Weihnachtsgeschäft

Gewerkschaft klagt über Lohndumping bei Amazon

Im Versandlager von Amazon wird vor Weihnachten rund um die Uhr gearbeitet. Und das für viel zu geringe Löhne – schimpft Ver.di.

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Eine X-Box-Konsole, eine CD und eine Aluminium-Trinkflasche liegen vor der Frau auf dem Arbeitstisch. Der rote Lichtstreifen des Scanner fliegt über den Strichcode an der Verpackung. „Error“, zeigt der Bildschirm an. Die Mitarbeiterin versucht es weiter, hält verschiedene Teile des Strichcodes mit ihren Fingern verdeckt, wieder „Error“.

Die Frau startet einen neuen Versuch und noch einen, dann klappt es. Der Computer gibt die Ware frei. Jetzt noch schnell das Geschenkpapier von der großen Rolle abreißen, zuschneiden, X-Box rein, knicken, Klebestreifen, fertig. Die Amazon-Mitarbeiterin hat wieder ein Weihnachtspräsent fertig, Videospiel, CD, Sigg-Flasche: Das Paket geht wohl an einen Zwölfjährigen. Aber das interessiert die Frau nicht.

Das Paket geht aufs Förderband, Griff in den Rollcontainer links, nächste Ware, nächstes Paket, nächstes Weihnachtsgeschenk. Im Lager des Versandhändlers Amazon in Leipzig herrscht in diesen Tagen Hochbetrieb. Rund 3000 Zeitarbeiter hat der US-Konzern eingestellt, um die Bestellungen in der Vorweihnachtszeit abarbeiten zu können. In drei Schichten, rund um die Uhr, laufen die Arbeiter mit Packwagen durch die schier endlosen Regalreihen, laden die Ware ein, schieben den Wagen zu den Kommissionierständen, wo sie von den Kollegen zu Sendungen zusammengestellt werden.

Manager Cavit Yilmaz ist stolz auf den Betrieb, alles ist auf Effizienz getrimmt. Die Wege sind kurz, jeder Handgriff ist optimiert. Die Computer checken mit zahlreichen Sicherheitsabfragen, dass jeder Kunde auchwirklich bekommt, was er bestellt hat. Und das alles so schnell wie möglich, wenn es sein muss, über Nacht, sagt Yilmaz.

Ver.di kritisiert geringe Löhne

Und das wiederum gefällt der Gewerkschaft ver.di nur bedingt. Denn sie hat ihre eigenen Erfahrungen mit dem US-Konzern gemacht, der so verschwiegen ist, dass Manager Yilmaz nicht einmal sagen möchte, wie viele Waren pro Tag verschickt werden oder wie viele Mitarbeiter außerhalb des Weihnachtsgeschäfts in dem elf Fußballfelder großen Versandzentrum in Leipzig arbeiten. „Es sind rund 1000“, sagt Thomas Schneider, der bei ver.di in Leipzig für den Versandhandel zuständig ist. Und die verdienten pro Stunde rund 8,65 Euro brutto.

„Der Tariflohn liegt bei 10,15 Euro pro Stunde, plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld“, sagt Schneider. Den Amazon-Mitarbeitern entgingen allein deshalb bis zu 4000 Euro pro Jahr, rechnet er vor. Und die Zeitarbeiter stünden noch schlechter da, Amazon zahle ihnen 7,76 Euro Stundenlohn. „Da kommt man im Monat auf rund 1000 Euro. Brutto“, sagt Schneider.

Es seien nicht wenige bei Amazon, die ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken müssten. Und dabei seien es diese Menschen, die die immense Leistung für Amazon in der Vorweihnachtszeit erbringen und dem Konzern weltweit so zu riesigen Gewinnen verhelfen würden. Allein im vierten Quartal 2009 fuhr der Weltkonzern einen Gewinn von 275 Millionen Euro ein.

Manager Yilmaz läuft weiter durch die Gänge. Der 35-jährige Logistikexperte schaut nach rechts und links, bevor er einen der Gänge überqueren will. Es ist fast wie im Straßenverkehr, nur es kommen keine Autos, sondern die Mitarbeiter laufen mit den Packwagen vorbei. Sicherheit wird groß geschrieben, die Laufwege sind genau markiert, rechts Fußgänger, links Stapler. „Und beim Treppensteigen immer den Handlauf anfassen“, sagt Yilmaz.

Arbeitsunfälle würden das System stören

Auch so eine Vorschrift. Alles dient der Optimierung, und Arbeitsunfälle würden das System schmerzlich stören. Schilder zeigen an, wie Paletten zu beladen sind und auch, wie sie zu entladen sind: nämlich von oben nach unten. Bloß kein Fehler. Fehler stören den Ablauf. Yilmaz hat all das verinnerlicht. Als eine Gruppe Arbeiter aus der Pause kommt, sich an ihm vorbei schiebt und es auf dem Gang leicht stockt, sagte er: „Nicht den Flow stören.“

Nur auf den ersten Blick sieht es verwunderlich aus, dass die Waren unsortiert in den Regalen liegen. „Vollchaotisch“ nennt Yilmaz das. Wieder so ein technischer Begriff, er bedeutet nichts anderes, als dass ankommende Waren dort eingelagert wird, wo Platz ist. „Regalplatz ist teuer“, sagt Yilmaz. Und die Software wisse immer, wo was liegt. Barbie-Puppe neben Autoglas-Enteiser, Sandmännchen-Puppe neben Mozart-CD-Box.

Am Kopfende eines Regals ist einer der Mitarbeiter damit beschäftigt, seinen Packwagen mit Ware zu beladen. Er greift sich 46 Smartphones von der Palette, scannt sie ein. Eine Armbanduhr, wieder das Piepen des Scanners, zwei Digitalkameras, Parfüm, der Scanner piept, alles in Ordnung. Der Wagen ist voll, der Mann schiebt den Wagen ans Ende der Halle, wo ihn die Kollegen übernehmen und die Einzelsendungen zusammenstellen. Einpackt in rotes Weihnachtspapier. Mit Grußkarte.