Früher Saisonbeginn

So tricksen die Spargelbauern bei der Ernte

Früher begann die Spargelsaison im Mai, nun gibt es ihn schon im April. Um ihren Profit zu steigern, greifen die Bauern auf einen Trick zurück.

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Mit dem traditionellen Spargelanstich startet in Beelitz die Spargelsaison.

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In Klaistow spielt das Duo „Henning & Tom“ Blues und Swing. Kleine Kinder betatschen Zwergziegen auf der Streichelwiese, mittelgroße Kinder hopsen auf der Hüpfburg herum, und die großen kurven mit dem Kinderquad im Kreis. Die Eltern sitzen auf langen Bänken, reden und essen. Schnitzel mit Spargel, 13Euro. Zum Nachtisch ein Spargeleis. Später noch einen Bund Stangengemüse to go und dann ab nach Hause.

12000 Besucherautos haben sie vergangenen Sonntag auf dem Spargelhof in Klaistow gezählt, aus Brandenburg, Potsdam, Berlin. Das macht gut und gerne 30000 zahlende Gäste für die Inhaber Buschmann und Winkelmann. Die beiden Bauernfamilien hatten sich bald nach der Wende aus dem Westfälischen auf den Weg in den Osten gemacht und sich dort eine der riesigen vormaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gekauft. Vor 21 Jahren eröffneten sie dort ihren Spargelhof. Jetzt wird geerntet.

Was Brandenburgs größtem Spargelbauern derzeit solchen Zulauf beschert, ist eine landwirtschaftliche Innovation: der Tunnelanbau. Die 450 Hektar großen Spargelfelder rund um den Klaistower Hof sehen aus, als hätte der Künstler Christo sie verpackt. Lange Folienbahnen bedecken den Acker, einige schwarz, andere weiß, wieder andere transparent und gewölbt. „Wir regulieren die Dammtemperatur“, erklärt Landwirt Ernst-August Winkelmann. Je nach Wetterlage kann der 47-Jährige die Abdeckfolien mit der dunklen oder hellen Seite nach oben auslegen und so optimale Wachstumsbedingungen für das sprießende Gemüse schaffen.

Sensoren in der Erde

Der Clou aber sind die Tunnel: lange Röhren aus transparenter Folie, die über bogenförmige Gestänge gespannt ist. In diesen Miniaturgewächshäusern hält sich die Wärme auch in den kalten Vorfrühlingsnächten. „Optimal sind 18 bis 24 Grad in 20 Zentimeter Tiefe“, sagt Winkelmann, der mit Sensoren die Temperatur laufend in unterschiedlicher Tiefe kontrolliert. Der ganze Aufwand diene nur einem Zweck, sagt Winkelmann. „Wir können heute zwei Wochen eher als in früheren Jahren ernten. Das bringt uns zehn zusätzliche Verkaufstage.“

So mancher Kunde stutzt, wenn er dieser Tage im Supermarkt oder beim Direktvermarkter vor Kisten voller frischem Spargel steht. Nicht aus Griechenland oder gar Peru, sondern aus heimischer Produktion. Früher begann die Spargelzeit erst Ende April oder Anfang Mai. Jetzt wird im ganzen Land bereits gestochen. Spargelbauern landauf, landab überbieten sich gegenseitig darin, wer die wertvollen weißen Stangen als erster aus der Erde holt. Denn, so die goldene Regel der Branche: Der frühe Spargel bringt das Geld.

„Die Spargelsaison wird durch Verfrühungsmethoden zunehmend verlängert“, beobachtet Jochen Winkhoff, Geschäftsführer der Bundesfachgruppe Gemüseanbau. „Schwarzweiß-Folien, Mini- und Miditunnel – das alles ist aufwendig und teuer. Doch es rechnet sich am Ende für den Erzeuger.“ Spargel wird ausschließlich zu Tagespreisen gehandelt. Und diese schwanken im Verlauf einer Saison dramatisch. Die ersten Spargelbauern können Anfang April in den Vermarktungsgenossenschaften mitunter 18 Euro pro Kilo erzielen. Wenige Wochen später, wenn es das Stangengemüse tonnenweise zu kaufen gibt, kann der Kilopreis auf zwei oder drei Euro sinken – so tief, dass sich für die Bauern oft nicht einmal die Ernte lohnt.

Über 92000 Tonnen Spargel werden mittlerweile bundesweit in einer Saison gestochen. Er ist das Gemüse mit der größten Anbaufläche – rund 20000 Hektar – und der höchsten Wertschöpfung. Früher behandelten ihn die Bauern eher stiefmütterlich, inzwischen haben sie sein Potenzial erkannt. „Die Nähe zum Verbraucher spielt beim Spargel eine besonders große Rolle“, glaubt Winkhoff. „Die deutschen Spargelbauern haben den Niederländern, Griechen und Spaniern den Schneid abgekauft.“

Die Statistik gibt ihm Recht. Der Spargelverzehr der Deutschen liegt seit Jahren zwar mehr oder weniger konstant bei knapp zwei Kilo je Haushalt und Jahr. Doch die Importquote hat sich seit den 90er-Jahren fast halbiert, so die Zahlen von Michael Koch, Marktanalyst bei der Bonner Agrarmarkt Informations-Gesellschaft. Demnach wurden 1996 noch 44500 Tonnen Spargel eingeführt, im vergangenen Jahr waren es nur noch knapp 25000. Bei 77 Prozent des in Deutschland verkauften Spargels handelt es sich mittlerweile um heimische Ware.

Das ist nur möglich, weil heute schon an den ersten Frühlingstagen der erste Spargel sprießt. Ganz weit vorn ist dabei Leo Haenraets. Der 57-Jährige ließ schon vor fünf Wochen die Spargelstecherkolonnen aus Polen und Rumänien auf seinem Feld zwischen Hürth und Köln anrücken: „Wir sind schon seit Mitte März bei der Ernte. Manche sagen, das sei wie Ostereier zu Karneval. Aber unser Spargel ist trotzdem sehr wohlschmeckend und wird gern gekauft.“ Und das zu guten Preisen: 12,50 Euro zahlen seine Kunden für das Kilo an seinem Verkaufsstand.

Dass Haenraets zur tiefsten Winterreifenzeit bereits den ersten Spargel aus dem Boden holen kann, liegt nicht an Wendefolien oder Tunneln. Sein Geheimnis verbirgt sich unter der Erde. Das gesamte Spargelfeld ist durchzogen von einem Leitungssystem, das Warmwasser durch die Erddämme leitet. Haenraets Spargel wächst – auf einer Fußbodenheizung. Vor sechs Jahren hatte sich der gebürtige Niederländer mit zwei anderen Landwirten zu einer Art Spargel-Holding zusammengetan, der heutigen Dom-Spargel OHG. Gemeinsam investierten sie etwa eine Million Euro in den Umbau eines 22 Hektar großen Ackers in ein Spargelfeld mit Zentralheizung.

Um die Staudengewächse zu wärmen, haben die cleveren Landwirte den Kühlturm eines benachbarten Industriekomplexes angezapft, legal, versteht sich. In der Fabrik wird Ruß produziert, wobei viel Wärme anfällt. Diese wird zunächst zur Stromgewinnung genutzt. Die 70 Grad heiße Abwärme aus den Turbinen versorgt wiederum die Hürther Haushalte mit Fernwärme. Und was dann noch an Restwärme bleibt, fließt als 30 Grad warme Fußbodenheizung durchs Spargelfeld und erfreut die jungen Triebe.

„Wir pumpen 700 Kubikmeter Wasser pro Stunde durch das Leitungssystem“, sagt Haenraets. Das Energie-Recycling ist für den Betreiber der Chemiefabrik ein Image-Gewinn; die Spargelbauern zahlen nur einen symbolischen Betrag für die Abwärme. Ähnliche Kooperationen gibt es auch andernorts, etwa im Umfeld von Kohlekraftwerken. Trotz des frühen Starts dauert die Saison für die Hürther Spargelbauern nur zwei Monate, in denen sie gut 260 Tonnen Spargel aus dem Boden ziehen wollen. „Wenn der normale Freilandspargel auf den Markt kommt, hören wir schon wieder auf“, sagt Haenraets. Ab August steigt er auf sein zweites großes Standbein um: den Kürbisanbau.