Neue Kraftwerke

Polen setzt beim Strom auf Kernkraft und Gas

Deutschlands Nachbar Polen will bei der Stromversorgung möglichst unabhängig werden. Flüssiggas und Kernkraft sind für Tusks Regierung die Lösung.

Foto: LNG Poland

Es war ein wichtiger Tag für Polens Premierminister Donald Tusk. "Eine der größten Investitionen in der Geschichte Polens“ werde heute in Angriff genommen, sagte der liberale Regierungschef. Tusk sprach auf einer sandigen Baustelle, die etwa 20 Fußballfelder groß und einige Hundert Meter von der Ostsee entfernt ist. "Hier wird die Energiesicherheit Polens und Europas gebaut“, sagte der Premier. Ein Traum gehe in Erfüllung. Tusk legte in dieser Woche nahe der deutschen Grenze den Grundstein für das erste Terminal für Flüssiggas in einem der neuen EU-Länder. "Hier kann bald bis zu einem Drittel des polnischen Gasbedarfs gedeckt werden“, fuhr Tusk fort. "Das bedeutet echte Diversifizierung und damit Sicherheit.“

2014 soll der Bau bei Swinemünde (Swinoujscie) an der pommerschen Küste fertig sein. Dann wird Polen haben, was es in Deutschland trotz zeitweise gehegter Pläne nicht gibt: einen Hafen für Flüssiggas (Liquified Natural Gas, kurz: LNG) samt Anlage zur Wiederverdampfung. Auf minus 162 Grad gekühlt und verflüssigt, hat das Gas während des Transports per Tanker etwa ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens. Das von einem internationalen Konsortium zu bauende LNG-Terminal soll 4,3 Mrd. Zloty kosten (gut eine Mrd. Euro). Zusammen mit weiteren Investitionen und dem Ausbau der Leitungen nach Deutschland und Tschechien kommen 14,46 Mrd. Zloty zusammen.

Bauleiter Waclaw Postola zeigt auf einen schwimmenden Bagger, der das künftige Becken dieses künstlichen Hafens auf 12,5 Meter vertieft, während ein Kran neue Planken in den Meeresboden rammt. Deutsche Firmen, darunter Hochtief, erledigen einen Teil des Auftrags. Lange hatte man in Polen debattiert, vor allem seit den Erdgaskonflikten zwischen Russland und seinen Nachbarn, wie das Land mehr Energiesicherheit erlangen könne. Bei einem Erdgasverbrauch von 14,5 Mrd. Kubikmeter im vergangenen Jahr kamen etwa neun Mrd. aus Russland und 4,5 Mrd. aus eigener Förderung. Das LNG kommt, so Staatssekretär Mikolaj Budzanowski vom Schatzministerium, trotz der Kosten für die Verdampfung billiger als russisches Erdgas. Insgesamt kann das Terminal fünf, bei einem späteren Ausbau 7,5 Mrd. Kubikmeter jährlich aufnehmen und den erwarteten Mehrbedarf Polens in der Zukunft problemlos abdecken.

Eine zukunftsträchtige Technologie: "Der Anteil von LNG am Erdgasaufkommen der EU wird bis 2020 von derzeit rund zehn Prozent auf ungefähr 24 Prozent steigen“, so der deutsche Konzern E.on Ruhrgas. Er will seine LNG-Beschaffung europaweit "intensiv ausbauen“. Als Abnehmer des polnischen Flüssiggases sei E.on Ruhrgas, wie alle Unternehmen in der EU, willkommen, sagt Zbigniew Rapciak, der als Chef der staatlichen Firma Polskie LNG den Terminalbau verantwortet.

Doch stattdessen setzen deutsche Firmen verstärkt auf den Pipelinebau Richtung Russland. Vor Swinemünde soll bald die russisch-deutsche Ostsee-Pipeline den Schifffahrtsweg kreuzen. "Das könnte die künftige Entwicklung des Hafens behindern“, sagt Jaroslaw Siergiej, Chef der örtlichen Hafenverwaltung. Seine Behörde hatte beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) Widerspruch gegen die Baugenehmigung für den Pipeline-Betreiber Nord Stream eingelegt. Nach dem abschlägigen Bescheid des BSH gehe seine Behörde in Deutschland vor Gericht. Polen fordert die Tieferlegung eines Teilstücks der Leitung, weil sonst Schiffe mit einem größeren Tiefgang behindert wären. Nord Stream schlägt im Gegenzug vor, die polnische Schifffahrtsroute zu ändern. Damit geht ein alter Streit in die nächste Runde.

Doch was ist mit den neuen Entwicklungen, mit Japan? Hat die Atomkatastrophe dort an der polnischen Energiepolitik etwas verändert? Wie viele Politiker ist Staatssekretär Budzanowski verdutzt, als er diese Frage hört. Er verweist zunächst auf die Pläne, neue Gaskraftwerke zu bauen, um so von der bislang dominierenden Kohle wegzukommen. "Die CO 2 -Emissionen haben unsere Wirtschaft bisher etwa 300 Millionen Euro gekostet. Wir wollen den Anteil von aus dem Erdgas gewonnen Strom von drei auf sieben und eines Tages zehn Prozent steigern.“ Das erste der neuen Gaskraftwerke im südpolnischen Stalowa Wola wollen die Firmen PGNiG und Tauron 2015 fertig haben. Auch dafür könnten die LNG-Lieferungen hilfreich sein.

Das ändert freilich nichts an den Plänen für den AKW-Bau. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl verhinderten Proteste der Bevölkerung, dass das geplante erste Kraftwerk in Zarnowiec westlich von Danzig gebaut wurde. So kommt es, dass Polen bis heute keinen Atomstrom hat. Fast die gesamte Elektrizität stammt aus der Kohle. Doch die Regierung Tusk hat Pläne: 2020 soll das erste Atomkraftwerk im Land ans Netz gehen. Bis Ende Juni sollen die rechtlichen Grundlagen geschaffen, bis 2013 soll der Standort – Favorit ist wieder Zarnowiec – ausgewählt sein. Baubeginn wäre 2016. Später soll ein weiteres Kraftwerk dazukommen. Zusammen sollen sie 6000 Megawatt produzieren und umgerechnet etwa 25 Mrd. Euro kosten.

Im Ostseeraum wird es einen regelrechten Atom-Wettlauf geben. Die baltischen Staaten hoffen offenbar, nach der Abschaltung des litauischen Meilers Visaginas – ein AKW vom Tschernobyl-Typ – gemeinsam ein neues Kraftwerk bauen zu können, am besten mit Polen. Doch der Schnellste könnte Russland sein: Bei Kaliningrad haben die Bauarbeiten längst begonnen. Nach russischen Angaben könnte das dort geplante AKW 2016 mit der Stromlieferung beginnen.

Die große Unbekannte am osteuropäischen Energiemarkt ist jedoch das Schiefergas ("shale gas“). Seit einem Jahr suchen in- und ausländische Konzerne quer durch Polen intensiv nach den Vorkommen dieses "unkonventionellen“ Gases. Zuletzt häuften sich Meldungen, dass erste Bohrungen große Gasvorkommen bestätigen konnten, allerdings in großer Tiefe. Wenn sich die Förderung als rentabel erweisen sollte, hätte Polen, zumindest was die Gasversorgung betrifft, auf Jahrzehnte ausgesorgt.