Fastfoodkette

Hinter den Kulissen von McDonald's in Deutschland

Franchisenehmer erzielen inzwischen 80 Prozent des Umsatzes der Burgerbraterei in Deutschland. Thilo auf’m Kamp ist einer von ihnen.

Foto: McDonald's

Als Deutschland-Chef Bane Knezevic in München die Umsatzsteigerung von McDonald’s um 3,7 Prozent auf drei Milliarden Euro präsentierte, war Thilo auf’m Kamp schon wieder unterwegs zwischen seinen Restaurants. Irgendwo im Auto, quer durch den Ruhrpott zwischen Wesel, Oberhausen und Bottrop.

Elf Filialen mit dem großen „M“ betreibt der 42-Jährige inzwischen. Und er hätte gerne bald noch mehr. „2010 war wieder ein gutes Jahr, meine Restaurants haben auf vergleichbarer Fläche drei bis vier Prozent zugelegt“, sagt er. Erstmals hat auf’m Kamp die Umsatzschwelle von 20 Millionen Euro geknackt.

In Euphorie jedoch macht er nicht: „Die Krise hat zumindest bei uns im Ruhrgebiet Spuren hinterlassen: Wenn Kunden überlegen, ob sie sich für 20 Cent extra noch Ketchup oder Mayo für die Pommes leisten können, spürt man, dass das Geld nicht ganz so locker sitzt“, sagt der Doktor der Betriebswirtschaft.

Es sind vor allem Umsätze, die Franchisenehmer wie er erzielen, mit denen der McDonald’s Landeschef in München glänzt. Denn fast 80 Prozent der 1386 Restaurants der Kette in Deutschland werden gar nicht von McDonald’s betrieben, sondern von jenen Franchisenehmern.

Also von Mittelständlern, deren unternehmerische Freiheiten dort enden, wo die gnadenlosen Standardisierungs-Vorschriften von McDonald’s beginnen. Wenn es nicht um Burger ginge, könnte man von einer Sandwichposition sprechen: Chefsein mit einem Chef über sich.

Selbst die Anzahl der Gurkenscheiben sind festgelegt

„Klar“, sagt Thilo auf’m Kamp, „ich kann den Hamburger nicht plötzlich anders zubereiten, weil mir das so in den Kopf kommt.“ Alles muss nach Vorschrift gebraten werden. Jeder Arbeitsschritt ist in dicken Aktenordnern genau geregelt, in jedem Land gleich geregelt: die Anzahl der Gurkenscheiben zwischen den Brötchenhälften ebenso wie die Reinigungsprozeduren oder die Anweisungen, welche Farbe die Lappen für die Säuberung welcher Flächen oder Geräte haben müssen.

Und dann gibt es da noch den „Franchiseberater“, der regelmäßig im Restaurant auftaucht, um nach dem Rechten zu schauen. „Das alles garantiert, dass wir einen gewissen Standard halten und Qualität und Geschmack überall dieselben sind“, sagt auf’m Kamp.

Als Unternehmer-Leichtgewicht fühlt sich der Burgerbrater mit Diplom und Doktortitel dennoch nicht. „Ich mache Dinge, die jeder Unternehmer eigenverantwortlich tut: Ich erarbeite Businesspläne, suche neue Standorte, kümmere mich um deren Finanzierung, baue, stelle Personal ein und bilde aus. Und manchmal kaufe und verkaufe ich Restaurants. Das macht Spaß. Ich habe meinen Traumjob mit vielen Freiheiten, etwa bei der Zeiteinteilung.“

Und auch das wirtschaftliche Risiko trägt er wie jeder andere Unternehmer. Neue Standorte zu entwickeln sei überhaupt seine große Leidenschaft. Und in „seinen“ Städten kenne er sich nun mal besser aus als die von der McDonald’s-Zentrale in München. Die Arbeitsteilung zwischen Franchisenehmer und Franchisegeber sei somit sinnvoll.

„Ich bin sogar ganz froh, dass ich mich um Dinge wie Produktentwicklung, Marktforschung, Rohwarenbeschaffung oder Speisekarten und Preisgestaltung nicht auch noch kümmern muss“, sagt der Chef der „Dr. Thilo auf’m Kamp Systemgastronomie e. K.“.

Anregungen der Franchisenehmer oder die Mitarbeit im „Franchise Leadership Council“ seien stets willkommen. Und als der Besucher nach diesem Satz skeptisch blickt, erzählt auf’m Kamp wie als Beweis für die Durchlässigkeit des zentralistischen Systems das Beispiel des Fish-Burgers, den es heute in jedem McDonald’s-Restaurant auf der Welt gibt. Er entstand dereinst tatsächlich auf Anregung eines Franchisenehmers aus dem amerikanischen Mittelwesten: Dessen gläubige Kundschaft wollte freitags keine Rindfleisch-Burger essen, sondern verlangte nach Fisch. Und sie bekam ihn. Das allerdings ist schon ein paar Jahrzehnte her.

Franchisenehmer haben immer mehr Restaurants

Das weitverbreitete Klischee, nach dem Franchisegeber ihre Franchisenehmer auspressten und ihnen alle teuren und unangenehmen Aufgaben aufdrückten, ohne ihnen Einfluss zu geben, will auf’m Kamp für seine Kette nicht bedienen. „Sie sind auf langfristige Entwicklung aus. Die kamen am Anfang, als die Umsätze etwas hinter den Erwartungen zurückblieben, sogar von sich aus auf mich zu und fragten, ob sie vorübergehend die Miete reduzieren sollten.“

Die Zahl der Franchisenehmer in Deutschland ist zuletzt auf 251 gesunken, 25 wurden sogar schon innerhalb der Familie in die nächste Generation weitergegeben. „Aber die Tendenz ist, dass es pro Franchisenehmer mehr Restaurants gibt“, sagte Deutschland-Chef Knezevic.

Zwischen drei und vier Läden hat jeder Franchisenehmer statistisch gesehen – auf’m Kamp ist mit seinen elf Standorten in Bottrop, Dinslaken, Gladbeck, Oberhausen, Wesel somit einer der größeren. 450 Mitarbeiter beschäftigt er inzwischen, 25 Auszubildende, samt Ausbildungsbeauftragter – alle mindestens nach Tarif bezahlt, wie der Chef – nebenher auch Richter am Arbeitsgericht Gelsenkirchen – gern betont.

Die Systemgastronomie hat mich fasziniert

Thilo auf’m Kamp war schon kurz nach dem Studium Teil des größten Systemgastronomensystems der Welt geworden. „Das hat mich fasziniert, da wollte ich mitmachen“, sagt er heute. Als 26-Jähriger kaufte er ein Restaurant in Lübbecke im Weserbergland. Das heißt bei der Kette praktisch, dass der Käufer dem Verkäufer die erwarteten Gewinne für die Restlaufzeit des Franchisevertrages bezahlt. Grundstück und der Rohbau gehören McDonald’s, beides pachtet der neue Franchisenehmer für 20 Jahre. Durch dieses System soll der Burgerbrater der inzwischen der zweitgrößte Immobilienbesitzer der Welt geworden sein – hinter dem Vatikan.

40 Prozent Eigenkapital muss man schon mitbringen, wenn man unter dem großem „M“ Burger braten will. Jungunternehmer auf’m Kamp startete Mitte der 90er-Jahre noch in guten Kapitalmarktzeiten: Zwei Banken wollten sein erstes, eine Million D-Mark teures Restaurant finanzieren, zwei andere lehnten ab. „Das Restaurant war nicht optimal geführt, als ich es übernahm“ erinnert er sich. Und beim Personal musste er auch kräftig durchwechseln.

„Ich habe jeden Tag im Restaurant gestanden, habe alles gemacht, jede Funktion, jede Art von Schicht geführt. Das hilft mir heute noch. Notfalls kann ich jedem Mitarbeiter jeden Handgriff zeigen.“ Die 14- bis 16-Stunden-Tage hätten ihm Spaß gemacht, erzählt er, „man arbeitet ja auf eigene Rechnung“. Und die ging auf. Schnell hatte er den Umsatz um 30 Prozent gesteigert – und nach zwei Jahren konnte er das Restaurant zum doppelten Preis weiterverkaufen. Bei einem solchen Handel muss die Zentrale in München zustimmen.

Inzwischen betreibt er fast ein Dutzend Standorte. Manche seiner Restaurants – wie das am Bahnhof von Bottrop – haben rund um die Uhr geöffnet. „Der Grill ist immer an, nie aus. Am Wochenende zwischen drei und fünf Uhr am Morgen tobt da der Mob.“

Restaurant vor dem Einkaufscentrum Centro

Vor einigen Monaten hat er in Oberhausen ein neues Restaurant vor den Toren des Einkaufszentrums Centro eröffnet. Das Grundstück hatte er selber entdeckt und für Erfolg versprechend gehalten. Bei Neubauten wie diesem kommen auf den Betreiber noch die Kosten für den Innenausbau des Restaurants hinzu – samt Küche, Kühlräumen, Toiletten oder Computern. „Da kommen inzwischen rund 800.000 Euro pro neuem Standort zusammen“, sagt auf’m Kamp.

Dass er stolz auf seinen Erfolg ist, merkt man ihm an, er erzählt gern darüber, oft mit einer Art Ruhrpott-Understatement. Dann nennt er sich schon mal selber den „Pommesverkäufer aus Oberhausen“. Er sei viel lockerer geworden als in der Startphase.

Ein Abbild seines kleinen Imperiums samt Grenzgebieten hängt als Karte im Büro, wobei seine Restaurants durch Stecknagelköpfe symbolisiert sind. Die der Nachbarn haben eine andere Farbe. Auf einige zeigt auf’m Kamp und sagt: „Die da und die da hätte ich gerne noch. Ich bin noch hungrig.“ Eine Wunschzahl an eigenen Restaurants hat er nicht, zumindest sagt er sie nicht. „Das hängt davon ab, was sich so ergibt. Wenn es passt, schlage ich sofort zu.“

Einmal hat McDonald’s ihm die Länder Slowenien und Kroatien angeboten, 30 Restaurants einschließlich Grund und Boden. Aber er hat abgelehnt. „Ich wollte in Deutschland bleiben.“ Jetzt arbeite er daran, „schuldenfrei zu werden. Es ist inzwischen nicht mehr ganz so weit bis zu dem Punkt. Das ist ein gutes Gefühl.“ 2011 dürfte er dem Ziel abermals näher kommen: „Ich erwarte wieder ein Umsatzplus zwischen drei und vier Prozent.“ Damit läge er in dem Korridor, den Knezevic für die McDonald’s-Organisation angekündigt hat. Er hört auf den Chef.