Luxusgüter

Louis Vuitton schmückt sich mit Bulgari

Der Pariser Luxuskonzern LVHM setzt seine Einkaufstour fort. Und diesmal könnte das Geschäft sogar für beide Seiten vorteilhaft sein.

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Nach dem Skandal um Star-Designer John Galliano und den heimlichen Einstieg beim Konkurrenten Hermès sorgt der französische Luxusgüterkonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) erneut für Schlagzeilen. Die weltweite Nummer eins der Branche sichert sich den italienischen Schmuck- und Uhrenhersteller Bulgari für geschätzt 3,7 Milliarden Euro. Für den als gewieften Firmenjäger bekannten LVMH-Chef Bernard Arnault ist die Übernahme von Bulgari nicht nur ein verspätetes Geschenk zu seinem 62.Geburtstag am Samstag, sondern auch die größte Akquisition seit rund zehn Jahren.

Arnault, der eng mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy befreundet ist, hat unter dem Dach seines Konzerns bereits mehr als 50 Marken eingesammelt – vom Taschenspezialisten Louis Vuitton über Modelabels wie Kenzo und Christian Dior bis zu den Champagnermarken Moët & Chandon und Veuve Cliquot. Dennoch ist der Kauf von Bulgari mehr als der Erwerb einer weiteren Marke. Das Geschäft sichert LVMH endlich eine Schmuck- und Uhrenmarke von Weltrang. Denn die fehlte bisher im Portfolio. „Der Zusammenschluss ist die perfekte Kombination“, jubelt Arnault über seinen jüngsten Coup.

Im Gegensatz zum Fall Hermès, wo sich die Familieneigentümer gegen eine Komplettübernahme durch LVMH zur Wehr setzen, hat sich Arnault mit den Bulgari-Eignern geeinigt. Die Erben des 1884 vom Silberschmied Sortirio Bulgari in Rom gegründeten Schmuckkonzerns geben ihr Mehrheitspaket von 50,4 Prozent ab und erhalten im Gegenzug 3,5 Prozent des Kapitals der französischen Gruppe. Die Familie mit griechischen Wurzeln steigt dadurch zum zweitgrößten Aktionär von LVMH nach der Familie Arnault auf, die über ihre Holding 47,38 Prozent des Kapitals hält. Für die ausstehenden Bulgari-Anteile will der französische Luxusriese ein öffentliches Übernahmeangebot zu einem Preis von 12,25 Euro je Aktie machen. Das bedeutet einen immensen Aufschlag auf den letzten Kurs des Bulgari-Papiers, das am vergangenen Freitag an der Börse von Mailand bei 7,59 Euro schloss.

Ganz anders war LVMH beim kleineren französischen Konkurrenten Hermès vorgegangen, der vor allem für seine Seidentücher und Taschen bekannt ist. LVMH hatte im Oktober zur allgemeinen Überraschung und gegen den Willen der Erbenfamilien seinen Einstieg bekannt gegeben, der Börsenplatz Paris reagierte schockiert. Der Fall erinnerte an das Vorgehen von Porsche bei Volkswagen und des Automobilzulieferers Schaeffler beim Konkurrenten Continental. So erwarb LVMH-Chef Arnault zwei Drittel seiner Beteiligung durch sogenannte Equity Swaps, die er bereits 2008 zeichnete. Bei diesen Terminkontrakten schließen Investoren eine Wette auf die Entwicklung der Aktie ab, ohne diese zu erwerben. Am Ende erhalten sie von der Gegenpartei – meist einer Bank – den Gewinn in bar. Zur Sicherheit kaufen die Banken oft die Aktien des Unternehmens, auf das ihr Kunde wettet. Statt Geld ließ sich LVMH im Herbst 2010 die investierte Summe in Form von Hermès-Aktien auszahlen. Mittlerweile hält der Konzern rund 20 Prozent des Hermès-Kapitals. Die Erbenfamilien von Hermès, die gut 73 Prozent der Anteile halten, reagierten empört.

Arnaults neuester Coup hingegen steht im Zeichen von Harmonie. „Die Verbindung meiner Gruppe mit der Familie Bulgari stellt auf allen Ebenen einen idealen Zusammenschluss dar“, sagte der LVMH-Chef. „Tatsächlich teilen wir mit dieser Familie die gleiche Kultur, die die Wurzeln unserer Marken respektiert.“ Als Zeichen des gegenseitigen Einvernehmens dürfen die Erben des italienischen Traditionskonzerns ihre Posten behalten. So bleiben Paolo und Nicola Bulgari, die Enkel des Firmengründers, Chef und Vizechef des Verwaltungsrats des Juweliers. Zudem erhält ihre Familie zwei Sitze im Verwaltungsrat von LVMH. Und ihr Neffe Francesco Trapani, der das operative Geschäft bei Bulgari leitet, soll im zweiten Halbjahr sogar die Geschäftsführung der gesamten Schmuck- und Uhrensparte von LVMH übernehmen, in die Bulgari eingegliedert werden soll.

„Unser Eintritt bei LVMH wird Bulgari erlauben, sein weltweites Wachstum zu verstärken und erhebliche Synergien zu realisieren“, sagt Trapani. Tatsächlich ist die Juwelierbranche sehr kapitalintensiv, da es darum geht, an den schönsten und damit teuersten Straßen der Welt Boutiquen zu eröffnen. Gleichzeitig ist die Branche, deren Umsatz auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt wird, stark zersplittert. So gibt es nur wenige Akteure von Weltrang: Schätzungen zufolge tragen nur rund 15 Prozent der verkauften Ringe und Colliers den Namen einer bekannten Marke. Damit aber bietet die Branche Großkonzernen wie LVMH neben viel Prestige eben auch ein enormes Wachstumspotenzial.

Bulgari, mit einem Jahresumsatz von zuletzt 1,069 Milliarden Euro weltweit die Nummer drei der Juwelierszunft nach Cartier (Richemont-Gruppe) und Tiffany, galt seit Längerem als mögliches Übernahmeziel, da es einer der wenigen Luxuskonzerne ist, dessen Kapital sich noch mehrheitlich in Händen einer Erbenfamilie befindet. Zudem hatte die Gruppe, die seit den 90er-Jahren auch Parfüms und Accessoires anbietet, 2009 zum ersten Mal seit ihrem Börsengang 1995 einen Verlust hinnehmen müssen. Konzernchef Trapani hatte jedoch noch vor wenigen Monaten in Interviews beteuert, dass seine Familie die Kontrolle behalten wolle. Analysten erwarten, dass der Schmuck- und Uhrenspezialist, der seine Bilanz am Freitag veröffentlichen will, 2010 wieder in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt ist.

LVMH konnte den Umsatz seiner Schmuck- und Uhrensparte, zu der Marken wie Tag Heuer, Zenith, Hublot, Dior Montres, Chaumet und Fred gehören, im vergangenen Jahr um 29 Prozent auf 985 Millionen Euro steigern. Durch die Übernahme von Bulgari, die nach Ansicht von Analysten strategisch sinnvoll ist, kann LVMH den Umsatz seines kleinsten Geschäftsbereichs nun nahezu verdoppeln und zum weltweiten Branchenführer Cartier aufschließen.

Der in Roubaix in Nordfrankreich aufgewachsene LVMH-Chef Arnault hat sich in den vergangenen 30 Jahren den Ruf eines gewieften Firmenjägers erworben. Nach dem Studium an der Kaderschmiede Polytéchnique war er in die familieneigene Baufirma eingestiegen. Dort überredete er seinen Vater, das Kerngeschäft abzustoßen und sich auf das Vermarkten von Immobilien zu konzentrieren. Nach der Wahl von François Mitterrand 1981 zum französischen Präsidenten wanderte Arnault in die USA aus, da er die Wirtschaftspolitik der nun in seinem Heimatland regierenden sozialistischen Partei fürchtete. Doch nur drei Jahre später kehrte er nach Frankreich zurück und übernahm die von der Pleite bedrohte Textilgruppe Boussac – mit Hilfe der sozialistischen Regierung.

Denn die gewährte ihm für die Rettung des Konglomerats Subventionen in Höhe von 750 Millionen Francs (125 Millionen Euro). Arnault versicherte damals, die Gruppe nicht zerschlagen zu wollen. Doch der Milliardär hielt sich nicht an sein Versprechen. Stattdessen schloss er Werke, verkaufte die Tochterfirmen und behielt nur das Pariser Kaufhaus Bon Marché sowie das Modehaus Christian Dior, um damit die Grundsteine für sein Imperium zu legen.

Ende der 80er-Jahre gelang Arnault der nächste Coup, als ihn die Aktionäre von LVMH zu Hilfe riefen. Die beiden Chefs der aus Louis Vuitton und Moët Hennessy entstandenen Gruppe lagen damals im Streit. Arnault erwarb an der Börse 22 Prozent des Kapitals, verbündete sich mit der Familie Guinness und übernahm die Macht. Bisher hat der Ehemann der Konzertpianistin Hélène Mercier, der auch selbst Klavier spielt, nur eine Übernahmeschlacht verloren: die um Gucci. Dort hatte Arnault zunächst wie bei Hermès nur einen kleinen Anteil erworben und erklärt, LVMH plane keine komplette Übernahme. Als er es 1999 dennoch versuchte, rief Gucci seinen Widersacher, den PPR-Gründer François Pinault, als „weißen Ritter“ zu Hilfe. Zwischen den beiden Milliardären entbrannte daraufhin ein erbitterter Wettkampf: Sobald der eine etwas Prestigeträchtiges erwarb, zog der andere nach.

Dieser Streit scheint zwar inzwischen der Vergangenheit anzugehören – spätestens seit PPR-Gründer Pinault das Ruder an seinen Sohn François-Henri übergeben hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass Arnault seinen Kampfgeist verloren hat. Mit der Übernahme von Bulgari wollte er nämlich auch seinen Konkurrenten zuvorkommen. Nach Angaben von Branchenkennern sollen Richemont und Swatch aus der Schweiz sowie PPR ebenfalls Interesse an dem italienischen Juwelier bekundet haben. Zwar ist der Preis, den Arnault nun für Bulgari zahlt, relativ hoch. Doch nach Ansicht vieler Analysten ist er durchaus gerechtfertigt. Die Aktie legte am Montag im Handelsverlauf denn auch zu.

In seiner Sammlung feinster Marken fehlt Arnault nun nur noch Hermès. Zwar versicherte er öffentlich, mit freundlichen Absichten eingestiegen zu sein und die berühmte Firma nicht komplett übernehmen zu wollen. Doch nach Angaben von Vertrauten träumt er seit Jahren genau davon. Allerdings denken die Erben von Hermès gar nicht daran, ihm ein solches Geschenk zu machen – ob Arnault nun gerade Geburtstag hatte oder nicht.