Einzelhandel

"Die Konsumstimmung ist ausgezeichnet"

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C. Dierig und H. Seidel

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Im Einzelhandel herrscht Aufbruchstimmung. Der Verbandschef erwartet ein grandioses Weihnachtsgeschäft.

Für Deutschlands Händler beginnt nun die heißeste Zeit des Jahres. Die Wochen vor Weihnachten sind die mit Abstand geschäftigsten und damit auch die wichtigsten für Umsatz und Ertrag der gut 400.000 Branchenbetriebe. Und die Vorzeichen für einen erfolgreichen Jahresabschluss stehen gut. Denn bei den Verbrauchern scheint das Geld wieder deutlich lockerer zu sitzen als noch im vergangenen Jahr. Der Handelsverband Deutschland (HDE) gibt sich entsprechend zuversichtlich bei seiner Prognose für 2010: um 1,5 Prozent soll der Jahresumsatz steigen. Und das soll erst der Anfang sein. Experten rechnen damit, dass der Binnenkonsum eine entscheidende Stütze für das Wirtschaftswachstum wird. Im Interview mit Morgenpost Online spricht Verbandspräsident Josef Sanktjohanser über diesen Aufschwung, seine Erwartungen an das Weihnachtsgeschäft, den Trend zum Online-Shopping und den geplanten Mindestlohn.

Morgenpost Online: Herr Sanktjohanser, wo kaufen Sie eigentlich Ihre Weihnachtsgeschenke ein?

Josef Sanktjohanser: Ganz klassisch im Fachgeschäft, wie die meisten Verbraucher in Deutschland. Eine Geschenkidee hab ich sogar schon im Kopf. Darüber werde ich mit Ihnen aber nicht sprechen.

Morgenpost Online: Dann lassen Sie uns über den offensichtlichen Trend zum Geschenke-Kauf im Internet reden.

Sanktjohanser: Das ist derzeit tatsächlich ein Mega-Trend, nicht nur bei Weihnachtsgeschenken. Ich erlebe das aktuell bei meinen Kindern, die zunehmend online einkaufen. Diese Entwicklung wird die Handelslandschaft wie wir sie kennen, schon mittelfristig verändern. Darauf werden sich die Unternehmen einstellen müssen. Wer als Händler erfolgreich sein will, kommt heute nicht mehr umhin, sich mit dem Thema E-Commerce zu beschäftigen.

Morgenpost Online: Welchen Marktanteil kann der Online-Handel in Zukunft überhaupt erreichen?

Sanktjohanser: Langfristig ist ein niedriger zweistelliger Prozentsatz durchaus realistisch. Derzeit liegt der Online-Anteil bereits bei vier Prozent und damit doppelt so hoch wie noch vor fünf Jahren. Und dieses rasante Wachstum wird sich erst einmal so fortsetzen. Ab einem gewissen Punkt wird es dann aber schwierig. Denn es gibt eine natürliche Begrenzung für den Internet-Handel: die Shopping-Lust der Verbraucher. Die Leute gehen viel zu gerne in die Innenstädte und in die großen Einkaufszentren, nicht zuletzt in der Weihnachtszeit.

Morgenpost Online: Apropos. Wie wird das Weihnachtsgeschäft im Jahr 2010?

Sanktjohanser: Ich denke gut. Zumindest lassen die aktuellen Voraussetzungen darauf schließen. Die Konsumstimmung bei den Verbrauchern ist ausgezeichnet, die Anschaffungsneigung kontinuierlich gestiegen, zumal alle Prognosen auf eine anhaltend gute Wirtschaftsentwicklung und zugleich auf steigende Löhne und Gehälter hindeuten. Außerdem ist die Krise in den Köpfen der Leute endgültig überwunden und ein Preisauftrieb nicht erkennbar. Es wäre erstaunlich, wenn die Konsumenten in diesem Jahr nicht deutlich mehr Geld für Geschenke ausgeben würden als im vergangenen Jahr.

Morgenpost Online: Was heißt das in Zahlen? Es gibt bereits Studien, die ein Plus von 1,5 bis 1,9 Prozent prognostizieren.

Sanktjohanser: Unsere jährliche Händler-Umfrage ist noch in vollem Gange. Aber ich kann Ihnen so viel verraten: Die ersten Ergebnisse lassen darauf schließen, dass vielleicht noch mehr drin ist, als einige dieser Studien vermuten. Ende nächster Woche wissen wir es genau. Vielleicht können wir dann sogar unsere bislang gültige Jahresprognose etwas übertreffen.

Morgenpost Online: Eine fast schon ungewöhnliche Dynamik für den Handel, der ja seit Jahren kaum Ausschläge zeigt – weder nach oben noch nach unten.

Sanktjohanser: Das stimmt. Wir haben keine sprunghaften Veränderungsraten wie etwa im Maschinenbau oder in der Automobilindustrie. Aber davon hat Deutschland zuletzt auch profitiert. Im Krisenjahr 2009 zum Beispiel war der Handel hierzulande eine der großen Stützen der Konjunktur. In diesem Jahr nun sind wir wieder einer der Stabilisatoren der Wirtschaft. Und im kommenden Jahr können wir sogar zu den Motoren der Konjunkturentwicklung in Deutschland gehören. Leider wird das in der Politik nicht entsprechend wahrgenommen und gewürdigt. Das produzierende Gewerbe scheint offenbar mehr sexy zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass wir keine schillernde Exportbranche sind.

Morgenpost Online: Hat der Handel ein Aufmerksamkeitsdefizit in Berlin?

Sanktjohanser: Wir sind heute wesentlich präsenter in den Köpfen der Politiker als noch vor einigen Jahren. Trotzdem wird die Branche noch immer unterschätzt und sie muss kräftig aufholen gegenüber anderen Wirtschaftszweigen. Natürlich kann man jetzt sagen, dass der Handel mehr Druck machen muss. Es ist aber nicht mein Stil, morgens im Frühstücksfernsehen populistisch herumzupoltern. Das sollen weiterhin andere Leute machen. Wenn die Branche diese Art der Profilierung will, bin ich nicht der Richtige für dieses Amt. Ich versuche lieber mit Argumenten zu überzeugen und setze auf einen kontinuierlichen Austausch mit den Verantwortlichen in der Politik.

Morgenpost Online: Wie zeigt sich die von Ihnen beklagte fehlende Wertschätzung der Politik?

Sanktjohanser: Da gibt es viele Beispiele. Nehmen Sie die Mehrwertsteuererhöhung vor einigen Jahren. Die wurde von der Politik beschlossen, ohne unsere Argumente zu berücksichtigen. Und am Ende war der Handel der Prügelknabe für den Verbraucher, weil er die Erhöhung umsetzen musste. Vielen Händlern hat das richtig weh getan, weil sie nicht den kompletten Aufschlag an die Kunden weitergeben konnten. Oder nehmen Sie aktuell die Neuregelung der Ökosteuer. Laut Beschluss der Bundesregierung werden Unternehmen mit hohem Energieverbrauch weniger stark belastet als ursprünglich geplant. Das gilt unter anderem für die chemische Industrie, für Stahl- und Aluminiumkonzerne oder auch für die Zementhersteller. Dass aber auch der Einzelhandel mit seiner Beleuchtung und seinen Kühlketten und Klimaanlagen eine der energieintensivsten Branchen in Deutschland ist, interessiert offenbar nicht. Dabei entstehen unseren Unternehmen durch die Ökosteuer immerhin Mehrkosten in Höhe von 500 Millionen Euro. Für einen durchschnittlichen Supermarkt führt das zu einer Mehrbelastung, die schnell mal ein Viertel seiner ohnehin niedrigen Marge verschlingt. Hier wird der Handel schlichtweg diskriminiert.

Morgenpost Online: Das klingt nach steigenden Preisen.

Sanktjohanser: Wenn ich mir den heftigen Wettbewerb in Deutschland anschaue, dürfte es eigentlich nicht dazu kommen. Zumindest nicht in erheblichem Umfang. Ich rechne allerdings damit, dass die ständigen Preissenkungsrunden aufhören. Zumal derzeit auch die Rohstoffe wieder teurer werden.

Morgenpost Online: Um möglichst billig zu sein, gab es bei einigen Händlern in den vergangenen Jahren immer wieder Skandale um Arbeitsbedingungen.

Sanktjohanser: Da ist in der Tat viel passiert, was dem Ansehen der Branche geschadet hat. Aber Gott sei Dank werden Unternehmen immer wieder erwischt, wenn sie sich falsch verhalten. Das ist auch in unserem Sinne.

Morgenpost Online: Was tun Sie, um neue Skandale zu verhindern?

Sanktjohanser: Wir sensibilisieren unsere Mitgliedsunternehmen. Und wir handeln auch selbst, derzeit zum Beispiel beim Thema Mindestlohn. Dazu sind wir mit der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di im Gespräch. Denn auch wir als Arbeitgeber wollen ein Mindestentgelt für die Mitarbeiter im Handel – allerdings kein gesetzlich festgelegtes. Stattdessen setzen wir auf einen tariflich verbindlichen Basislohn. Wir wollen eine neue Entgeltstruktur und eine für alle Unternehmen des Einzelhandels verbindliche Lohnuntergrenze. Konkrete Zahlen kann ich bislang noch nicht nennen. Ich erwarte aber, dass die Gespräche im Frühjahr 2011 abgeschlossen sein werden.