Militante Gruppen

Firmen fürchten sich vor neuen Anschlägen

Der Brandanschlag auf die Deutsche Bahn hat bei deutschen Unternehmen die Angst vor weiteren Attacken geschürt. Auch die Polizei vermutet, dass die Fälle politisch motivierter Gewalt zunehmen werden.

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Die Genossen vom Aktionskommando „Das Grollen des Eyjafjallajökull“ können zufrieden sein. Vier Tage und Nächte dauerten die Reparaturarbeiten der Deutschen Bahn in Berlin. Erst seit Freitag fährt die S-Bahn wieder regulär, nachdem in der Nacht zu Montag ein Kabelschacht durch einen Brandanschlag zerstört worden war. Stromversorgung, Internetleitungen und Kabel von Mobilfunkanbietern wurden gekappt. Bald darauf tauchte in einem linken Internetforum ein Bekennerschreiben der Gruppe auf, die sich nach dem Vulkan in Island benannt hat.

Es war der spektakulärste Anschlag auf ein Unternehmen, den Deutschland seit Langem gesehen hat, und der vorläufige Höhepunkt einer brisanten Entwicklung, die Sicherheitsstrategen in Behörden und Unternehmen zunehmend Sorge bereitet. Erregte Debatten über den Atomausstieg, über Stuttgart21 oder die Verantwortung von Banken in der Finanzkrise senken bei einigen Menschen im politischen Randbiotop weit links die Hemmschwelle. Unternehmen als Repräsentanten und Träger des verhassten Systems rücken ins Visier, und gut vorbereitet sind sie nicht.

„Vertreter des Systems“ gibt es für die militante Linke viele, DHL zum Beispiel, den Paketdienst der Deutschen Post: 2009 wurden überall in der Bundesrepublik Fahrzeuge angezündet, weil das Unternehmen im Auftrag der Bundeswehr Ausrüstung zu internationalen Einsätzen befördert. „DHL ist Teil der deutschen Kriegsführung in Afghanistan“, beschied eine Gruppe, die in Neukölln einen Laster abfackelte, in einem Schreiben.

Auch Energiekonzerne und Banken sind Anschlagsziele. Immer wieder brennen Fahrzeuge von RWE, E.on und Vattenfall. Vor zwei Wochen brannte es bei Vattenfall in Berlin gleich zweimal: vor einem Heizkraftwerk und vor einem Bürohaus des Versorgers. Doch das Phänomen ist auch abseits der Metropolen bekannt. Im niedersächsischen Sprötze etwa wurde 2010 eine fast betriebsbereite Hähnchenmastanlage abgefackelt. „Nicht menschliche Tiere werden als nutzbare Ressource angesehen und behandelt“, texteten die Aktivisten der Animal Liberation Front im Bekennerschreiben – und drohten: „Alle Versuche, die Mastanlage wieder aufzubauen, um Profit auf Kosten von Individuen zu machen, werden wir verhindern.“

Carsten Baeck, ehemaliger Kripomann und heute Unternehmer, verfolgt die Gewaltspirale seit Langem. „Die Fälle politisch motivierter Gewalt gegen Unternehmen werden zunehmen“, ist der Chef der Deutschen Risikoberatung (DRB) in Berlin, der viele Unternehmen berät, überzeugt. Baeck sieht immer mehr gesellschaftliche Reizthemen, die potenziellen Straftätern als Anlass für Anschläge dienen könnten: „Energie- oder Rüstungsunternehmen und alle, die als Helfershelfer des Staats gelten, geraten ins Visier.“

Warnende Töne kommen auch vom größten globalen Wachschutzunternehmen Securitas, das in Deutschland auch Atomkraftwerke bewacht. Thomas Mensinger von Securitas sagt: „Die Gewaltbereitschaft nimmt zu, und man nimmt eher in Kauf, Menschenleben in Gefahr zu bringen.“ Am meisten gefährdet sind Firmen mit großer Infrastruktur aus den Branchen Energie, Telekommunikation und Verkehr oder Banken mit einem großen Filialnetz: Alle sind leicht angreifbar.