Finanzinvestor Markus

Sozialistische Kunst ist das Hobby des Großkapitalisten

Dirk Markus, der Gründer des Beteiligungskonzerns Aurelius, kauft im großen Stil Firmen. Privat hat er ein Faible für sozialistische Propaganda.

Foto: Quirin Leppert

Mao Tse-Tung, Ho Chi Minh und Josef Stalin zieren in verschiedenen Posen die Wände einer kleinen Galerie am Starnberger See. Ausgerechnet einer der bekanntesten deutschen Finanzinvestoren – also ein Kapitalist, wie er im Buche steht – hat sie dort hingebracht: Dirk Markus, Gründer und Chef der Beteiligungsgesellschaft Aurelius, erwirbt nicht nur jede Menge Unternehmen. Er besitzt auch eine stattliche Sammlung sozialistischer Plakatkunst.

Markus ist das, was Franz Müntefering vor sechs Jahren abfällig „Heuschrecke“ genannt hat. Er kauft Unternehmen, strukturiert sie um und verkauft sie dann möglichst gewinnbringend wieder. Derzeit nennt er so bekannte Namen wie Berentzen, Blaupunkt oder das „Traumschiff“, die MS Deutschland, sein Eigen.

Morgenpost Online: Herr Markus, ein Großkapitalist, der sich sowjetische Propaganda-Plakate an die Wand hängt. Wie kommt's?

Dirk Markus: Ich habe im Nebenfach Slawistik studiert und nebenbei auch Russisch gelernt. Ab 1990 war ich dann immer wieder mal in Russland, damals noch Sowjetunion. Die Geschehnisse rund um Gorbatschow haben mich sehr interessiert.

Morgenpost Online: Wo haben Sie Ihr erstes Plakat gefunden?

Markus: Das war 1992. Während eines Praktikums bei einem deutsch-russischen Joint Venture hat es mich unter anderem nach Sibirien, nach Tomsk verschlagen. In einem Kombinat waren die Mitarbeiter gerade dabei, mehrere Plakate wegzuwerfen. Ich fand die Stücke aber irgendwie reizvoll und habe einige mitgenommen.

Morgenpost Online: Haben Sie dieses Hobby exklusiv, oder gibt es eine nennenswerte Sammlergemeinde?

Markus: Es gibt einige ernsthafte Sammler. Ich bin mit meinen etwa 350 Plakaten nur ein kleines Licht.

Morgenpost Online: Was sind denn Ihre thematischen Steckenpferde?

Markus: Ich habe vor allem Motive aus Vietnam und Russland. Dazu noch einige Plakate aus China und Kuba. Einige wenige aus der DDR.

Morgenpost Online: Haben Sie auch etwas Wertvolles?

Markus: Ja, hier dieses Exemplar ist beispielsweise mehrere Tausend Euro wert.

Morgenpost Online: Wirklich?

Markus: Ja, schauen Sie. „Tirasch 300.000“ bedeutet Auflage von 300.000. Davon sind wahrscheinlich nur noch zehn auffindbar. Die anderen wurden an Litfaßsäulen geklebt und dadurch unbrauchbar gemacht.

Morgenpost Online: Wo finden Sie denn heute noch Plakate?

Markus: Einerseits im Internet, aber ich entdecke auch auf Flohmärkten in Russland immer noch einige Stücke.

Morgenpost Online: Was fasziniert Sie daran?

Markus: Es ist die überspitzte, politische Kunst – die nur aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen ist. Es gab in der Sowjetunion immer wieder große Kampagnen beispielsweise mit dem Motto „Genossen, wir müssen Energie sparen“. Es sind oft Motive, die aus einer wirtschaftlichen Not heraus entstanden sind – die Fehler des Systems korrigieren sollten. Ich finde die Verknüpfung von politischen Botschaften und Kunst sehr spannend.

Morgenpost Online: Teilen Sie als Finanzinvestor – als klassischer Kapitalist sozusagen – einen Teil dieser sozialistischen Botschaften?

Markus: Nein, um Gottes willen. Ich bin kein Sozialist. Es gibt doch dieses Bonmot: Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 noch Sozialist ist, hat keinen Verstand. Da ist schon was dran. Er hat mich als gesellschaftliches Großexperiment interessiert. Ich habe allerdings auch leicht reden. Schließlich war ich nur externer Betrachter und nicht Betroffener.

Morgenpost Online: Sozialistischere Züge in unserer Gesellschaft würden Ihnen als Unternehmer ja auch nicht gerade entgegenkommen.

Markus: Vollkommen richtig.

Morgenpost Online: Denn Sie sind ja, wie es im Volksmund inzwischen heißt, eine gefräßige Heuschrecke.

Markus: Ich bin Unternehmer. Wir kaufen Firmen und richten sie neu aus.

Morgenpost Online: Dennoch erntet Ihre Branche immer wieder Kritik. Auch Sie mussten sich schon als „skrupelloser Totengräber“ oder „oberfieser Ausschlachter“ bezeichnen lassen.

Markus: Dem klassischen Finanzinvestor wird immer vorgeworfen, er finanziere den Kauf einer Firma über hohe Schulden, welche er dann dem übernommenen Unternehmen aufbürdet. Aber das ist falsch und ein Klischee.

Morgenpost Online: Wie gehen Sie vor?

Markus: Wir suchen Firmen, bei denen wir der Meinung sind, dass wir dort etwas besser machen und so den Wert und das Wachstum steigern können.

Morgenpost Online: Aber warum wird die Branche dieses schlechte Image nicht los?

Markus: Die Deutschen haben Angst vor Veränderung. Finanzinvestoren bringen Veränderung in ein Unternehmen. Das führt zu Abwehrhaltungen.

Morgenpost Online: Was irgendwie auch verständlich ist. Die Unternehmen werden ja oft auf Kosten der Mitarbeiter wieder in Form gebracht. Sprich, zuerst werden Arbeitsplätze gestrichen oder verlagert.

Markus: Das stimmt so nicht. Kurzfristig kommt es sicherlich des Öfteren zu Stellenabbau. Doch mittel- und langfristig stellt unsere Firma dann umso mehr neue Leute ein.

Morgenpost Online: Haben Sie mit Aurelius unterm Strich Jobs geschaffen?

Markus: Die Unternehmen, die länger als zwei Jahre bei uns sind, haben unter dem Strich heute mehr Beschäftigte als vor der Übernahme. Bei Veränderungen werden Sie leider immer Leute finden, die dabei verloren haben und deshalb unzufrieden sind.

Morgenpost Online: Wie schwierig ist es, die Leute vor die Tür zu setzen?

Markus: In den meisten Fällen übernimmt diese Aufgabe das Management des jeweiligen Unternehmens. Aber ich muss natürlich zeigen, dass eine Maßnahme notwendig ist und wir als Besitzer dahinterstehen.

Morgenpost Online: Vielleicht kommt der schlechte Ruf auch durch das ständige Kaufen und Weiterverkaufen von Firmen.

Markus: Es ist nicht sinnvoll, ein Unternehmen zu schnell weiterzuverkaufen. Wenn man hört, dass eine Firma in acht Jahren vier Gesellschafter hatte, dann ist da etwas schiefgelaufen.

Morgenpost Online: Ihre populärste Übernahme war zuletzt die des „Traumschiffs“, die MS Deutschland. Sind Sie schon mal mitgefahren?

Markus: Ja, auf jeden Fall. Ich bin alle paar Wochen an Bord. Ich bin doch jetzt der Eigner und Reeder. Da muss ich doch mitfahren und nach dem Rechten sehen!

Morgenpost Online: Und nun fahren Sie alle Nase lang zur See?

Markus: Ja, ungefähr alle acht Wochen für drei oder vier Tage. Ich fliege dann nach Hamburg oder nach Nizza und fahre ein paar Tage mit, begrüße die Gäste und unterhalte mich mit ihnen. Die Passagiere wollen keine anonyme Finanzgesellschaft als Schiffseigentümer. Sie wollen den Mister Traumschiff persönlich kennenlernen, und das mache ich gerne.

Morgenpost Online: Eine Heuschrecke mit Gesicht ...

Markus: Ach nein, schon wieder die alte Heuschreckengeschichte. Das ist wirklich langsam überholt. Ich bin Unternehmer. Das ist es, was ich mache.

Morgenpost Online: Wie sind Sie an das Traumschiff gekommen?

Markus: Der Reeder, Peter Deilmann, starb vor inzwischen acht Jahren. Seine beiden Töchter haben das Geschäft danach übernommen. Sie hatten allerdings kein allzu glückliches Händchen. Wir haben die Reederei im Sommer 2010 gekauft und führen sie jetzt in eine gute Zukunft.

Morgenpost Online: Schiffe, Schnaps, Autoradios. Wie behält man da den Überblick?

Markus: Wir sind keine Experten in diesen verschiedenen Branchen. Aber wir sind gut darin, zu erkennen, wenn es spannende Themen und Märkte gibt. Dann geben wir dem jeweiligen Management die nötigen Ressourcen und sind Sparringspartner des jeweiligen Unternehmens. Ich kann nicht entscheiden, wo die „MS Deutschland“ nächste Woche hinfährt.

Morgenpost Online: Sie hatten auch mal RTL-Shop gekauft – einen Homeshopping-Sender. Was ist denn daraus geworden?

Markus: Den haben wir verkauft. An Thomas Haffa. Der wollte den unbedingt haben.

Morgenpost Online: Warum haben Sie ihn nicht trotzdem behalten?

Markus: Wir waren der Meinung, dass Herr Haffa der bessere Eigentümer ist, der diesen Laden noch besser führen kann.

Morgenpost Online: Das kann Ihnen doch egal sein.

Markus: Nein. Denn wenn er der bessere Eigentümer ist, ist er auch bereit, einen besseren Preis zu zahlen.

Morgenpost Online: Sie sind wirklich kein Sozialist.

Markus: Sag ich doch.

Morgenpost Online: Wann fahren Sie wieder mit dem Traumschiff?

Markus: Anfang Mai – von Barcelona über Madeira zu den Azoren und dann bis Lissabon.

Morgenpost Online: Und wann geht es das nächste Mal per Schiff nach Russland – zum Plakate-Shopping?

Markus: Vielleicht im Juni: Dann ist die „MS Deutschland“ in St. Petersburg.