Wachstumsprognose

Warum der Landesbank-Chef fest an Berlin glaubt

Trotz verhaltener Prognose glaubt Landesbank-Vorstand Hans Jürgen Kulartz an Berlin. Mit Morgenpost Online spricht er über fehlende Industrie, clevere Forscher und Geldmangel.

Foto: Marion Hunger

Hans Jürgen Kulartz kümmert sich im Vorstand der Landesbank Berlin (LBB) um das Geschäft mit Firmenkunden. Trotz verhaltener Wachstumsaussichten glaubt er an das Potenzial der Stadt – vor allem, weil hier so viele neue Unternehmen gegründet werden. Mit Kulartz sprach Hans Evert.

Morgenpost Online: Herr Kulartz, eine Studie für Ihr Haus entwirft ein pessimistisches Szenario für Berlin bis 2030: geringes Wachstum, schwächer als der Bund. In den vergangenen zwei Jahren wurde immer das große Potenzial beschworen und vom Aufholen gesprochen. Haben wir uns in Berlin was vorgemacht?

Hans Jürgen Kulartz: Was die Studie zeigt, ist ein realistisches Bild. Auch in Zukunft wird die Region eher verhalten wachsen. Dennoch gibt es zumindest in Berlin – das zeigt die Studie ebenfalls – Branchen, die sich sehr dynamisch entwickeln. Das ist zum Beispiel die Gesundheitswirtschaft oder die Umwelt- und Energietechnik. Derzeit entstehen auch viele kleinere und innovative Unternehmen mit einem Umsatz bis zu zwei Millionen Euro. Aber das größte Hemmnis ist die – historisch bedingt – fehlende industrielle Basis.

Morgenpost Online: Senat und Wirtschaftsverbände haben sich die Reindustrialisierung auf die Fahne geschrieben. Sind die Bemühungen umsonst?

Hans Jürgen Kulartz: Nein, keineswegs. Zwar wird es in Berlin keine Reindustrialisierung geben, dazu fehlt hier mittlerweile die entsprechende Basis. Ich sehe aber große Chancen bei der Verknüpfung von Wissenschaft und Industrie, zum Beispiel bei der künftigen Nutzung des Flughafens Tegel. Auf absehbare Zeit wird – und das gilt für viele Industriezweige – kaum neue Produktion in Deutschland aufgebaut werden. Neuere Standorte der Autoindustrie in Dresden und in Leipzig bleiben eine Ausnahme. Darauf in Berlin zu hoffen wäre eine Illusion.

Morgenpost Online: Bleiben wir beim Beispiel Auto: Die Branche wird sich – Stichwort Elektromobilität – in den nächsten Jahren wandeln. Viele sehen darin eine Chance für Berlin.

Hans Jürgen Kulartz: Die großen Standorte der Autoindustrie sind im Westen und im Süden der Republik. Das wird sich auch im Zeitalter der Elektromobilität nicht ändern. Ich glaube nicht, dass ein Standort für eine neue Fabrik zur Debatte steht.

Morgenpost Online: Unterschätzen Sie nicht die Dynamik, die durch technologischen Wandel ausgelöst werden kann? Warum sollen Neuentwicklungen, von denen wir heute kaum was ahnen, nicht eine Renaissance des Industriestandorts Berlin befördern?

Hans Jürgen Kulartz: Natürlich darf man für eine Zukunftsbetrachtung nicht einfach nur Trends der Vergangenheit fortschreiben. Aber egal wohin sich beispielsweise die Mobilität entwickelt: Die Produktionskapazitäten werden bleiben, wo sie heute sind. Dann stellt eben VW neue Maschinen in die Hallen und produziert Autos mit anderen Antriebsaggregaten. Sie müssen dafür nicht Wolfsburg aufgeben.

Morgenpost Online: Haben die Akteure in Berlin – Senat, IHK, Unternehmensverbände – die richtigen Schlüsse gezogen?

Hans Jürgen Kulartz: Die richtigen Ansätze sind schon vorhanden: der neue Flughafen BBI, der Wissenschaftsstandort Adlershof, eine ausgezeichnete Forschungslandschaft. Auch wenn die Berliner Wirtschaft langsamer wachsen wird als der Bund, zeigt die Studie doch auch, dass Berlin ein boomendes Gebiet für Existenzgründer bleibt. Da schlummert in den Hochschulen viel unternehmerisches Potenzial. Das Problem heute ist: All das, was intelligente Menschen in Adlershof oder anderen Wissenschaftsstandorten entwickeln, wird meist von Unternehmen zur Reife gebracht, die es dann irgendwo auf der Welt, aber nicht bei uns in der Stadt produzieren lassen. Da stellt sich dann unter anderem die Frage, wie viel Kapital hier am Standort zur Verfügung steht.

Morgenpost Online: Da könnten doch Banken wie die LBB helfen. Warum finanzieren Sie nicht mehr Gründer?

Hans Jürgen Kulartz: Das tun wir in vielen Bereichen. Doch auch wir stoßen an Grenzen. Vor allem Technologiefirmen – etwa im Bereich Medizintechnik oder Internet – brauchen sehr viel Eigenkapital, um ihre Entwicklungen voranzutreiben. Hier sind Venture-Capital-Fonds gefragt.

Morgenpost Online: Bei der Finanzierung von Gründern nutzen Sie Förderangebote der landeseigenen Investitionsbank (IBB). Hat Berlin die richtigen Instrumente?

Alle Förderinstrumente sind in Berlin vor allem darauf ausgerichtet, kleinere Firmen zu unterstützen. Andere Bundesländer nutzen in größerem Maße Landesbürgschaften.

Morgenpost Online: Also sollte Berlin viel beherzter Landesbürgschaften für Unternehmen einsetzen?

Hans Jürgen Kulartz: Ja, aber nur mit ganz klaren Vorgaben. Berlin täte gut daran, wenn für bestimmte, genau definierte Branchen und Kredithöhen Landesbürgschaften mehr genutzt würden. Sonst ist es ein stumpfes Instrument.

Morgenpost Online: Was ist denn für eine Bank wie die LBB überhaupt im Firmengeschäft zu holen? Berlin bleibt wachstumsschwach; die Unternehmen sind meist Kleinstbetriebe.

Hans Jürgen Kulartz: Keine Sorge, für uns sind das interessante Kunden. Und was die künftige Entwicklung betrifft: Darauf werden wir uns einstellen. Es ist doch gut, dass wir in Berlin neben Hamburg die aktivste Gründerszene haben. Es wachsen also Unternehmen nach. Zudem wird sich die Art und Weise, wie Unternehmen agieren, verändern. Es wird viel häufiger Projekte geben, für die sich mehrere Unternehmer zeitlich befristet zusammenschließen. Solche Finanzierungen brauchen ein besonderes Know-how. Darauf stellen wir uns ein.

Morgenpost Online: Finden Sie überhaupt genug Fachkräfte? Berlin ist als Finanzplatz eher unbedeutend, und Sparkassen gelten nicht als attraktivste Arbeitgeber für Nachwuchsbanker.

Hans Jürgen Kulartz: Davon habe ich noch gar nichts gemerkt. Gerade für junge Menschen ist Berlin und auch ein Job in unserem Unternehmen attraktiv. Das zeigt sich jedes Mal, wenn wir uns bei Universitäten und auf Messen als Arbeitgeber präsentieren. Wir bekommen die Fachkräfte, die wir brauchen: Physiker, Mathematiker, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler.

Morgenpost Online: Sie betreuen rund 65.000 Unternehmen in der Region. Wie hoch sind denn die Unternehmen im Schnitt bei Ihnen verschuldet?

Hans Jürgen Kulartz: Das reicht vom 7500-Euro-Dispo für einen Kleingewerbetreibenden bis zum mehrstelligen Millionenbetrag. Insgesamt haben wir mehr als 4,6 Milliarden Euro verliehen.

Morgenpost Online: Macht sich die gute Konjunktur in höherer Kreditnachfrage bemerkbar? Fragen die Firmen bei Ihnen nach Geld für neue Hallen und Maschinen?

Hans Jürgen Kulartz: Zwar wollen viele Firmen nach der Wirtschaftskrise wieder investieren. Unter dem Strich sind es aber vor allem Ersatzinvestitionen. Von Erweiterungen in großem Stil kann momentan nicht die Rede sein. Da in den Krisenjahren nicht investiert wurde, haben viele Unternehmen jetzt ein Geldpolster und brauchen nicht unbedingt einen Kredit.