghai, jedoch mit größeren, chinesischen Dimensionen. Im Adlershofer BBZ, das von Nordostchemie betrieben wird, lernen rund 250 Berufsschüler. Rund 8400 Kilometer Luftlinie entfernt in Shanghai werden 7000 junge Chinesen wie Wu und Wei unterwiesen – Nachwuchs für internationale Chemieriesen wie Bayer, Dow Chemical oder den Essener Konzern Evonik, die dort riesige Werke haben. Und die waren mit den Absolventen der SPA unzufrieden. „Also hat mich mein Kollege aus Shanghai gefragt, ob er sich bei uns mal informieren könnte“, sagt Kriegelsteiner.

Der Nordostchemie-Hauptgeschäftsführer stimmte zu, und so begann ein reger Delegationsverkehr zwischen Shanghai und Berlin. Kriegelsteiner flog 2009 mit Lehrern nach Shanghai, im Jahr drauf schaute Su Yong mit seiner Entourage bei Ines Krämer am Adlergestell vorbei. „Der Direktor und seine Leute waren äußerst wissbegierig“, sagt sie. Fragenkataloge wurden abgearbeitet, Speicherkarten mit Bildern von den Laboren, Apparaturen und Unterrichtseinheiten im BBZ gefüllt. Die Lehrer aus Shanghai schauten ihren Kollegen zu, und im Mai 2011 wurden Wu und Wei nach ausführlichem Testverfahren ausgewählt, um acht Wochen lang in Berlin deutsches Lernen zu lernen.

Ausbildung in Shanghai nach deutschem Vorbild

Das Interesse der Chinesen an der deutschen Berufsausbildung hat mit dem Wandel der Arbeit im asiatischen Riesenreich zu tun. Anfangs profilierten sich die Chinesen mit ihren Heerscharen an billigen Arbeitskräften auf dem Weltmarkt. Es waren einfache, wenig komplexe Produkte, die hergestellt wurden. Die Zeiten sind vorbei. Mehr und mehr geht es auch in China um Erzeugnisse, für deren Herstellung man viel Wissen braucht. Das gilt auch für die Chemiebranche. Für diese komplexeren Produkte und aufwendigeren Verfahren genügt den Unternehmen in China nicht mehr die Ausbildung, die derzeit dort praktiziert wird.

„Die haben dort die Anleitungen von Analysegeräten gepaukt“, sagt Kriegelsteiner. Doch den komplexen Anforderungen der Unternehmen im Arbeitsalltag genügte dies nicht mehr. Jetzt wird die Ausbildung in Shanghai nach deutschem Vorbild umgekrempelt.

Für die beiden 19-Jährigen aus Shanghai mutet die deutsche Art der Wissensvermittlung geradezu exotisch an. In Berlin haben sie ihren eigenen Laborarbeitsplatz. In Shanghai, erzählt Wei Cong, drängeln sich bis zu 50 Lehrlinge um einen Arbeitstisch. Sie müssen sich dort von ihrem Stuhl erheben, wenn der Lehrer den Raum betritt. Sie achten untereinander darauf, dass die Schuluniform richtig sitzt. Der Lehrer trägt sein Wissen vor, die Jugendlichen notieren und nehmen es hin. Keine Diskussionen, kein Ausprobieren. Doch das solle sich ändern, hat ihr Direktor verfügt. Die jungen Chinesen sollen fragen und infrage stellen. Und weil weder Lehrer noch Schüler in Shanghai mit solcher Methodik vertraut sind, wollen sie es von den Berlinern lernen.

Ausbildungsallianz Berlin–Shanghai

Im Oktober soll die nächste Stufe der Ausbildungsallianz Berlin–Shanghai erklommen werden. Dann soll es darum gehen, dass die Lehrer vom BBZ Unterrichtskonzepte für die Lehre in Shanghai erarbeiten. „Unser Know-how der Berufsausbildung würden wir natürlich gern verkaufen“, sagt Kriegelsteiner – gewissermaßen ein Export Berliner Lehrpläne nach China. Sie wollen den Kollegen in Shanghai sagen, wie sie ihre Labore ausstatten und was genau dort gelehrt werden soll.

Und in Shanghai werden auch Wu und Wei Bericht erstatten. Sie werden vom Unterricht im BBZ erzählen und vom Umgang mit Lehrlingen in Betrieben wie Bayer in Berlin und BASF im brandenburgischen Schwarzheide. Sie werden auch sagen, was sie am meisten verwundert hat: nämlich dass deutsche Lehrlinge Geld bekommen. Ein Chemikant erhält schon im ersten Ausbildungsjahr mehr als 700 Euro Vergütung monatlich. Die Familien von Wu und Wei müssen dagegen in Shanghai für jedes der vier Ausbildungsjahre umgerechnet 400 Euro bezahlen. Das wird wohl auch so bleiben – trotz aller Begeisterung für das deutsche Ausbildungssystem.