GAU in Fukushima

So geht das Ausland jetzt mit der Atomkraft um

In Deutschland wird ein zügiger Ausstieg aus der Atomkraft diskutiert. Doch wie geht eigentlich der Rest der Welt mit der riskanten Energie um?

Foto: Infografik WELT ONLINE

Italien setzt aus, die Wirtschaftsmächte Indien und China sind ungebremst energiehungrig, Russland und die USA wollen alle Anlagen erst mal „prüfen“. Und die Türkei plant ihre ersten zwei Atomkraftwerke – eins soll ausgerechnet vom japanischen Betreiber Tepco gebaut werden, das andere in einer Erdbebenzone.

Frankreich: Präsident Nicolas Sarkozy wird am heutigen Donnerstag Japan besuchen, um dem Land sein Mitgefühl auszudrücken. Ganz uneigennützig dürfte das jedoch nicht sein, denn bisher wurde er nicht müde, auf seinen Reisen die heimische Atomindustrie anzupreisen. Wie kaum ein anderes Land hat Frankreich nach der Ölkrise 1973 konsequent auf den Ausbau der Atomkraft gesetzt, um unabhängig von Energieimporten zu sein und niedrige Strompreise garantieren zu können.

Inzwischen bezieht Frankreich 82 Prozent seines Stroms aus Kernkraftwerken. Trotz Fukushima will die konservative Regierung an dieser Energiepolitik festhalten. Mit 58 Reaktoren betreibt Frankreich weltweit den zweitgrößten Atompark nach den USA. Und zwei weitere sind geplant. Sarkozy versprach, alle Kernkraftwerke neuen Sicherheitstests zu unterziehen und notfalls vom Netz zu nehmen. Immerhin: Das älteste Atomkraftwerk des Landes soll geschlossen werden. Obwohl Fukushima auch in der französischen Bevölkerung zu großer Verunsicherung führt, erklärten 58 Prozent der Franzosen in einer Umfrage, dass Frankreich mittelfristig nicht von seiner Atompolitik abrücken könne. Gesche Wüpper

Großbritannien: Die Briten sind der Atomenergie gegenüber traditionell aufgeschlossen eingestellt. Etwa 18 Prozent des britischen Energiebedarfs wird durch Kernkraftwerke abgedeckt. Erst im Oktober 2010 beschloss die konservativ-liberale Regierung den Bau von acht neuen Reaktoren bis 2025.

Energieminister Chris Huhne gab bisher lediglich einen Bericht in Auftrag, bei dem die Sicherheit der Atomkraftwerke im Fall von Naturkatastrophen überprüft werden soll. Von der Bevölkerung kommt wenig Druck. Bei einer repräsentativen Umfrage gaben vergangene Woche 56 Prozent an, sich keine Sorgen um einen Atomunfall in Großbritannien zu machen. Die Studie ist frei vom Verdacht der Meinungsmache. Sie war von der Umweltschutzorganisation „Friends of the Earth“ in Auftrag gegeben worden. Tina Kaiser

Italien: Italien hat sich lange dagegen gesträubt, das umstrittene Atomprogramm auszusetzen. Vergangene Woche kam dann doch die spektakuläre Kehrtwende von Umweltministerin Stefania Prestigiacomo: Man werde ein einjähriges Moratorium einlegen und respektiere die Ängste in der Bevölkerung. Im Juni wird das Land in einem Referendum über die Atompolitik abstimmen. Umfragen zufolge dürfte die Volksabstimmung erfolgreich sein. Umfragen von Gnresearch zufolge werden 70 Prozent der Wähler teilnehmen und ebenso viele die Atompolitik ablehnen – der Atomkurs der Regierung von Premierminister Silvio Berlusconi wäre damit beendet. Das hat Italien schon einmal so erlebt. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl riefen Atomgegner erfolgreich zu einer Volksabstimmung auf. Vier italienische Meiler wurden in der Folge stillgelegt. Noch heute laufen die komplizierten und teuren Abrissarbeiten. Andre Tauber

Spanien: In Spanien wird bereits seit 1983 kein Atomkraftwerk mehr gebaut. Damals wurde ein Moratorium verabschiedet, es sollte der Beginn des Ausstiegs aus der Atomenergie sein. Dazu kam es freilich nicht, trotz des starken Ausbaus der erneuerbaren Energien stammen noch immer 21 Prozent des Stroms aus Kernkraftwerken. Nach dem verheerenden Unglück in Japan wird das Thema der energiepolitischen Wende in Spanien von den großen Parteien angesichts Regionalwahlen im Mai absolut vermieden.

Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero hatte erst im Februar seine bisherigen Positionen geräumt und die Laufzeit der spanischen Atommeiler um 20 Jahre verlängert. Sein „Umfallen“ wird von Atomkraftgegnern scharf kritisiert. Allerdings gibt es hierzulande keine nennenswerte Antiatomkraft-Bewegung. Doch auch von der oppositionellen konservativen Volkspartei (PP), die die Atomenergie immer befürwortet hat, ist nicht zu erwarten, dass im Falle eines Machtwechsels Spaniens Atommeiler abgestellt werden. Ute Müller

Schweden: Auch nach dem Unglück in Japan wird Schweden vorerst Atomland bleiben. In den kommenden Jahren könnten gar neue Atomkraftwerke gebaut werden. Denn die liberal-konservative Regierungskoalition steht weiterhin zur kurz vor der Wiederwahl im Herbst beschlossenen Energiepolitik. Diese erlaubt, alte durch neue Meiler zu ersetzen. Eines der wesentlichen Argumente war, dass diese CO*-freie Stromgewinnung nicht klimaschädlich ist. In Schweden stammen etwa 46 Prozent der im Lande produzierten Elektrizität aus Kernkraft, der Rest wird fast ausschließlich mittels Wasserkraft produziert. Laut einer Umfrage, die wenige Tage nach dem Tsunami und dem Beginn der Katastrophe in Japan gemacht wurde, steht die Bevölkerung heute der Kernkraft erheblich kritischer gegenüber als noch vor drei Jahren. Der Anteil derjenigen, die den Ausstieg wollen, hat sich von 15 auf 36 Prozent mehr als verdoppelt. Clemens Bomsdorf

Türkei: Der türkische Energieminister Taner Yildiz hat schon einmal das japanische Kernkraftwerk in Fukushima besucht – vor der Atomkatastrophe. Yildiz erzählte, wie er danach „davon träumte, ein solches Kernkraftwerk auch einmal in der Türkei zu haben“. Der Wunsch könnte in Erfüllung gehen: Denn die Türkei verhandelt nach wie vor mit dem japanischen Betreiber Tepco darüber, ein solches Atomkraftwerk an der türkischen Schwarzmeerküste zu errichten.

Ein zweites Atomkraftwerk bei Mersin im Südosten, nahe einer bekannten Erdbebenzone, soll wie geplant von einem russischen Konsortium gebaut werden. Die einzige Konsequenz, die die Regierung bislang aus dem japanischen Atomdesaster gezogen hat, ist eine Nachbesserung bei der Erdbebensicherheit. Gegenwärtig soll das Kraftwerk in Mersin Erdbeben bis Stärke acht auf der Richterskala widerstehen können. Die Türkei will endlich eigene Atomkraft und sieht keinen Grund, von diesen Plänen abzurücken. Ministerpräsident Erdogan begründet das so einprägsam wie merkwürdig: „Sollen wir denn auch auf Gasflaschen verzichten, nur weil manchmal eine explodiert?“ Boris Kalnoky

Russland: Angesichts der Atomkatastrophe in Japan beginnt Russland zwar sein ambitioniertes Atomenergieprogramm auf die Sinnhaftigkeit hin zu prüfen. Dass das Land aber vom geplanten Ausbau der Atomenergie abrückt, scheint unwahrscheinlich. Russlands politische Entscheidungsträger sind Anhänger der Atomenergie. Diese „kann ja auch sicher sein“, gab sich Präsident Dmitri Medwedjew überzeugt. Für die bereits laufenden 32 Reaktoren, von denen elf vom Typ des Unglücksreaktors in Tschernobyl sind, hat Premier Wladimir Putin eine Überprüfung auf Erdbebenresistenz hin angeordnet. Die Hälfte der Reaktoren sei wegen der veralteten Anlagen risikobehaftet, warnt Wladimir Kuznecov, Mitglied des Gesellschaftsrates im staatlichen Atommonopolisten „Rosatom“. Eduard Steiner

Ukraine: Auch die Ukraine, die Tschernobyl längst geschlossen hat, aber noch immer mehr als 50 Prozent der Stromerzeugung durch Atomenergie deckt, hält an ihrem Ausbau fest. Die Energiestrategie jedoch, die eine Verdoppelung der Reaktoranzahl bis 2030 vorsieht, „muss man wahrscheinlich korrigieren“, sagte Premier Mykola Asarow. Eduard Steiner

USA: Alle Reaktoren in den USA werden auf ihre Sicherheit überprüft. Aber die Kernkraft steht auch nach dem Desaster im japanischen Fukushima nicht zur Disposition. Das ist die Botschaft, die von Barack Obamas Rede über „Amerikas Energiesicherheit“ am Mittwoch an der Washingtoner Georgetown University erwartet wurde. Derzeit produzieren 104 Atomreaktoren 20 Prozent der Elektrizität. Zwei weitere Anlagen sind in Planung. Der Präsident will die Abhängigkeit von Ölimporten aus unsicheren Regionen mit fragwürdigen Regimes reduzieren. Bis 2035 sollen 80 Prozent der Elektrizität aus „sauberer“ Energie kommen, dazu zählt die CO 2- freie Kernkraft.

Doch das Vertrauen der US-Bürger in Atomkraft hat durch Japan einen Schlag erlitten. In 15 Bundesstaaten wurden inzwischen geringe radioaktive Spuren in Regenwasserproben gefunden. Nur noch 43 Prozent der US-Bürger befürworten den Bau neuer Reaktoren. 2008 waren es noch 57 Prozent. Aktuell wird eine Überprüfung der Sicherheit in den beiden Reaktoren im erdbebengefährdeten Kalifornien gefordert. Ansgar Graw

Südamerika: In Südamerika nutzen nur drei Länder – Mexiko, Brasilien und Argentinien – derzeit Atomkraft, einige andere hegen mehr oder weniger konkrete Pläne. Nach dem Unglück in Japan äußerten Umweltschützer Zweifel an der Sicherheit, der bis zu 40 Jahre alten Reaktoren. Doch die Regierungen winden sich. Einerseits ist die Atomkraft unpopulär, andererseits benötigen die schnell wachsenden Volkswirtschaften immer mehr Energie. In Argentinien erklärte die Regierung, das geplante AKW würde in nicht erdbebengefährdetem Gebiet errichtet. Brasilien hält an seinen Atom-Plänen fest. Laut Behörde sind die Reaktoren für Beben bis zur Stärke sieben ausgelegt. In Mexiko denkt die Regierung immer mal wieder über den Ausbau der Atomenergie nach, doch in den letzten Jahren wurde verstärkt in erneuerbare Energien investiert. Die zwei störanfälligen Reaktoren in einem hurrikan-, erdbeben- und überschwemmungsgefährdeten Gebiet hatte Greenpeace stets kritisiert. Sandra Weiss

Australien: Obwohl Australien selbst keine Atomkraftwerke hat, finden sich hier rund 40 Prozent des weltweiten Bestands von Uran. Im Moment erfüllt der Kontinent ein Fünftel der Welt-Nachfrage. Bis 2016 soll die Produktion massiv gesteigert werden. Rund 10.000 Tonnen dieses leicht zu fördernden Metalls werden pro Jahr exportiert, ein Viertel davon schlucken die 55 Kraftwerke in Japan. Zwar stürzten die Aktien der drei Minenunternehmen direkt nach dem Tsunami in Japan zunächst in den Keller, doch gehen die Analysten davon aus, dass die Industrie sich schon bald wieder erholen wird. Rob Atkinson, Chef der „Energy Ressources of Australia”, meint, Fukushima sei eher ein „Fahrbahnhöcker als eine Barriere”, schließlich würden Flugzeugabstürze die Leute auch nicht am Fliegen hindern. Sophie Mühlmann

China: Am Mittwoch wurden auch in der Luft über Peking radioaktive Partikel aus den havarierten Atomreaktoren Japans nachgewiesen. Der direkte Kontakt mit der fernen Katastrophe hat in China das Umdenken beschleunigt, seit Premier Wen Jiabao am 16.März ein Moratorium für AKW-Neubauanträge erklärte und Planungen in Inlandsprovinzen auf Eis legen ließ. Auch die 13 sich in Betrieb befindenden AKWs sowie die genehmigte Neubauten, von denen 28 begonnen wurden, müssen auf den Prüfstand. Pekings Regierung drosselt zwar das Tempo, hält grundsätzlich jedoch am Ausbau der Atomenergie fest. Sie nennt Kernkraft einen unverzichtbaren Bestandteil ihrer Energiestrategie, bei der sie Kohle und Öl immer stärker substituieren will. Chinas Medien kritisieren Planungs- und Kompetenzwirrwarr und Sicherheitsprobleme in der Atomindustrie: Ein Beispiel: Während im Ausland auf ein AKW rund 40 ausgebildete Sicherheitstechniker kommen, gehören der Atomsicherheitsbehörde nur 300 Experten an. Peking habe beschlossen, ihre Zahl bis 2012 auf 1200 zu erhöhen. Johnny Erling

Indien: Indien plant die größte Kernkraft-Anlage der Erde: Das umstrittene Projekt Jaitapur im Bundesstaat Maharashtra soll ab 2013 gebaut werden und spätestens 2019 ans Netz gehen – allen wilden Protesten von Umweltschützern und Aktivisten zum Trotz. Bis 2050 will das energiehungrige Indien 25 Prozent seines Stroms aus Atomenergie beziehen. Nach Japan unterhält Indien schon jetzt die meisten Nuklearanlagen in Asien. Auf dem südasiatischen Subkontinent sind zurzeit zwanzig Atomreaktoren in Betrieb. Wie auch in Fukushima liegen mehrere der Anlagen direkt an der Küste. Allerdings, so versichert die Regierung, liegen sie alle in relativ ungefährlichen seismischen Zonen. Die Gefahr eines Erdbebens sei gering. Die Regierung wurde sehr deutlich: Man lasse sich von dem Desaster in Japan nicht bremsen. Sophie Mühlmann