Crysis 2 im Test

Einsamer Kampf gegen Aliens in New Yorks Ruinen

Das Spiel Crysis 2 versagt, was das Storytelling angeht, überzeugt aber als Shooter: Das bisher beste Game des Jahres.

Angesichts der realen Katastrophe wirkt ihre Simulation immer etwas flach und falsch, etwas arg simuliert eben. Als mit den ersten Atombomben – am 16. Juli 45 wurde "Trinity" in New Mexico gezündet und bald kam bekanntlich die Attacke auf Japan – das Kino die Angst aufgriff und eine neue Welle an B-Movies der Zerstörung brachte, war das noch anders. Mutationen, Epidemien und Erdbeben in "Alligator People" oder "Incredible Shrinking Man" waren ein Echo der Katastrophe, aber eben bis ins Groteske verzerrt. Die Kultur umkreiste das Furchtbare und erfand neue Schrecken, deren lustige Abseitigkeit alles wieder etwas erträglicher machte.

Heute, da die GAUs der Risikogesellschaft global-medial vor der Tür stehen, scheitert die neue Kulturproduktion leichter, die etwas fasslich machen will, in dem sie es mit Freude inszeniert. Der Realismus ist das große Gesetz der Videospiele – und er misslingt leicht. Gerade erst war mit "Homefront" ein Spiel erschienen, in dem Nordkorea die USA überrollt, zerstört und versklavt hat. Nun ist auch "Crysis 2" auf den Markt: In dem lang erwarteten Spiel ist New York zerbombt, der Spieler kämpft in den Trümmern gegen Aliens und ihre Kollaborateure.

Beide Spiele sind Millionenproduktionen für das ganz große weltweite Publikum, letztere stammt sogar aus Frankfurt. Hinter dem einzigen großen deutschen Spiel steht ein Mann, der in den Vorspann groß "Ein Cevat Yerli Spiel" schreiben lässt und sich somit als Autorenfilmer unter den sonst eher versteckten Game-Designern profilieren will. Daher überrascht es, dass die Story seines Spiels noch kruder und hanebüchener ist als die des bereits reichlich dümmlichen Homefront. Man versteht bei Crysis nicht einmal, wo die Gegner alle herkommen, die man erschießen muss.

Der beste Shooter des Jahres

Doch zunächst zu den guten Nachrichten: Der beste Shooter des Jahres ist da. Wir gehören bei Morgenpost Online wirklich nicht zu den Framerate-Erbsenzählern, die in der Games-Fachpresse das Sagen haben, aber hier fällt doch sehr auf, dass ein Spiel einfach gut funktioniert, fantastisch aussieht und keine technischen Fehler hat. An dem großen Konkurrenten Homefront war vor zwei Wochen noch viel Unsinn aufgefallen: Manchmal sitzt man hinter einer Barrikade und wird trotzdem getroffen, weil die Kugeln der Feinde die Barrikade wundersamerweise umgehen können. Das Bild hatte auch nicht die Tiefe, die man inzwischen gewöhnt ist. In diesen Punkten ist Crysis hervorragend.

Das große Kennzeichen des Spiels ist der Nano-Anzug, den die Hauptfigur trägt. Für den Spieler bedeutet dieser immer abenteuerlicher klingende Schmarrn (inzwischen kann er sogar Alien-DNS integrieren) einfach nur ein paar interessante Fähigkeiten: Vor allem, dass man unsichtbar werden kann oder für kurze Zeit besonders widerstandsfähig. Wer will, kann also schleichen wie in Splinter Cell oder Metal Gear Solid. Wer es brachial mag, kann ballern wie in Killzone.

Dieses Spiel bewältigt jeder auf ganz eigene Art

"Du bist das Spiel", sagte der Entwickler Yerli immer über sein Konzept und jetzt hat er es wirklich eingelöst. Jeder wird dieses Spiel auf seine ganz eigene Art bewältigen. Man merkt dabei auch jetzt erst, wie sehr Egoshooter eigentlich an ihre Grenzen gekommen sind: Mit diesen Nanosuit-Fähigkeiten macht es endlich wieder viel mehr Spaß.

So schön alles technisch ist, für das Setting darf man sich nicht allzu sehr interessieren. Der Spieler landet offenbar als Marinesoldat in New York, um bei einer Krise zu helfen, irgendwie wurde die Welt von Aliens infiziert, alles erinnert an Zombiefilme wie "28 Days Later". Dann plötzlich ist man schon auf sich allein gestellt, New York ist schon völlig zerstört, und aus irgendwelchen Gründen haben die Aliens massenweise hoch bewaffnete Schergen unter den Menschen gefunden.

Nichts davon wird ernsthaft erklärt, auch mit Kenntnis der beiden (ebenfalls narrativ etwas hektisch gestalteten) Vorgängerspiele wird es nicht viel durchsichtiger. Man steht also in einem zertrümmerten New York und muss sich durchbeißen – das lässt an John Carpenters "Klapperschlange" denken. Die hatte allerdings viel Verweise auf die Kultur ihrer Zeit (1981) in sich, den neuen Machismo, die sozialen Debatten, den Punk. Das alles könnte ein Spiel auch, aber bei Crysis 2 fühlt man sich, wenn man manchmal etwas mehr sucht als Action, zum Beispiel den Sinn des Geschehens, leider eher allein gelassen.

Das ist normal für Egoshooter und deswegen eigentlich eine ungerechte Kritik. Aber Cevat Yerli legt nun einmal schon im Vorspann nahe, er könnte der große Autor unter den Games-Machern sein – das ist so gewagt wie richtig, denn außer ihm hätte keiner in Deutschland das Zeug dazu. Wir warten auf seine Handschrift, auf Spiele, die auf dem höchsten Niveau, das technisch möglich ist, Spaß machen und gleichzeitig ein atemberaubendes kulturelles Zeugnis sind. Indem sie großartig erzählen und eiskalt den Zeitgeist aufgreifen. Das alles ist noch nicht so weit.

Starke Bilderwelten in New York

Stattdessen ist Crysis einfach nur ein sehr guter Egoshooter, sicher der beste dieses Jahres. Seine Bilderwelten sind stark, hinsichtlich des Spiels von Licht und Schatten gelten die Frankfurter ja sowieso als Meister der ganzen Industrie. New York als Hintergrund zu wählen und akribisch nachzubauen war eine kluge Entscheidung – und wer sich nicht daran stört, dass er, genau wie in jedem anderen Shooter, einfach per Funk von einem überlegenen Helfer durch die Welt gelenkt wird, bekommt eines der besten Spiele dieser Art.

Sein Look übertrifft "Call of Duty: Black Ops". Der Spieler kann oft verschiedene Wege zum Ziel nehmen, was einen hübschen Open-World-Eindruck gibt. Und die wie immer absurd lustlose deutsche Synchronisation kann man ja abschalten.