Nach LinkedIn-Börsengang

Investoren warten auf Facebook, Twitter, Groupon

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An der Börse ist das soziale Netzwerk LinkedIn nun neun Milliarden Dollar wert: Investoren denken zurück an die hysterischen Dot-Com-Zeiten - und warten auf die nächsten Kandidaten für einen Börsengang.

Gut möglich, dass einige Investoren am Donnerstag nostalgisch wurden und sich zurückversetzt fühlten in die Neunzigerjahre, die Zeit des Dot-Com-Booms, der dann aber zur Dot-Com-Blase wurde. LinkedIn, ein soziales Netzwerk vor allem für berufliche Kontakte, legte einen fulminanten Börsengang hin. Innerhalb von Minuten nach Beginn des Handels zahlten die Investoren schon das Doppelte des Ausgabepreises für eine Aktie. Am Ende des ersten Handelstages hatte das Unternehmen einen Börsenwert von neun Milliarden Dollar. Seit Googles Börsengang vor sieben Jahren hat kein US-Internetunternehmen bei einem IPO (Initial Public Offering – Börsengang) mehr Kapital eingenommen.

Die 7,84 Millionen Aktien waren für 45 Dollar je Stück ausgegebenen worden – am Mittag erreichte der Preis pro Aktie bei 122,70 Dollar je Aktie. Dann sank er wieder. Am Ende des lebhaften Handelstages, an dem 30 Millionen LinkedIn-Aktien die Besitzer wechselten, lag der Kurs bei 94,25 Dollar.

Manchen Händler erinnerte die ganze Aufregung sicherlich an die Börsengänge von Unternehmen wie Browser-Erfinder Netscape Communications – und weckte wohl auch Assoziationen an die Handelsdebüts hoch gehandelter, später tief gestürzter und heute längst vergessener Firmen wie Pets.com und Webvan. Und so kommt mit dem Börsengang von LinkedIn auch die Frage auf, ob das wohl die Ouvertüre einer neuerlichen Silicon-Valley-Finanzmarktorgie ist.

„Ich glaube auf jeden Fall, dass das ein Katalysator sein wird“, sagte der Investor und Analyst Michael Moe, der langjährige Erfahrungen mit Investitionen in Technikpapiere hat. „Investoren, die Wachstumswerte mögen, waren für eine ganze Weile in der Wüste gestrandet und jetzt ist es so, als hätten sie einen riesigen Krug Wasser gefunden“, sagte der Chef der Firma Global Silicon Valley Asset Management.

Der Erfolg von LinkedIn und die große Nachfrage der Investoren nach Unternehmen mit Geschäftsmodellen im Umfeld der Online-Netzwerke könnte andere Firmen zum Börsengang ermutigen. Mit Twitter und Facebook stehen noch zwei ganz Große der Brache abseits des Handelsparketts.

LinkedIn ist am Ende des ersten Handelstags neun Milliarden Dollar (6,5 Milliarden Euro) wert – das 18-fache des erwarteten Jahresumsatzes. Andere große Internetfirmen, zum Beispiel auch Google, werden zu Werten um das Fünffache ihres erwarteten Jahresumsatzes gehandelt. Eine weitere Kennziffer, die zeigt, wie außergewöhnlich LinkedIns Börsengang ist, ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), bei dem der Marktwert eines Unternehmens zu seinem Gewinn in Beziehung gesetzt wird. Am Donnerstagabend lag das KGV für LinkedIn bei 554 – ein seit dem Platzen der Dot-Com-Blase nach der Jahrtausendwende ungewöhnlich hoher Wert. Zum Vergleich: das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der im Standard & Poor’s 500-Index geführten Technologiefirmen wie Google oder Apple liegt bei 15.

Zwei Drittel der Einnahmen LinkedIns kommen aus den Gebühren, die Unternehmen dafür zahlen, dass LinkedIn ihnen bei der Suche nach geeigneten Angestellten hilft. Aber anders als viele der hippen Dot-Com-Firmen der 90er Jahre macht LinkedIn Gewinne. Das Unternehmen wies im vergangenen Jahr einen Umsatz von 243 Millionen (175 Millionen Euro) und einen Gewinn von 3,4 Millionen Dollar (2,4 Millionen Euro) aus. In den ersten drei Monaten dieses Jahres verdoppelte sich der Umsatz und könnte, wenn es so weiter geht, im gesamten Jahr 2011 die 500-Millionen-Dollar-Marke knacken. Trotzdem: Die Bewertung der Firma durch die Börse, und das signalisiert das exorbitant hohe KGV, hat mit dem derzeitigen LinkedIn-Umsatz oder –Gewinn weniger zu tun. Es ist vor allem ein Indiz dafür, dass die Investoren meinen, LinkedIn habe eine glänzende Zukunft vor sich.

Das gilt in ähnlicher Form auch für Facebook, Twitter und Groupon – obwohl keines dieser Unternehmen bislang börsennotiert ist. Investoren haben die Bewertung von Facebook zuletzt in schwindelerregende Höhen geschraubt. Im März wollte ein Finanzinvestor einem Medienbericht zufolge bei Facebook einsteigen und bewertete das Unternehmen dabei mit 65 Milliarden Dollar. Im Januar wurde Facebook von Goldman Sachs mit 50 Milliarden bewertet, im Juni 2010 mit 23 Milliarden Dollar. Facebook hatte Anfang des Jahres etwa 2000 Mitarbeiter und weltweit mehr als 500 Millionen Nutzer. Eine Bewertung von 65 Milliarden Dollar entspricht pro Angestelltem 32 Millionen Dollar und pro Nutzer 130 Dollar. Das Jung-Unternehmen von Gründer Mark Zuckerberg machte von Januar bis September 2010 Bankenkreisen zufolge einen Netto-Gewinn von 355 Millionen Dollar – bei einem Umsatz von 1,2 Milliarden Dollar.

Der Kurznachrichtendienst Twitter wurde im März bei einer außerbörslichen Versteigerung von Firmenanteilen auf knapp acht Milliarden Dollar bewertet. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Dezember, als eine Finanzspritze die Ermittlung eines Firmenwertes erforderte. Im September 2010 hatte Twitter rund 175 Millionen Nutzer. Eine Bewertung von acht Milliarden Dollar entspricht rund 45 Dollar je Nutzer oder 22 Millionen Dollar für jeden der rund 350 Mitarbeiter.

Der Schnäppchen-Gutschein-Anbieter Groupon will den Sprung an die Börse im zweiten Halbjahr wagen und dürfte dabei mit insgesamt rund 15 bis 20 Milliarden Dollar bewertet werden, wie Reuters im April erfuhr. Im Dezember lehnte das Unternehmen ein Übernahmeangebot von Google im Wert von sechs Milliarden Dollar ab. Groupon macht nach eigenen Angaben seit 2009 Gewinn, aber veröffentlicht keine Details zu seinen Geschäftszahlen – was sich spätestens mit dem Börsengang dann ändern würde. Eine Bewertung von 15 Milliarden Dollar würde für jeden der mittlerweile rund 70 Millionen Nutzer mehr als 200 Dollar entsprechen und für jeden der rund 6000 Angestellten 2,5 Millionen Dollar.

LinkedIn-Chef Jeff Weiner sagte, er wolle sich nicht zu sehr an den hohen Erwartungen der Investoren orientieren. „Der Handel eines Tages wird nicht allzu bedeutend sein. Auch der Handel der nächsten Tage und der nächsten Wochen nicht. Es klingt vielleicht wie ein Klischee, aber wir planen noch eine ganze Weile zu bleiben.“

Für die Angestellten von LinkedIn dürfte Donnerstag auf jeden Fall einer der besten Tage ihres Lebens gewesen sein. Viele von ihnen sind nun Millionäre – zumindest auf dem Papier. Auch bei der kalifornischen Investmentfirma Sequoia Capital, die einst schon bei Google das richtige Gespür bewies, kann man zufrieden sein. 2003 hatte die Eintrittskarte zu LinkedIn die Investoren gerade einmal 4,7 Millionen Dollar gekostet. Später schossen sie zwar noch nach, die Wertsteigerung ist trotzdem phänomenal: Der heutige Anteil von 17,8 Prozent bringt 1,58 Milliarden Dollar auf die Waage.

Ähnlich gut traf es die Firma Greylock Partners, die 2004 mit zehn Millionen bei LinkedIn einstieg. Ihre Beteiligung von 14,9 Prozent ist heute knapp 1,33 Milliarden Dollar wert. Der Investor Bessemer, kam 2007 zwar relativ spät zur LinkedIn-Party dazu. Die 4,9 Prozent der Firma, die zum Beispiel auch schon früh das Potenzial des Telefonie-Dienstes Skype erkannt hatte, kosten aber immerhin mehr als 430 Millionen Dollar.

Und LinkedIn-Mitgründer Reid Hoffman ist der neueste Milliardär der Welt: Sein 20-Prozent-Anteil an LinkedIn ist nun 1,8 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) wert. Erstmal aber auch nur auf dem Papier. Hoffman trennte sich nur von einem Prozent an LinkedIn und hält jetzt laut Börsenprospekt noch 20,1 Prozent. Mit der Bewertung von 8,9 Milliarden Dollar, zu der LinkedIn den ersten Handelstag abschloss, wiegt sein Anteil jetzt stolze 1,79 Milliarden Dollar. Nicht dass Hoffman es nötig hätte: Schon der Verkauf des Bezahldienstes PayPal an Ebay hatte ihn reich gemacht.