Kulturkindergarten

Dussmann wittert das große Geschäft mit Kleinen

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Hans Evert

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Der Milliardenkonzern Dussmann macht jetzt in Erziehung. Unter der Marke "Dussmann Kulturkindergarten" sollen bundesweit Betriebskitas aufgebaut werden - die erste soll im Mai in Berlin eröffnen.

Catherine von Fürstenberg-Dussmann ist ganz hingerissen, und in ihrem lustigen Sprachmix sprudelt es aus ihr heraus: „Wir werden every day geöffnet haben, 365 Tage im Jahr.“ „Wir“, das ist der Dienstleistungskonzern Dussmann, dessen Aufsichtsrat die amerikanische Frau des Firmengründers Peter Dussmann führt. Die Berliner Service-Gruppe wagt sich auf ein neues Geschäftsfeld und betreibt künftig unter der Marke „Dussmann Kulturkindergarten“ Betriebskitas bundesweit. Die erste Einrichtung steht in Berlin; gestern setzte Dussmann zusammen mit Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) den symbolischen Spatenstich für die Kita des Unfallkrankenhauses Berlin.

Es klingt wie ein Traum vieler Eltern. Die Kitas sind bei Bedarf rund um die Uhr geöffnet, ein Drittel der Erzieher spricht Englisch, im Konzept wird besonders viel Wert auf Kunst und Kultur gelegt. Wer will, kann bereits sein drei Monate altes Baby dort betreuen lassen. „Frauen müssen in den Beruf, aber das Kind darf nicht weit weg von der Mutter sein“, sagt Catherine von Fürstenberg-Dussmann. Vorstandschef Thomas Greiner formuliert es so: „Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Elternwünsche bei vielen Kitas nicht ausreichend berücksichtigt werden.“ Von Mai an können die Dussmänner beweisen, ob sie das mit ihrer Kita gut hinbekommen. Dann kommen die ersten Kleinen in die Einrichtung. Platz ist für 80 Kinder.

Gute Chance auf dem Kitamarkt

Der Einstieg des Berliner Milliardenunternehmens markiert einen Wandel auf dem Markt für Kinderbetreuung. Bislang sind Kitas vor allem eine Angelegenheit kommunaler Betriebe oder gemeinnütziger freier Träger. Unternehmen wagen sich selten in diesen Markt. Wenn, dann konzentrieren sie sich oft auf elitäre Angebote, wie die Nobel-Kita „Villa Ritz“ in Potsdam. Dort kostet ein Platz bis zu tausend Euro monatlich, dafür gibt es Chinesisch-Unterricht und einen Saunabereich. Andere Anbieter betreiben heute schon Betriebskitas von Unternehmen. Hinzu kommen wackere Privatleute, die sich dem Kampf mit dem Vorschriftendickicht stellen und Kitas eröffnen. Aber nun mischt ein Unternehmen mit knapp 1,5 Milliarden Euro Jahresumsatz mit. Das hat es in Deutschland bislang noch nicht gegeben.

Dussmann verdient sein Geld bislang mit Dienstleistungen für Unternehmen. Dazu gehört der Betrieb von Firmen- und Schulkantinen, die Reinigung von Büros und Maschinenhallen sowie Wachschutz- und Hausmeisterservice. Zudem betreibt das Unternehmen in Berlin das Kulturkaufhaus an der Friedrichstraße – und jetzt auch Kulturkitas. „Wir wollen keine elitären Einrichtungen“, sagt Greiner. Ein Dussmann-Kindergarten solle nicht teurer sein als andere Einrichtungen. Im Land Berlin, wo je nach Einkommen der Eltern ein Zuschuss gezahlt wird, kann das Unternehmen dieses Versprechen einlösen. Man werde vom Senat gut behandelt, die Eltern bekämen wie anderswo auch ihre Gutscheine, das Krankenhaus zahlt etwas dazu, und Dussmann sorgt für die Kinderbetreuung.

Obwohl die Zahl der Kinder in Deutschland zurückgeht, gibt es für den Kita-Markt gute Chancen. Das hat mit den Zielen zu tun, die sich die Bundesregierung im Kinderförderungsgesetz auferlegt hat. Bis zum Jahr 2013 soll für jedes dritte Kind, das jünger als drei Jahre ist, ein Betreuungsplatz zur Verfügung stehen. Dafür gibt es vom Bund eine Menge Geld, in den Ländern und Kommunen jedoch viel Ärger. Denn in der Praxis bedeutet es, dass 400000 neue Plätze geschaffen werden müssen. Die meisten Städte und Gemeinden sehen sich außerstande, dies zu stemmen. „Ohne privatgewerbliche Einrichtungen geht es gar nicht“, sagt etwa der Direktor des Forschungsinstitutes für Bildungs- und Sozialökonomie in Berlin, Dieter Dohmen.

Rechtliche Fragen

Doch derzeit werden nur rund 10000 Kinder unter drei Jahren in privatwirtschaftlichen Kitas betreut – das sind gerade einmal 2,6 Prozent aller Kleinkinder in den verschiedenen Einrichtungen. Vor allem im Westen fehlt es an Krippenplätzen. Das bietet privaten Anbietern theoretisch viel Raum. Allerdings ist es den Ländern nach dem Kinderförderungsgesetz überlassen, ob sie privaten Trägern dieselben Zuschüsse gewähren wie kommunalen Einrichtungen oder Kitas von Wohlfahrtsverbänden und Kirchen.

Mit dieser Problematik muss sich nun auch Dussmann plagen. Seit fast zwei Jahren gibt es die Idee, in das Geschäft mit der Kinderbetreuung einzusteigen. Der föderale Flickenteppich in Deutschland und die unterschiedlich hohe Bereitschaft, private Träger zu fördern, haben das Vorhaben verzögert. Vorstandschef Greiner spricht von einer Handvoll Interessenten, die bisher an ihn herangetreten seien. Läuft die Berliner Premiere gut, dürften es schnell mehr werden. „Den Bedarf gibt es in allen Bundesländern“, sagt Greiner.

Wenn es gut läuft, dann profitiert Dussmann vom anschwellenden Kampf der Unternehmen um Fachkräfte. Denn Deutschlands Betriebe sind gezwungen, ihr Personal mehr zu umschmeicheln. Kinderbetreuung gilt unter Experten als ein Hebel, um Mitarbeiter an sich zu binden. Viele Unternehmen gründen betriebseigene Kindergärten – nicht zuletzt, um auch berufstätigen Frauen ein Angebot machen zu können. Trotzdem ist man bei Dussmann zurückhaltend und enthält sich jeglicher Prognosen. Aber Greiner weist darauf hin, dass das Unternehmen vor Jahren mit einem Seniorenheim angefangen habe. Heute betreibt es unter der Marke Kursana weit mehr als 100 Häuser in Deutschland.