Zeitschriftenverleger

"Im Grunde sind wir Verbündete von Apple & Co."

VDZ-Geschäftsführer Wolfgang Fürstner über die Bedrohung durch Google und Apple und den Wettbewerb mit den Öffentlich-Rechtlichen.

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Nicht ohne Grund hat der Verband der Zeitschriftenverleger (VDZ) in dieser Woche 460 internationale Gäste nach Berlin geladen, um unter dem Titel „Digital Innovators Summit“ die verlegerischen Chancen im digitalen Zeitalter zu diskutieren: Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung stehen die klassischen Printverlage vor ungeheuren Herausforderungen. Die Gratiskultur im Internet untergräbt ihre Geschäftsmodelle, die ihnen über Jahrzehnte hinweg satte Renditen verschafft haben. Die Auflagen schmelzen, weil viele Menschen in die Onlinewelt abwandern. Und als sei das nicht genug, macht die Konkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen den Printmedien das Leben schwer. Wolfgang Fürstner (66), Hauptgeschäftsführer des VDZ, glaubt trotzdem an ein gutes Ende: „Wir würden Medienunternehmen sehr unterschätzen, wenn wir davon ausgingen, dass diese aus dieser Situation keinen Ausweg finden“, sagt er.

Morgenpost Online: Herr Fürstner, in diesen Wochen kommt das iPad2 auf den Markt. Die Apple-Gemeinde ist begeistert und auch unter Verlegern gibt es ja die Auffassung, dass die neue Generation der Tablet-Computer das Zeug hat, die heutige Verlagsbranche zu retten. Sind Sie ähnlich euphorisch?

Wolfgang Fürstner: (lacht) Aus privater Sicht hält sich meine Begeisterung in Grenzen: Erst vor zwei Wochen habe ich meiner Frau ein iPad geschenkt, das jetzt bereits ganz schön alt aussieht…

Morgenpost Online: … und geschäftlich?

Fürstner: Geschäftlich habe ich einerseits großen Respekt vor Apple-Chef Steve Jobs, der nicht nur geniale Produkte macht, sondern auch ein Marketing-Held ist – wer hätte in seinem gesundheitlich Zustand das iPad2 persönlich vorgestellt? Das ist sicher sehr eindrucksvoll. Andererseits betrachte ich mit großer Sorge, wie heute einige wenige Gigaunternehmen – darunter Apple, Google, Facebook oder Twitter – immer weiter wachsen und zunehmend die Rahmenbedingungen für alle anderen Marktteilnehmer diktieren. Wir haben es hier mit völlig neuen Größenverhältnissen zu tun. Das könnte man mit Gelassenheit beobachten – wenn man von ihnen nicht ein Stück abhängig wäre.

Morgenpost Online: Andererseits eröffnen gerade Unternehmen wie Apple & Co den Verlagen neue Vertriebskanäle, ohne die sie im Internet verloren wären.

Fürstner: Ja. Im Grunde sind wir Verbündete, wir liefern die hochwertigen Inhalte, die die genannten Konzerne brauchen. Die wiederum bieten uns fantastische Vertriebsplattformen. Insofern gibt es für uns wirklich keine besseren Partner – theoretisch. Praktisch findet die Kooperation, von denen beide Seiten profitieren, leider oft nicht auf Augenhöhe statt.

Morgenpost Online: Was stört Sie konkret?

Fürstner: Nehmen Sie nur die Art und Weise, wie Apple die Inhalte zensiert: Ich habe viel Verständnis dafür, dass sich ein Unternehmen aus dem etwas prüderen Amerika mit freizügigen Mädchen bei Boulevard-Zeitungen schwer tut. Aber als Weltkonzern muss Apple doch die nationalen und regionalen Besonderheiten in der Welt respektieren statt die eigenen Wertmaßstäbe für die ganze Welt anzulegen. Wir, das heißt der VDZ und die internationalen Zeitschriftenverleger, haben Steve Jobs daraufhin einen Brief geschrieben und eine unzensierte freie Presse eingefordert. Nicht einmal eine Antwort haben wir bekommen! Diese Missachtung beklage ich. Gleiches gilt für die Entscheidung, dass Verlage ihre Apps praktisch nur im Apple-Store anbieten dürfen, womit den Verlagen ihr Kontakt zum Endkunden genommen wird. Dass sie obendrein per Ordre de Mufti 30 Prozent der Umsätze an Apple abführen müssen, zeigt, dass das Prinzip von Angebot und Nachfrage, also eigentlich die Marktwirtschaft, hier nicht mehr funktioniert.

Morgenpost Online: Müssen wir im schlimmsten Fall ein Oligopol in der globalen Medienlandschaft fürchten, mit schlimmen Folgen für die Meinungsvielfalt und -freiheit?

Fürstner: Die Gefahr ist real. Wir alle – Medienunternehmen wie Medienpolitiker – müssen uns bewusst machen, dass wir uns am Beginn einer neuen Medien- und Wirtschaftsordnung befinden, in der einige wenige Gigaunternehmen uns diktieren und sagen, was erlaubt ist und was nicht, mit allen Konsequenten für die Pressefreiheit und -vielfalt – so zumindest im Netz.

Morgenpost Online: Wo setzen wir idealerweise an?

Fürstner: Es gibt kein durchschlagendes Rezept. Das hat soeben mit Blick auf die Möglichkeiten des Gesetzgebers auch die Bundesjustizministerin Leutheuser-Schnarrenberger konstatiert. Wir werden deshalb zunächst einmal auf dem Verhandlungsweg versuchen, mit den Konzernen eine für uns alle verträgliche Lösung zu erreichen. Wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns auf die Kräfte des Wettbewerbs besinnen, alle potenziellen Verbündeten zusammenbringen, um den Wettbewerbsdruck auf die Weltunternehmen zu erhöhen. Hier müssen wir auch in neuen Dimensionen denken. So sitzen in dieser Angelegenheit ja zum Beispiel auch die öffentlich-rechtlichen Anbieter mit uns in einem Boot. Es kann hier durchaus Sinn machen zusammenzuarbeiten.

Morgenpost Online: Das sind ja ungewohnt sanfte Töne, Sie sind nicht eben als der beste Freund der Öffentlich-Rechtlichen bekannt.

Fürstner: Natürlich bekämpfen wir völlig zu Recht die Öffentlich-Rechtlichen im Bereich der Ordnungspolitik auf das Schärfste, weil sie uns mit ihren mit öffentlich finanzierten Gratisangeboten im Internet das Leben schwer bis unmöglich machen. Aber angesichts der globalen Bedrohungslage muss doch zumindest die Frage erlaubt sein, ob man nicht auf anderen Feldern zur Sicherung gemeinsamer Rahmenbedingungen potenziell zusammenarbeiten kann. Die großen Verlage prozessieren ja auch gelegentlich untereinander, etwa in den weiten Feldern des Wettbewerbsrechtes, und kooperieren anderswo, etwa beim Kampf für Leistungsschutzrechte im Internet.

Morgenpost Online: Können Sie sich auch noch andere Kooperationen vorstellen?

Fürstner: Natürlich, wir müssen alles ausloten. Warum sollten wir uns zum Beispiel nicht mit Marktteilnehmern wie der Deutschen Post oder der Deutschen Telekom zusammenschließen, um die Gigaunternehmen aus dem kalifornischen Palo Alto in ihre Schranken zu weisen? Wir könnten hier bei der Verbreitung digitaler Vertriebswege sehr viel weiter denken. Sowohl die Post als auch die Telekom sind Weltunternehmen und haben damit Potenziale, die für die Verlagsbranche interessant sind.

Morgenpost Online: Gibt es schon Verhandlungen?

Fürstner: Nein, es werden bestenfalls bilaterale Gespräche geführt, da steht vieles noch am Anfang.

Morgenpost Online: Man könnte auch darauf hoffen, dass der Markt das Problem von alleine regelt. Die Vormachtstellung von Apple wird ja derzeit bereits stark untergraben, etwa von Google mit seinen Android-Handys und -Applikationen.

Fürstner: Das stimmt. Der Wettbewerb zwischen den Giganten funktioniert wunderbar, da ist man ja auch auf Augenhöhe unterwegs. Wir befinden uns dagegen auf einer ganz anderen Ebene. Und meine Sorge ist, dass die durchwegs mittelständischen Verlage künftig nur noch Vollzugsbeamte von Großunternehmen werden. Dass wir kein Mitspracherecht mehr haben, wenn es um die Inhalte geht, die wir für viel Geld hergestellt haben.

Morgenpost Online: Das hört sich sehr pessimistisch an…

Fürstner: Nein, da haben Sie mich falsch verstanden. Ich konstatiere momentan ein Missverhältnis, aber wir würden Medienunternehmen sehr unterschätzen, wenn wir davon ausgingen, dass diese aus dieser Situation keinen Ausweg finden. Wir dürfen nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Wir müssen kreativ sein, nach neuen Verbündeten suchen. Es gibt Wege, man muss sie nur mit viel Fantasie aufspüren. Unternehmerische Kompetenz hat sehr viel mit Fantasie zu tun.

Morgenpost Online: Kritiker meinen, die Verlage würden die Dynamik der neuen Medien unterschätzen. Sie seien etwa viel zu langsam bei der Entwicklung von Apps für Android-Geräte und verschenkten so wertvolle Zeit.

Fürstner: Tatsächlich war Anfang des Jahres schon die Hälfte unserer Zeitschriftenverlage mit kostenpflichtigen Apps vertreten, und das ist doch ansehnlich, oder? Das ist aber nur ein unternehmerisches Modul, Apps alleine werden keine hinreichende Kompensation sein können. Printinhalte lassen sich im Netz nur sehr schlecht kommerzialisieren – zumindest solange es sie anderswo umsonst gibt. Und damit kommen wir wieder zu den Öffentlich-Rechtlichen: Wenn sie weiterhin ihre Apps kostenlos ins Netz stellen dürfen, haben wir als Verlage doch viel schlechtere Chancen, Apps kostenpflichtig zu machen.

Morgenpost Online: Dabei hatte die Vorsitzende der ARD, Monika Piehl, doch zuletzt Hoffnung gemacht, Apps künftig zu bepreisen.

Fürstner: Ja, nur sagt sich so etwas leicht, weil diese Friedensanbieter ganz genau wissen, dass es nicht so kommt. Tatsächlich bauen die Öffentlich-Rechtlichen ihre digitalen Geschäfte ungestört aus – was aber auf Seiten der Politik leider nicht zu einer ordnungspolitischen Debatte führt, die dringend geführt werden müsste.

Morgenpost Online: Was fordern Sie konkret?

Fürstner: Ich erwarte, dass die Öffentlich-Rechtlichen ihr Wachstum im Netz beschränken, wie es die BBC in England etwa getan hat, mit mehr als 200 Kanälen. Statt einer Wachstumsphilosophie wäre eine Konzentration auf die Kernaufgaben von Nöten. Eine Tagesschau-App, die dank der unglaublichen, mit Gebühreneinnahmen finanzierten Ressourcen wirklich erstklassig ist, schadet den Verlagen nicht nur, sie macht regelrecht unser Geschäft kaputt. Das müssen wir verhindern. Meine Kritik richtet sich übrigens weniger an die Intendanten, die Verantwortung tragen, sondern an die Medienpolitiker, die ihre jeweiligen „Haussender“ unter Verletzung aller ordnungspolitischen bzw. marktwirtschaftlichen Überzeugungen als ihren Machtbereich verstehen und nutzen – über alle Parteigrenzen hinweg.

Auf der Seite des Verbands der Zeitschriftenverleger (VDZ) erhalten Sie weitere Informationen zum Leistungsschutzrecht für Verlage .