Überangebot

Viele Pflegeheime sind von der Pleite bedroht

Milliarden wurden in Pflegeheime investiert. Jetzt bringt ein zu großes Angebot Betreiber in Schwierigkeiten.

Insolvenzen von Pflegeheimbetreibern stellen die bisherigen Wachstumsprognosen für Sozialimmobilien in Deutschland nachhaltig in Frage. Investoren haben in den vergangenen Jahren mehr Pflegeplätze geschaffen als benötigt werden. Jetzt steht die Branche vor einer Konsolidierung.

„Viele ältere, nicht mehr marktfähige Häuser werden in den kommenden Jahren aufgegeben müssen“, sagt Josef Thiel, Geschäftsführer der auf Sozialimmobilien spezialisierten Beratungsgesellschaft Terranus. Die Diakonie Oldenburg musste in diesem Frühjahr drei Pflegeheime in die vorläufige Insolvenz schicken. Jetzt werden die Einrichtungen unter einer neuen Betriebsgesellschaft fortgeführt. Auch die Hansa-Gruppe, Betreiber von 18 Einrichtungen in Nordwestdeutschland, stand im April finanziell vor dem Aus. Inzwischen hat der Insolvenzverwalter einen Investor aufgetan, der die gemeinnützige Gesellschaft mit frischem Kapital versorgt.

Für Marktexperten kommen die Insolvenzen nicht überraschend: „In den vergangenen Jahren wurde teilweise inflationär in Pflegeheime investiert“, sagt Ulrich Marseille, Vorstandschef der Marseille-Kliniken, die bundesweit 58 Senioreneinrichtungen, acht Rehakliniken und ein Akutkrankenhaus betreibt. Allein 2006, auf dem Höhepunkt des Immobilienbooms, hätten geschlossene Fonds und institutionelle Investoren für 1,2 Milliarden Euro Pflegeeinrichtungen neu gebaut oder aufgekauft. „Es waren Glücksritter am Markt, die auf schnelle Kaufabschlüsse und kurzfristige Erträge gesetzt hatten“, sagt Albrecht von Witzendorff, Immobilienexperte bei Ernst&Young Real Estate.

Die Folgen treten nun deutlich zutage: Derzeit gibt es mehr Pflegeplätze in Deutschland als Pflegebedürftige. Nach der jüngsten Pflegestudie des Statistischen Bundesamtes ist die durchschnittliche Belegung deutscher Pflegeheime bereits im Jahr 2007 auf nur noch 88 Prozent gesunken. Ende dieses Jahres soll die Anschlussstudie vorgelegt werden. Experten rechnen mit einer noch niedrigeren Belegungszahl. Für viele Betreiber ist das fatal: Damit eine Einrichtung wirtschaftlich betrieben werden kann, müssen rund 91 Prozent der Betten belegt sein.