Umstrukturierung

Glühlampenhersteller Osram geht an die Börse

Der Konzern Siemens bringt sein traditionsreiches Tochterunternehmen Osram im Herbst an die Börse und stellt sich intern neu auf. Der Glühlampenhersteller Osram beschäftigt in Berlin rund 1700 Mitarbeiter.

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Im Zuge seines großen Konzernumbaus bringt Siemens-Chef Peter Löscher die Lichttochter Osram an die Börse – voraussichtlich im Herbst. Dies teilte der Siemens-Aufsichtsrat am späten Montagabend nach seiner Sitzung mit und bestätigte damit Informationen von Morgenpost Online. Der Aufsichtsrat gab grünes Licht für den Verkauf der Mehrheit an dem Leuchtmittelhersteller. „Siemens beabsichtigt, langfristig als Ankeraktionär an Osram beteiligt zu bleiben. Der Börsengang von Osram wird für Herbst 2011 angestrebt“, hieß es.

Damit kappt das Unternehmen, das sich bereits von seinem Geschäft mit Telefonen getrennt hatte, weiter seine Wurzeln: Bei den Endkunden ist der Konzern dann nur noch über das Gemeinschaftsunternehmen Bosch und Siemens Hausgeräte vertreten. Wie Löscher angekündigt hatte, soll mit dem Beginn des neuen Geschäftsjahres am 1. Oktober eine vierte Säule mit dem Namen „Infrastructure & Cities“ gegründet werden. Diese soll innerhalb des Siemens-Imperiums für einen Umsatz von 17 Milliarden Euro stehen.

Das Tochterunternehmen Osram, die Zentrale liegt in München-Untergiesing hat weltweit 40.000 Mitarbeitern, darunter 1700 in Berlin. Berlin ist sein zweitgrößter deutscher Standort nach Regensburg in Bayern. In dem Werk an der Nonnendammallee in Spandau werden Autolampen und verschiedene Speziallampen hergestellt.

Der Siemens-Konzern beschäftigt in Berlin knapp 13.000 Mitarbeiter, gut die Hälfte davon in der Energiesparte. In der Industriesparte arbeiten rund 2000 Beschäftigte. Der Großteil der Umbaumaßnahmen betrifft die Hauptstadt nicht. Für die Beschäftigten im ganzen Konzern könnte die Neuaufstellung aber mit anderen Aufgaben oder einem Standortwechsel verbunden sein.

Die Umbaumaßnahmen führen auch zu personellen Veränderungen: Der Siemens-Vorstand wird von acht auf zehn Mitglieder erweitert, insgesamt berief Löscher drei neue Vorstände – allesamt Techniker oder Ingenieure, die mehr technologische Kompetenz in die Topebene bringen sollen. Für den Gang auf das Börsenparkett wechselt der Konzern zudem die Osram-Unternehmensführung aus. Der bisher für Energietechnik zuständige Vorstand Wolfgang Dehen rücke Anfang April an die Spitze, hieß es. Der seit 2005 amtierende Osram-Chef Martin Goetzeler soll als Vorstand für das Tagesgeschäft ins zweite Glied zurücktreten.

Hohe Investitionen

Die Trennung von Osram kommt nicht überraschend. Im vergangenen Geschäftsjahr erwirtschaftete das Tochterunternehmen zwar einen Umsatz von 4,7 Milliarden Euro und ein sehr ansehnliches Ergebnis von 569 Millionen Euro. Doch nach dem Aus für die Glühbirne stehen Milliarden-Investitionen in den Bereichen LED- und OLED-Technologie an – für die Entwicklung zukunftsträchtiger Lichtquellen. Aus Kreisen des Managements war schon seit Monaten zu hören, die dazu notwendigen Investitionen, um im Lichtgeschäft auf Dauer vorne dabei zu sein, könnte man besser für andere Geschäftszweige nutzen.

Hatte Osram bisher vor allem in General Electric und Philips in dieser Branche seine Konkurrenten, treten neue Mitspieler aus den Bereichen Halbleiter auf den Plan, etwa Display-Hersteller für Handys und Smartphones. Durch Konzerne wie Samsung, LG und Sony wird die Konkurrenz auf dem Lichtmarkt härter.

Wohl auch auf Druck der Arbeitnehmer, die um die Sicherheit der Arbeitsplätze fürchten, will Siemens nach dem Börsengang weiter eine führende Rolle bei Osram spielen. Unklar ist dabei, ob die Münchner eine Sperrminorität von 25 Prozent und einer Aktie für sich beanspruchen. Derzeit wird Osram mit fünf bis sechs Mrd. Euro bewertet. Das Unternehmen beschäftigt weltweit 40.000 Mitarbeiter, darunter 9000 in Deutschland.

Vorbereiten soll den Börsengang in den kommenden Monaten der zukünftige Osram-Chef Wolfgang Dehen. Der 57-Jährige war seit Januar 2008 im Siemens-Vorstand und hatte bereits einen anderen Milliardenverkauf einer Siemens-Tochter, den von Siemens VDO, maßgeblich begleitet. Damals wurde VDO für elf Milliarden Euro an Conti verkauft – ein exzellenter Preis. Der Weggang von Dehen ist nicht die einzige Top-Personalie bei dem Konzern mit seinen rund 400.000 Mitarbeitern. Löscher nutzt den Umbau zu einer größeren Personalrochade und setzt dabei ganz auf Ingenieure aus dem eigenen Haus. Für Dehen soll künftig der Diplom-Ingenieur Michael Süß die Siemens-Energie-Sparte leiten. Der 47-Jährige war zuletzt für den Bereich Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen zuständig. Seine Energie-Sparte soll mit einem Umsatz von rund 25 Milliarden Euro die größte Einheit bei Siemens werden. Den neu errichteten Posten des Technologie-Chefs (Chief Technology Officer) wird Klaus Helmrich übernehmen. Der 52-Jährige arbeitete bisher als Siemens-Softwareingenieur und war zuletzt für Antriebstechnologien (Drive Technologies) zuständig. In seinem neuen Amt soll er die Forschung und Entwicklung bei Siemens koordinieren.

Neue Konzernsäule

Für die neue Konzernsäule „Infrastructure and Cities“ wird der bisherige Strategiechef von Siemens, der 46-jährige Roland Busch, verantwortlich sein. Busch, ein gelernter Physiker, ist ein langjähriger Siemensianer und gilt als enger Vertrauter Löschers. „Infrastructure and Cities“ ist ein Sammelbecken von Siemens-Bereichen, die vorher zum Energie- und Industriegeschäft gehört haben. So werden zu „Infrastructure and Cities“ die Bahnsparte Mobility, vorerst auch Osram, die Gebäudetechnik (Building Technologies) und auch die Energieübertragung (Energy Distribution) kommen.

Der Siemens-Konzern versucht seit geraumer Zeit, Städte als Kunden zu gewinnen und ihnen Komplettlösungen vom Kraftwerk über Stromnetze bis hin zur Straßen- oder U-Bahn anzubieten. Löscher hat 2010 das Geschäft mit den Städten bereits zu einem Schwerpunkt gemacht. Schließlich stünden die 600 größten Städte der Welt für 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Die Großstädte emittieren 80 Prozent der Treibhausgase. Löscher, der Siemens als „grünen Infrastrukturpionier“ bezeichnet, wittert hier ein Multimilliardengeschäft. Außerdem erhofft er sich, Siemens mit dieser vierten Säule besser ausbalancieren zu können. Die Industrie-Sparte war zuletzt mit ihren 200.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 35 Milliarden Euro ein allzu mächtiger Konzern im Konzern geworden.

Bei den Arbeitnehmern wird der Umbau „gedämpft positiv“ betrachtet, wie aus der Belegschaft verlautet. Vor allem wünschen sich die Mitarbeiter Zusagen, dass die Umstrukturierung nicht zum Arbeitsplatzabbau genutzt wird.

Siemens hatte in einem Beschäftigungspakt 2010 seinen rund 130.000 Mitarbeitern in Deutschland immerhin weitreichende Garantien zum Erhalt ihrer Arbeitsplätze gegeben. Dazu gehört auch der unbefristete Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Mit einiger Skepsis sehen Arbeitnehmervertreter bei Siemens den Fall Osram: Es wäre für die Beschäftigten wichtig, dass Siemens da langfristig als Aktionär an Bord bleibe.