Bundesbank-Präsident

Weber ist ein Risiko für den Ruf der Deutschen Bank

Deutsche-Bank-Chef Ackermann hatte Axel Weber als Nachfolger im Visier. Doch nach der Fahnenflucht ist er als Chef eigentlich kaum tragbar.

Foto: pa/dpa / pa/dpa/Hannibal Hanschke, Karlheinz Schindler

Die drei Männer sind in ihrem Element, als sie im vergangenen Juli im Hotel „The Grove“ in Hertfordshire im Norden Londons zusammentreffen. Erst begrüßt Anshu Jain, der Chef-Investmentbanker der Deutschen Bank und Gastgeber, die vielen vornehm gekleideten Herren und wenigen Frauen aus aller Welt. Dann gibt Vorstandschef Josef Ackermann seine Einschätzung zur globalen Lage, bevor Bundesbank-Präsident Axel Weber das Podium betritt und über die Schuldenkrise in der Eurozone spricht.

Es ist die jährliche „Global Markets Conference“ der Deutschen Bank, und die rund 250 milliardenschweren Gäste, Hedgefonds-Manager und Vermögensverwalter, sind begeistert von der Präsentationen der drei Banker, die sich duzen und so hervorragend zu harmonieren scheinen. Die Gäste hätten es wohl noch spannender gefunden, wenn sie gewusst hätten, dass alle drei Herren Protagonisten eines ziemlichen turbulenten Schauspiels sind, bei dem es um einen der wichtigsten Posten der deutschen Wirtschaft geht: den Chefsessel in der Deutschen Bank.

Denn zu diesem Zeitpunkt, im Sommer 2010, weiß der amtierende Vorstandschef Ackermann schon ziemlich genau, wen er gern eines Tages als seinen Nachfolger sähe: den Notenbanker Weber. Staatsmännisch, redegewandt, mit Wurzeln in Deutschland und besten politischen Verbindungen. Ackermann weiß aber auch: Es wird keine leichte Aufgabe, Weber all den bankeigenen Alphatieren wie Jain vorzusetzen. Aber mit der richtigen Taktik und dem nötigen Fingerspitzengefühl würde es schon gelingen.

Seit Mittwoch dürfte dieser Plan noch viel schwieriger umzusetzen sein. Wohl nie zuvor hat sich ein so anerkannter Geldpolitiker wie Weber durch eine völlig missratene Kommunikation so sehr selbst zerlegt. Sein Rücktritt wirkt wie eine Fahnenflucht. Und die lässt sich mit einem Wechsel zur Deutschen Bank kaum mehr vereinbaren. Zu groß scheint im Moment das Reputationsrisiko für die Bank. Und ein Grund, ihn zu engagieren, verblasst gerade: Webers Verbindungen in die Politik dürften zumindest in Deutschland merklich gelitten haben.

Warum sucht Ackermann einen externen Nachfolger?

Doch die Frage ist, warum die Deutsche Bank überhaupt einen externen Chef braucht. Seit fast neun Jahren steht Ackermann an der Spitze. Genug Zeit also, einen Nachfolger aufzubauen. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Entweder hat Ackermann seinen Job doch nicht so gut gemacht oder er übergeht den geeigneten Kandidaten. Ersteres kommt eigentlich nicht in Frage. An der Kompetenz des Deutsche-Bank-Vorstands gibt es auf den wichtigen Positionen wenig Zweifel. Die Bank ist besser als fast alle globalen Konkurrenten durch die Krise gekommen und wird derzeit mit Auszeichnungen überhäuft.

Zum dritten Mal wurde sie kürzlich vom britischen Fachmagazin IFR zur „Bank des Jahres“ gekürt. Die Leser der renommierten amerikanischen Zeitschrift „Institutional Investor“ wählte zudem die Aktienanalyse der Bank an die Weltspitze. Und das Geschäft brummt weiter. Mit seinem Ziel, in diesem Jahr einen Vorsteuergewinn von zehn Milliarden Euro vorzulegen, hat Ackermann die Messlatte hoch gelegt. Es ist also nicht die Zeit, sich an der Nachfolgefrage abzuarbeiten. Genau das geschieht aber gerade in der Bank. In den vergangenen Monaten wurden in den Medien immer wieder vier Kandidaten genannt.

Sicher, keiner von ihnen erfüllt das, was man am liebsten an der Spitze der Deutschen Bank sähe: den staatsmännischen Banker, der überall auf der Welt von Präsidenten empfangen wird, aber auch vom Privatkundengeschäft und Investmentbanking gleichermaßen viel versteht, in Deutschland und auf den internationalen Finanzmärkten zu Hause ist und dann auch noch die komplexe Kultur der Deutschen Bank in all ihren Facetten verinnerlicht hat. Ein Profil, das Ackermann freilich selbst nicht ganz erfüllt und Weber aufgrund seiner fehlenden Erfahrung im operativen Bankgeschäft noch viel weniger.

Folglich sollten Ackermann und der eigentlich für die Nachfolgesuche verantwortliche Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Börsig auch an die internen Kandidaten die entsprechenden Maßstäbe anlegen – Schwachstellen bei einer der Anforderungen dürften dann kein K.-o.-Kriterium sein. Rainer Neske etwa ist als Privatkundenchef für rund 44.000 der nach der Postbank-Übernahme etwas mehr als 100.000 Mitarbeiter zuständig. Er hat zwei Defizite, wenn man das überhaupt so nennen darf: Neske ist durch und durch Privatkundenbanker und hatte bislang keinen Einblick in die Tiefen des Kapitalmarktgeschäfts, außer in seiner Funktion als gesamtverantwortlicher Vorstand.

Was spricht gegen Jain?

Ebenfalls ein Außenseiter ist Finanzvorstand Stefan Krause, der beim Autohersteller BMW schon einmal für den Chefposten im Gespräch war. Er gilt als exzellenter Finanzvorstand und hat als solcher Einblick in alle Bereiche der Bank. Sein Manko ist, dass er erst seit gut drei Jahren bei der Deutschen Bank ist und hier nie an der Spitze eines Geschäftsbereichs stand.

Das trifft auch auf Hugo Bänziger zu, der als einer der besten Risikomanager weltweit gilt. Er hat in den vergangenen 15 Jahren aber ein so fundiertes Verständnis von den Prozessen gewonnen, dass er wohl den komplettesten Blick über alle Sparten hat. Allerdings ist sein Führungsstil, durchaus geprägt aus seinen Zeiten bei der Schweizer Armee, umstritten. Und staatsmännisch tritt Bänziger auch nicht auf.

Bleibt im internen Kandidaten-Quartett noch der Chefinvestmentbanker Jain. Der gebürtige Inder kam 1995 von Merrill Lynch zur Deutschen Bank und ist damit sogar noch länger im Haus als Ackermann selbst, der ein Jahr später kam. Jain hat Schritt für Schritt Verantwortung im Investmentbanking übernommen und verantwortet inzwischen 70 Prozent der Erträge. Keiner, vermutlich nicht einmal Bänziger, hat ein so tiefes Verständnis von den internationalen Kapitalmärkten – dort, wo die Deutsche Bank also das meiste Geld verdient und die größte Erfolgsgeschichte in den vergangenen Jahren hingelegt hat.

Zudem ist Jain ein ziemlich geradliniger Charakter: Private Fehltritte hat er vermieden, er gilt als sehr intelligent und berechenbar. Und er hat in den vergangenen 15 Jahren maßgeblich dazu beigetragen, eine neue Kultur in der Investmentbank zu schaffen. Zu guter Letzt ist Jain der Wunschkandidat der Analysten – und deren Wünsche waren Ackermann immer wichtig. Was also spricht gegen Jain? Es ist vor allem ein Defizit, das immer wieder angeführt wird: Der 48-Jährige wird in Deutschland mit großer Skepsis betrachtet.

Ein angelsächsischer Investmentbanker indischer Herkunft, der zumindest öffentlich noch nie seine Deutschkenntnisse präsentiert hat – ein solcher Mann scheint den Mitarbeitern, der Politik und den Medien hierzulande nicht vermittelbar. Wobei Jain bislang auch keine Chance hatte zu beweisen, ob er der deutschen Öffentlichkeit nicht doch gewachsen ist. Diesen Raum hat Ackermann bisher keinem der vier Kandidaten gegeben. Am Ende läuft es auf die Frage hinaus, was die ausschlaggebenden Kriterien für die Wahl des Nachfolgers sind: Sind es Sprachkenntnisse, ist es womöglich das politische Netzwerk?

Oder ist es vielleicht die persönliche Agenda Einzelner, einschließlich Ackermann. So wäre ein Nachfolger Weber dem amtierenden Chef vielleicht auch deswegen recht, weil er dann seine Amtszeit bis zum Mai 2013 noch möglichst lange auskosten könnte, ohne direkt als Chef auf Abruf gesehen zu werden. Oder sollte das entscheidende Kriterium nicht doch eher sein, wer sich um die Bank als Vorstand am meisten verdient gemacht hat? In einem Haus, das mit dem Slogan „Leistung aus Leidenschaft“ wirbt, sollte die Antwort auf diese Fragen leicht zu finden sein.