Lkw-Hersteller

Dauerzwist um Ferrostaal bringt MAN in Zeitverzug

MAN hat sein Aktionärstreffen abgesagt. Der Lkw-Hersteller braucht mehr Zeit für den Abschluss – ungewöhnlich für einen Dax-Konzern.

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Der Saal war schon gebucht. Im Münchner Kongresszentrum wollte der Nutzfahrzeug- und Motorenhersteller MAN am 8. April seine Hauptversammlung abhalten. Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hätte, wie die Jahre zuvor, die Versammlung eröffnet und die Aktionäre begrüßt. Daraus wird vorerst nichts. Überraschend hat MAN sein Aktionärstreffen abgesagt. Es soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Die für den 1. März angesetzte Bilanz-Pressekonferenz wurde auf den 21. März verlegt.

Der Grund: Der Jahresabschluss verzögert sich. Das ist für ein Dax-Unternehmen ungewöhnlich und, wie ein Beteiligter sagt, „keineswegs trivial“. Wie aus Unternehmenskreisen zu hören ist, braucht MAN einen Aufschub, um doch noch eine Einigung im Dauerzwist um die einstige Tochter MAN Ferrostaal zu erreichen. Die Chancen dafür stünden „besser denn je“.

Sollte der Fall Ferrostaal gelöst werden, wäre möglicherweise der Weg frei für ein überaus wichtiges Geschäft: die Fusion der Lkw-Bauer MAN und Scania. Sie könnten unter dem Dach des Großaktionärs VW zusammengeführt werden. VW-Aufsichtsratschef Piëch verfolgt das Ziel, eine Lkw-Allianz zu schmieden. Im Weg steht dem vor allem noch der Fall Ferrostaal, bei dem es um Hunderte Millionen Euro geht und eine Korruptionsaffäre. Über Jahrzehnte war Ferrostaal, der Traditionskonzern mit Sitz in Essen, Türöffner der „Deutschland AG“ bei internationalen Geschäften. Vom Kraftwerksbau über Rüstungsgeschäfte reicht das Spektrum der Dienstleistungen.

Im Geschäftsjahr 2009 waren rund 6000 Mitarbeiter für Ferrostaal tätig, der Umsatz betrug damals 1,6 Milliarden Euro. Im März 2009 verkaufte MAN 70 Prozent von Ferrostaal an den arabischen Staatsfonds International Petroleum Investment Company (Ipic). Der Vertrag galt rückwirkend zum 1. Januar 2008. MAN behielt vorerst 30 Prozent, die der Fonds aus Abu Dhabi später übernehmen sollte. Insgesamt wurde Ferrostaal mit 700 Millionen Euro bewertet. Doch die Araber bekamen wider Erwarten kein intaktes Unternehmen, sondern vor allem jede Menge Ärger. In der Firma tummelten sich bald schon Staatsanwälte und Ermittler.

Dem Vernehmen nach geht es um Schmiergeldzahlungen von 180 Millionen Euro, die bei diversen Geschäften in Griechenland, Portugal, Indonesien, Lateinamerika und anderen Regionen der Welt geflossen sein sollen. So soll beim Verkauf von U-Booten an Griechenland nicht alles korrekt gelaufen sein. Die Münchner Staatsanwaltschaft ist deshalb aktiv geworden. Als Bußgeld für Ferrostaal stehen 200 Millionen Euro im Raum, abgeschlossen ist das Verfahren noch nicht.

Ermittlungen wegen Verdachts der Bestechung

Gegen mehrere Ferrostaal-Manager wird wegen des Verdachts der Bestechung ermittelt. Die Staatsanwaltschaft München gilt als hartnäckig, seit sie sich mit der Aufdeckung der Siemens-Schmiergeldaffäre einen Namen gemacht hat. Auch den Fall MAN, bei dem beim Verkauf von Lkw und Bussen ebenfalls Schmiergelder flossen – hat sie aufgeklärt. MAN überwies Ende 2009 ein Bußgeld von 151 Millionen Euro. Und nun Ferrostaal. „Der Fall ist eine verzwickte Angelegenheit. Jeder erhebt gegen jeden finanzielle Forderungen. Die Kunst besteht darin, dieses verworrene Gestrüpp zu entflechten und eine saubere Lösung hinzubekommen“, sagt ein Beteiligter.

Ipic etwa verlangt in einem Schiedsverfahren die Rückabwicklung des Geschäfts, könnte aber wohl auch damit leben, wenn MAN das Bußgeld übernimmt und die übrigen 30 Prozent der Aktien günstig abgibt. MAN entgegnet bisher, man habe Ferrostaal nach einer Revision nach bestem Wissen und Gewissen verkauft. Mit anderen Worten: Von Leichen im Keller will man nichts gewusst haben. MAN würde deshalb auch gerne das Geld für das 30-Prozent-Paket von Ipic kassieren. Die Aktien sind bei MAN mit 139 Millionen Euro bilanziert. Damit nicht genug: Ferrostaal erwägt eine Forderung von 103 Millionen Euro gegen die Ex-Mutter MAN wegen angeblich zu viel abgeführter Gewinne.

Der Rechtsstreit zwischen Ipic und MAN ist für einen äußerst ärgerlich: VW. Denn die Causa Ferrostaal blockiert ein anderes Geschäft: die mögliche Zusammenführung der beiden großen europäischen Lkw-Hersteller MAN und Scania. Der Wolfsburger Konzern ist an beiden Unternehmen beteiligt und würde gerne eine Lkw-Allianz unter dem VW-Dach schmieden. Eine Zusammenführung wäre bedeutend einfacher, wäre das Kapitel Ferrostaal ad acta gelegt. „Die nächsten zwei Wochen sind entscheidend“, heißt es deshalb in Bankenkreisen. Sollten sich MAN und Ipic einigen, könne alles sehr schnell gehen. Wenn nicht, würde sich die Transaktion MAN-Scania weiter nach hinten verschieben.

Was nicht heißen soll, dass es nicht noch andere Hürden gibt – etwa Untersuchungen der EU-Kartellwächter gegen mehrere europäische Lkw-Bauer. Oder die drohende Anklage gegen Scania-Chef Leif Östling. Ihn hat die schwedische Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Bestechung bei Geschäften mit dem Irak zu Zeiten Saddam Husseins ins Visier genommen.