Deutsche Bank

Ackermann-Nachfolge – 6 Bewerber, 3 offene Fragen

Deutsche-Bank-Manager wollen Axel Weber als Vorstandschef verhindern. Statt eines Gegenvorschlags kursieren viele Optionen für den Platz auf dem Chefsessel.

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Josef Ackermann lächelte erst einen kurzen Moment vor sich hin, ehe er zu seiner Antwort ansetzte. Natürlich hatte er mit der Frage gerechnet, ob er denn zur Hauptversammlung 2012 abtreten würde, wenn die Deutsche Bank in diesem Jahr sein Ziel von zehn Milliarden Euro Vorsteuergewinn erreichen würde.

Es sei nicht seine Art, nur ein einzelnes gutes Jahr hinzulegen, sagte er. "Wir wollen keine einmalige Maximierung, sondern eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Bank." Und nach einer kurzen Pause hängte er an: "Und mein Vertrag läuft bis 2013." Der Satz endete in einem breiten Grinsen des Vorstandchefs. Ihm war bewusst, dass er sein Publikum bei der Bilanzpressekonferenz der Bank Anfang des Monats damit nicht zufrieden stellte. Doch Ackermann gefiel sich in der Rolle des Geheimnisvollen. Auf die Frage nach dem Anforderungsprofil für seinen Nachfolger antwortete er lachend: "Damit Sie alle mitsuchen können?"

Josef Ackermann schien sich so sehr mit dieser Aufgabe zu identifizieren, dass er die Suche nach dem neuen Vorstandschef als "Gemeinschaftswerk" zwischen ihm und dem Aufsichtsratschef Clemens Börsig ansah, für das noch viel Zeit bleibe.

Die Herren neben ihm auf dem Podium ließen sich nichts anmerken - doch so mancher der übrigen Bankvorstände, die dort oben saßen, dürfte schon damals anderer Meinung gewesen sein. Nachdem nur eine Woche später Bundesbank-Chef Axel Weber seinen Ausstieg aus der Notenbank bekannt gab und damit die Spekulationen über einen Wechsel zur Deutschen Bank in Schwung brachte, ist die Diskussion über den richtigen Ackermann-Nachfolger das alleinige Gesprächsthema in Sachen Deutsche Bank.

So kann es nicht weitergehen - da sind sich zahlreiche Führungskräfte des Hauses und einflussreiche Teile des Aufsichtsrats einig. Ihre Skepsis gilt einerseits der Person Axel Weber. Andererseits aber auch einer endlos langen Kronprinzen-Debatte. Dauert das halböffentliche Schaulaufen der Aspiranten noch länger an, so die Sorge vieler Top-Deutschbanker, droht großer Schaden für die Kandidaten und die Bank selbst.

Die Sorge um das Haus ist dabei umso glaubwürdiger, als dass nun Druck von Personen kommt, die von der Entscheidung über die Bankspitze keine persönlichen Vor- oder Nachteile zu erwarten haben.

Eine verbreitete Auffassung ist dabei, dass in den nächsten drei Monaten eine Entscheidung fallen muss. Am 26. Mai ist dann die Hauptversammlung der Bank. "Bis dahin sollten wir wissen, was wir unseren Aktionären sagen", sagt ein Top-Manager. Dabei gibt es keinen einmütigen Gegenvorschlag zu Axel Weber, der nach wie vor als Ackermanns Favorit für die eigene Nachfolge gilt. Vielmehr werden unter den Führungskräften und zunehmend auch im Aufsichtsrat etliche Vorschläge diskutiert, wie die künftige Spitze aussehen könnte. Dabei geht es nicht nur um die Person des Vorstandschefs, sondern das ganze Vorstandsteam. Es gebe viele Optionen, heißt es. Dabei muss die Bank zunächst drei grundsätzliche Entscheidungen treffen.

Externer oder interner Kandidat?

Als im Frühjahr 2009 die Nachfolgedebatte erstmals Fahrt aufnahm, galt eines als sicher: Die Deutsche Bank kann nur jemand aus dem eigenen Haus führen. Schließlich wurde in der Geschichte der Bank noch nie ein Manager von außen direkt an die Spitze des Vorstands berufen. Doch schon damals zeigte sich ein Problem, das bis heute ungelöst ist: Den perfekten Ackermann-Klon hat die Bank derzeit nicht zu bieten.

Das Anforderungsprofil an den Deutsche-Bank-Chef ist in den vergangenen Jahren schließlich äußerst komplex geworden. Er muss das Investmentbanking in London oder New York ebenso vertreten können wie das Schaltergeschäft der neuen Tochter Postbank in Deutschland. Er muss das Institut in der kritischen deutschen Öffentlichkeit ebenso repräsentieren können wie auf den internationalen Kapitalmärkten. Und er sollte möglichst auch noch ein ähnlich weit verzweigtes politisches Netzwerk rund um den Globus vorweisen können, wie Ackermann es sich in den vergangenen Jahren aufgebaut hat.

Nun gibt es in der Bank zahlreiche profilierte Manager - aber bei jedem von ihnen lassen sich mit Blick auf das Anforderungsprofil irgendwelche Defizite finden, gerade bei den beiden, die vielen als einzig ernsthafte Bewerber gelten. Der eine, Risikovorstand Hugo Bänziger, gilt als ziemlich raubeinig und hat zudem noch nie einen Geschäftsbereich wie das Privatkundengeschäft oder das Investmentbanking geleitet.

Dem anderen, dem obersten Investmentbanker Anshu Jain, wird nachgesagt, zu schlecht in der deutschen Politik und Wirtschaft verankert zu sein und noch nicht ausreichend Deutsch gelernt zu haben. Seine Herkunft aus dem Investmentbanking ist zudem kein unbedingtes Plus, auch wenn die Bank derzeit rund 70 Prozent ihrer Erträge in diesem Bereich macht. Aber gerade die Arbeitnehmer im deutsch-dominierten Aufsichtsrat fürchten, dass der gebürtige Inder, der sein komplettes Berufsleben an der Wall Street und in der Londoner City verbracht hat, das Privatkundengeschäft vernachlässigen könnte.

Die beiden Kandidaten mit deutschem Pass, die seit längerem gehandelt werden, haben ebenfalls ihre Schwachstellen. Finanzvorstand Stefan Krause kam erst im Jahr 2008 von BMW zur Deutschen Bank. Ihm wird zwar allenthalben attestiert, sich schnell in die Bank eingearbeitet und eingefügt zu haben, doch der Makel, noch keinen operativen Bereich in der Deutschen Bank geführt zu haben, haftet ihm erst recht an.

Privatkundenchef Rainer Neske wiederum wird klar seiner bisherigen Wirkungsstätte zugeordnet, mit Investmentbanking hatte er bislang wenig zu tun. Sowohl Krause als auch Neske haben Informationen der "Welt" zufolge intern kommuniziert, dass sie nicht ins Rennen für den Vorstandsposten gehen wollen - was freilich nicht heißt, dass sie nicht bereit stünden, wenn sie gebeten würden.

Die Defizite der möglichen Kronprinzen könnten daher die Tür für einen externen Kandidaten öffnen. Nicht umsonst diskutierten die Vertreter der Anteilseignerseite im Aufsichtsrat im vergangenen Spätsommer am Tegernsee darüber, welche Persönlichkeiten von außen denn in Frage kämen. Ackermann war auch dabei, und sein offensichtlicher Favorit soll zugleich der einzige ernst zunehmende Aspirant auf der nicht einmal eine handvoll Namen umfassenden Liste gewesen sein.

Eine Person wie Weber, das ist wohl auch Ackermanns Kalkül, könnte am ehesten reibungslos seinen Platz einnehmen am Tisch vieler Mächtiger in Wirtschaft und Politik. Einen vergleichbaren Status wies kein anderer Deutschbanker auf. Allerdings verfügen Privatkundenchef Neske und vor allem Jürgen Fitschen, nach Ackermann der Älteste im Vorstand der Bank, über ein hervorragendes Netzwerk in Deutschland.

Für eine externe Besetzung der Vorstandsspitze könnte außerdem sprechen, dass man keinen der internen Interessenten zugunsten eines Kollegen zurücksetzen müsste. Ob dieses Kalkül aufgehen würde, ist allerdings fraglich - ein neuer Chef von außen könnte auch erst recht dazu führen, dass prominente Banker das Haus verlassen. Dagegen gelten unter Führungskräften der Bank interne Lösungen ohne personelle Flurschäden als durchaus denkbar.

Es gilt als möglich, dass Bänziger und Jain den Sprung des jeweils anderen an die Vorstandsspitze akzeptieren würden. Sie haben in den vergangenen Jahren eng miteinander kooperiert. Außerdem könnte man dem 48-jährigen Jain immer noch die Perspektive bieten, den gut sieben Jahre älteren Bänziger eines Tages zu beerben - eine durchaus schlüssige Argumentation.

Vorsitzender oder Sprecher?

Josef Ackermanns Stellung ist ein Novum in der Geschichte der Deutschen Bank. Alle seine Vorgänger, selbst so profilierte Manager wie Hermann-Josef Abs oder Alfred Herrhausen, waren lediglich Sprecher des Deutsche-Bank-Vorstandes. Formal gesehen handelt es sich dabei um einen Primus inter pares, was auch dadurch zum Ausdruck kommt, dass der Vorstandssprecher im Kreis der Kollegen gewählt wird. Auch Ackermann rückte nach einer solchen Wahl an die Spitze der Bank und wurde 2002 ihr 18. Vorstandssprecher. Im Februar 2006, als sein Vertrag mitten in der unliebsamen Mannesmann-Affäre verlängert wurde, wurde er zum Vorstandsvorsitzenden befördert, ein Posten, der vom Aufsichtsrat zu besetzen ist.

Die Unterscheidung zwischen Vorsitzenden und Sprechern erscheint zuweilen als Haarspalterei. Als Commerzbank-Chef Martin Blessing vor zwei Jahren vom Sprecher zum Vorsitzenden gemacht wurde, witzelte er vor Journalisten über den "Titel ohne Mittel". Und gerade das Beispiel Ackermann zeigt, dass auch ein Vorstandssprecher ein Unternehmen unangefochten dominieren kann. Schon in seinem ersten Jahr als Bankchef etablierte er einen erweiterten Vorstand, das so genannte Group Executive Committee, als wichtigstes Strategiegremium des Konzerns. Es war, ähnlich wie bei angelsächsischen CEOs, klar auf den Mann an der Spitze ausgerichtet. In der Praxis kommt es also mehr auf die Persönlichkeit als auf den Titel an.

Doch gerade weil bei Spitzenpersonalien auch die Symbolik zählt, könnte eine Rückkehr zum Sprecher-Modell die Regelung der Ackermann-Nachfolge vereinfachen. Der neue Chef wäre dann wieder nur "Erster unter Gleichen" und weniger herausgehoben - entsprechend könnten sich die Kandidaten, die leer ausgehen, weniger zurückgesetzt fühlen. Allerdings wäre diese Variante für den Aufsichtsrat und dessen Vorsitzenden Börsig mit einem Nachteil verbunden: Künftig würde wieder der Vorstand entscheiden, wer die Bank führt, nicht mehr die Kontrolleure.

Einzel- oder Doppelspitze?

Doppelspitzen sind in der Unternehmenswelt exotisch, doch gerade die Deutsche Bank hat damit einige Erfahrung: Beispiele dafür waren Wilhelm Christians und Wilfried Guth, und später Christians und Herrhausen in den 70er- und 80er-Jahren. Dennoch spricht auf den ersten Blick wenig für eine Rückkehr zu einem solchen Modell. Analysten und Investoren stehen Doppelspitzen grundsätzlich skeptisch gegenüber, fordern klare Verantwortlichkeiten. Und gerade nach den Querelen um die Ackermann-Nachfolge sähe ein Kompromiss mit zwei Chefs sehr nach Notlösung aus.

Dennoch gibt es auch gute Argumente, diesen unkonventionellen Schritt zu wagen. Gerade weil die Anforderungen an einen Deutsche-Bank-Chef so vielseitig sind, dass keine einzelne Person in Sicht ist, die allen Aspekten aus dem Stand gerecht werden könnte.

Dabei wären verschiedenste personelle Konstellationen denkbar. Naheliegender Kandidat für eine Doppelspitze wäre Jain, dessen Expertise im Investmentbanking unbestritten ist, der aber mit seiner mangelnden Erfahrung mit Deutschland eine offene Flanke hat. Ihm könnte man also einen der Vorstände mit deutschem Pass an die Seite stellen. Ein logischer Partner wäre wohl Neske, der im Privatkundengeschäft ebenso ein unumstrittener Experte ist wie Jain in der Kapitalmarktsparte. Die beiden Männer sind höchst verschieden, schätzen sich aber, und nicht wenige in der Bank meinen, dass sie gut miteinander auskämen.

An der Seite Jains könnte auch Regionalvorstand Fitschen an die Spitze der Bank rücken. Als alleiniger Chef kommt er aufgrund seines Alters von 62 Jahren praktisch nicht mehr infrage; im Rahmen einer Doppelspitze könnte er dagegen Jain für eine Übergangszeit zur Seite stehen, bis er sich hierzulande etabliert hat. Der heutige Arbeitsdirektor Herrmann-Josef Lamberti schließlich, dem wie Fitschen keine Ambitionen auf den Chefsessel nachgesagt werden, könnte als Jain-Partner interne Wogen glätten und für ein gutes Verhältnis zu Politik, Gewerkschaften und Öffentlichkeit in Deutschland sorgen. Und mit Finanzvorstand Krause stünde sogar noch ein vierter Deutscher für Doppel-Lösungen zur Verfügung.

Auch der Schweizer Bänziger könne ein deutschsprachiger Partner für Jain sein, wird allerdings als Risikochef eher mit dem Investmentbanking als mit deutschen Privatkunden in Verbindung gebracht. Allerdings ist er inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender der Fondsgesellschaft DWS in einer zentralen Deutschland-Rolle. Bänziger könnte wiederum selbst als Partner für Privatkundenchef Neske in Frage kommen. Oder er könnte von Arbeitsdirektor Lamberti an seiner Seite profitieren, als Gegenwicht zu dem wegen seiner straffen Führungsmethoden intern nicht nur beliebten Bänziger.

Fazit: Leicht wird die Nachfolgesuche nicht. Weder im Vorstand, noch im Aufsichtsrat gibt es eine finale Meinung. Derweil lässt Ackermann beschwichtigen: "Ein Grund zur Eile besteht nicht, da der Vertrag von Josef Ackermann noch mehr als zwei Jahre läuft", sagt sein Sprecher. Diese Rechnung dürfte nicht aufgehen. Angesichts der Unruhe in der Bank und der ständigen Gerüchte und Spekulationen könnten Vorstände und Aufsichtsrat schon bald die Geduld verlieren und nicht mehr warten wollen, bis Ackermann und Aufsichtsratschef Börsig ihr Gemeinschaftswerk vollendet haben.