EU-Freizügigkeit

Berliner Handwerkskammer-Chef sieht nur Vorteile

Der Arbeitsmarkt ist für Osteuropäer geöffnet. Dadurch sollen pro Jahr 8500 Arbeitnehmer nach Berlin kommen. Handwerkskammer-Präsident Stephan Schwarz erklärt, was er von solchen Zahlen hält und was die Öffnung für die Region bedeutet.

Foto: M. Lengemann

Ab diesem Sonntag ist der deutsche Arbeitsmarkt für viele Osteuropäer geöffnet. Was dies für die Region Berlin-Brandenburg bedeutet, erklärt der Präsident der Berliner Handwerkskammer und Unternehmer Stephan Schwarz im Interview. Das Gespräch führte Christine Richter.

Morgenpost Online: Herr Schwarz, ab 1. Mai gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit, Staatsbürger aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Ungarn, Estland, Lettland und Litauen können dann ohne besondere Arbeitserlaubnis in Deutschland arbeiten. Was bedeutet das für Berlin?

Stephan Schwarz: Das bedeutet zunächst einmal mehr Wettbewerb, weil alle Beschränkungen auf dem Arbeitsmarkt wegfallen. Die allermeisten Betriebe in Berlin sehen die neue Wettbewerbssituation ziemlich entspannt, denn die Lage im Berliner Handwerk ist so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Morgenpost Online: Die IHK und die Arbeitsagentur in Berlin haben ausgerechnet, dass rund 30.000 Arbeitskräfte aus diesen EU-Ländern in den nächsten zwei Jahren nach Berlin kommen könnten. Ist das realistisch?

Stephan Schwarz: Es gibt unterschiedliche Annahmen, so geht die Bundesagentur von 34.000 Arbeitnehmern aus diesen Ländern für Berlin aus – über vier Jahre. Das macht im Durchschnitt 8500 pro Jahr. Diese Zahl halte ich allerdings für viel zu gering. Das Institut der deutschen Wirtschaft geht dagegen von 800.000 Menschen aus, die in den nächsten zwei Jahren zum Arbeiten nach Deutschland kommen, sagt jedoch nichts darüber aus, wie sich diese auf die einzelnen Regionen in Deutschland verteilen werden.

Morgenpost Online: Das Institut sagte, es gebe jetzt einen kräftigen Zustrom, der dann aber wieder abebben würde…

Stephan Schwarz: Richtig. Ich glaube aber, Prognosen fallen schwer. Großbritannien hatte beispielsweise schon 2004 den Arbeitsmarkt völlig geöffnet und damals den Zuzug von 50.000 Arbeitskräften prognostiziert, tatsächlich kamen mehr als 600.000. Und das Interessante: Es hat dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht geschadet, ohne die zusätzlichen Arbeitskräfte hätte Großbritannien den Wirtschaftsboom zu dieser Zeit auch gar nicht bewältigen können.

Morgenpost Online: Aus welchen Ländern werden die Menschen vor allem kommen? Nur aus Polen?

Stephan Schwarz: In Polen ist in den vergangenen zehn Jahren viel passiert: Das Bildungs- und auch das Lohnniveau sind deutlich gestiegen. Es werden also nicht nur Hilfsarbeiter zu uns kommen. Ich erwarte auch gut ausgebildete Facharbeiter und Akademiker, die in Deutschland Arbeit suchen werden. Und die brauchen wir auch. Wir steuern ja auf einen dramatischen Fachkräftemangel zu.

Morgenpost Online: Wo fehlen denn im Berliner Handwerk die Fachkräfte?

Stephan Schwarz: Seit einiger Zeit finden die Betriebe nicht mehr die Auszubildenden, die sie brauchen. Das gilt für die Bäcker, Fleischer, auch Gebäudereiniger haben es schwer. In fast allen handwerklichen Berufen können Stellen nicht mehr besetzt werden, obwohl der Bedarf da ist. So plant jeder vierte von rund 33.000 Berliner Handwerksbetrieben eine Neueinstellung. Selbst wenn jeder nur einen einzigen Mitarbeiter neu einstellen würde, hätten wir einen akuten Fachkräftebedarf von 8000 Menschen – allein im Handwerk. Die Zuwanderung von jährlich 8500 osteuropäischen Arbeitskräften, die die Bundesagentur für Arbeit für die Region Berlin annimmt, würde rechnerisch also genau diesen akuten Bedarf ausgleichen. Aber natürlich gehen die Menschen, die jetzt nach Deutschland zum Arbeiten kommen, nicht alle ins Handwerk.

Morgenpost Online: Im vergangenen Jahr machten Sie ja Schlagzeilen, als Sie für Ihr Gebäudereinigungsunternehmen 100 Mitarbeiter suchten und keine in Berlin fanden; kein Hartz-IV-Empfänger aus Berlin wollte einen dieser Jobs machen. Obwohl immerhin ein Mindestlohn von 8,55 Euro gezahlt wird. Würde das jetzt einfacher?

Stephan Schwarz: Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird es den Unternehmern sicherlich etwas einfacher machen, Personal zu rekrutieren. Im Bereich der Gebäudereinigung wird es aber nicht so viel Zuzug geben, weil die Löhne im Dienstleistungsbereich in Polen auch deutlich gestiegen sind. Die Regionen Stettin, Posen, Breslau boomen, da reichen die Löhne fast an unser Niveau heran.

Morgenpost Online: Wie groß ist die Sprachbarriere? Gehen die Polen nicht lieber nach Großbritannien als nach Deutschland, weil sie in ihrer Schulzeit Englisch gelernt haben?

Stephan Schwarz: Wer motiviert ist, für den ist die deutsche Sprache kein Problem. Gerade in Westpolen wird Deutsch wieder aktiv gelernt. Und die Integration in Deutschland gelingt gut. Die Hürde wird meines Erachtens woanders liegen, so gibt es noch immer zu viele bürokratische Hindernisse. Wir brauchen eine echte Willkommenskultur in Deutschland, um die neuen Fachkräfte auch langfristig halten zu können.

Morgenpost Online: Wie behindert die Bürokratie?

Stephan Schwarz: Ein Beispiel: Wer aus dem Ausland – nicht nur aus Osteuropa – hier studiert hat, muss nach seinem Studienabschluss zur Behörde gehen und sich beraten lassen, wie er in seine Heimat zurückkommt. Wir brauchen diese Menschen aber hier, zumal sie in Berlin teuer ausgebildet wurden. Die bürokratischen Hindernisse müssen abgebaut werden. Gut gelungen ist das schon bei der Anerkennung von Abschlüssen.

Morgenpost Online: Wir sprechen mehr über Polen als über Tschechen oder Slowaken? Ist für diese Osteuropäer Berlin nicht auch interessant?

Stephan Schwarz: Selbstverständlich. Bis zur tschechischen Grenze sind es zwei bis zweieinhalb Stunden Autofahrt. Berlin hat auch als deutsche Hauptstadt eine große Anziehungskraft – auf Menschen, die mobil sind.

Morgenpost Online: Viele Arbeitskräfte aus Polen sind schon in Deutschland und arbeiten als Pflegerinnen in den Familien, leider häufig illegal. Das müsste sich jetzt mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit doch eigentlich auch ändern?

Stephan Schwarz: Es wäre schön, aber an der Schwarzarbeit wird sich mit dem 1. Mai wohl nichts ändern. Wer schwarzarbeitet, wird dies wohl auch weiterhin tun. Wichtig ist, dass der Staat dafür sorgt, dass die Einhaltung der Mindestlöhne auch kontrolliert wird. Und dass der Verbraucher – also jeder Bürger – keine Schwarzarbeit zulässt, also seine Wohnung nicht ohne Rechnung renovieren lässt. Das würde im Kampf gegen die Schwarzarbeit schon sehr viel helfen.

Morgenpost Online: Blicken wir nach vorn: Im nächsten Jahr wird der Großflughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) eröffnet und viele Tausend neue Arbeitsplätze schaffen. Auch für Menschen aus Osteuropa?

Stephan Schwarz: Das kann ich mir nur wünschen. Viele Polen werden vom BBI aus in andere Länder fliegen. Und der BBI wird als Jobmotor eine Anziehungskraft über die Region hinaus haben. Das entspricht auch der Idee des Flughafens: Wir werden also am BBI auch Arbeitskräfte haben, die Polnisch sprechen – mit den polnischen Passagieren, die von dort aus in die Welt fliegen.

Morgenpost Online: Herr Schwarz, ab 1. Mai gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit, Staatsbürger aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Ungarn, Estland, Lettland und Litauen können dann ohne besondere Arbeitserlaubnis in Deutschland arbeiten. Was bedeutet das für Berlin?

Stephan Schwarz: Stephan Schwarz: Das bedeutet zunächst einmal mehr Wettbewerb, weil alle Beschränkungen auf dem Arbeitsmarkt wegfallen. Die allermeisten Betriebe in Berlin sehen die neue Wettbewerbssituation ziemlich entspannt, denn die Lage im Berliner Handwerk ist so gut wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Morgenpost Online: Die IHK und die Arbeitsagentur in Berlin haben ausgerechnet, dass rund 30.000 Arbeitskräfte aus diesen EU-Ländern in den nächsten zwei Jahren nach Berlin kommen könnten. Ist das realistisch?

Stephan Schwarz: Es gibt unterschiedliche Annahmen, so geht die Bundesagentur von 34.000 Arbeitnehmern aus diesen Ländern für Berlin aus – über vier Jahre. Das macht im Durchschnitt 8500 pro Jahr. Diese Zahl halte ich allerdings für viel zu gering. Das Institut der deutschen Wirtschaft geht dagegen von 800.000 Menschen aus, die in den nächsten zwei Jahren zum Arbeiten nach Deutschland kommen, sagt jedoch nichts darüber aus, wie sich diese auf die einzelnen Regionen in Deutschland verteilen werden.

Morgenpost Online: Das Institut sagte, es gebe jetzt einen kräftigen Zustrom, der dann aber wieder abebben würde…

Stephan Schwarz: Richtig. Ich glaube aber, Prognosen fallen schwer. Großbritannien hatte beispielsweise schon 2004 den Arbeitsmarkt völlig geöffnet und damals den Zuzug von 50.000 Arbeitskräften prognostiziert, tatsächlich kamen mehr als 600.000. Und das Interessante: Es hat dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht geschadet, ohne die zusätzlichen Arbeitskräfte hätte Großbritannien den Wirtschaftsboom zu dieser Zeit auch gar nicht bewältigen können.

Morgenpost Online: Aus welchen Ländern werden die Menschen vor allem kommen? Nur aus Polen?

Stephan Schwarz: In Polen ist in den vergangenen zehn Jahren viel passiert: Das Bildungs- und auch das Lohnniveau sind deutlich gestiegen. Es werden also nicht nur Hilfsarbeiter zu uns kommen. Ich erwarte auch gut ausgebildete Facharbeiter und Akademiker, die in Deutschland Arbeit suchen werden. Und die brauchen wir auch. Wir steuern ja auf einen dramatischen Fachkräftemangel zu.

Morgenpost Online: Wo fehlen denn im Berliner Handwerk die Fachkräfte?

Stephan Schwarz: Seit einiger Zeit finden die Betriebe nicht mehr die Auszubildenden, die sie brauchen. Das gilt für die Bäcker, Fleischer, auch Gebäudereiniger haben es schwer. In fast allen handwerklichen Berufen können Stellen nicht mehr besetzt werden, obwohl der Bedarf da ist. So plant jeder vierte von rund 33.000 Berliner Handwerksbetrieben eine Neueinstellung. Selbst wenn jeder nur einen einzigen Mitarbeiter neu einstellen würde, hätten wir einen akuten Fachkräftebedarf von 8000 Menschen – allein im Handwerk. Die Zuwanderung von jährlich 8500 osteuropäischen Arbeitskräften, die die Bundesagentur für Arbeit für die Region Berlin annimmt, würde rechnerisch also genau diesen akuten Bedarf ausgleichen. Aber natürlich gehen die Menschen, die jetzt nach Deutschland zum Arbeiten kommen, nicht alle ins Handwerk.

Morgenpost Online: Im vergangenen Jahr machten Sie ja Schlagzeilen, als Sie für Ihr Gebäudereinigungsunternehmen 100 Mitarbeiter suchten und keine in Berlin fanden; kein Hartz-IV-Empfänger aus Berlin wollte einen dieser Jobs machen. Obwohl immerhin ein Mindestlohn von 8,55 Euro gezahlt wird. Würde das jetzt einfacher?

Stephan Schwarz: Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird es den Unternehmern sicherlich etwas einfacher machen, Personal zu rekrutieren. Im Bereich der Gebäudereinigung wird es aber nicht so viel Zuzug geben, weil die Löhne im Dienstleistungsbereich in Polen auch deutlich gestiegen sind. Die Regionen Stettin, Posen, Breslau boomen, da reichen die Löhne fast an unser Niveau heran.

Morgenpost Online: Wie groß ist die Sprachbarriere? Gehen die Polen nicht lieber nach Großbritannien als nach Deutschland, weil sie in ihrer Schulzeit Englisch gelernt haben?

Stephan Schwarz: Wer motiviert ist, für den ist die deutsche Sprache kein Problem. Gerade in Westpolen wird Deutsch wieder aktiv gelernt. Und die Integration in Deutschland gelingt gut. Die Hürde wird meines Erachtens woanders liegen, so gibt es noch immer zu viele bürokratische Hindernisse. Wir brauchen eine echte Willkommenskultur in Deutschland, um die neuen Fachkräfte auch langfristig halten zu können.

Morgenpost Online: Wie behindert die Bürokratie?

Stephan Schwarz: Ein Beispiel: Wer aus dem Ausland – nicht nur aus Osteuropa – hier studiert hat, muss nach seinem Studienabschluss zur Behörde gehen und sich beraten lassen, wie er in seine Heimat zurückkommt. Wir brauchen diese Menschen aber hier, zumal sie in Berlin teuer ausgebildet wurden. Die bürokratischen Hindernisse müssen abgebaut werden. Gut gelungen ist das schon bei der Anerkennung von Abschlüssen.

Morgenpost Online: Wir sprechen mehr über Polen als über Tschechen oder Slowaken? Ist für diese Osteuropäer Berlin nicht auch interessant?

Stephan Schwarz: Selbstverständlich. Bis zur tschechischen Grenze sind es zwei bis zweieinhalb Stunden Autofahrt. Berlin hat auch als deutsche Hauptstadt eine große Anziehungskraft – auf Menschen, die mobil sind.

Morgenpost Online: Viele Arbeitskräfte aus Polen sind schon in Deutschland und arbeiten als Pflegerinnen in den Familien, leider häufig illegal. Das müsste sich jetzt mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit doch eigentlich auch ändern?

Stephan Schwarz: Es wäre schön, aber an der Schwarzarbeit wird sich mit dem 1. Mai wohl nichts ändern. Wer schwarzarbeitet, wird dies wohl auch weiterhin tun. Wichtig ist, dass der Staat dafür sorgt, dass die Einhaltung der Mindestlöhne auch kontrolliert wird. Und dass der Verbraucher – also jeder Bürger – keine Schwarzarbeit zulässt, also seine Wohnung nicht ohne Rechnung renovieren lässt. Das würde im Kampf gegen die Schwarzarbeit schon sehr viel helfen.

Morgenpost Online: Blicken wir nach vorn: Im nächsten Jahr wird der Großflughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) eröffnet und viele Tausend neue Arbeitsplätze schaffen. Auch für Menschen aus Osteuropa?

Stephan Schwarz: Das kann ich mir nur wünschen. Viele Polen werden vom BBI aus in andere Länder fliegen. Und der BBI wird als Jobmotor eine Anziehungskraft über die Region hinaus haben. Das entspricht auch der Idee des Flughafens: Wir werden also am BBI auch Arbeitskräfte haben, die Polnisch sprechen – mit den polnischen Passagieren, die von dort aus in die Welt fliegen.