Bauteile aus dem Krisenland

Deutsche Firmen überprüfen Lieferketten aus Japan

Viele deutsche Unternehmen sind auf Bauteile aus Japan angewiesen. Wie lange die noch kommen, ist ungewiss. Die Firmen sind alarmiert.

Die Bänder standen still – zwar nur für Stunden, doch mehrere Schichten ging diese Woche bei Opel in den Werken Eisenach und Saragossa nichts mehr. Wichtige Bauteile aus Japan fehlten. Am Freitag fällt noch einmal in den spanischen Werk die Spätschicht aus, dann läuft die Produktion wieder. „Es ist vorerst nicht geplant, die Produktion erneut runterzufahren. Wir haben die Situation im Griff“, sagt ein Opel-Sprecher. Die anderen deutschen Autobauer haben ohne Störungen durchproduziert – bislang.

Dennoch: Die Unternehmen sind alarmiert – vor allem in der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Fast alle in der Branche sind auf Teile aus Japan angewiesen. Was ist, wenn die Zulieferer von dort nicht mehr wie bislang liefern können? Erste Pläne für Kurzarbeit gibt es. „Natürlich wird die Krise in Japan wirtschaftliche Auswirkungen haben, doch wie groß diese Folgen für die Metall- und Elektroindustrie sein werden, lässt sich kaum voraussagen“, sagt die Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmetall, Gabriele Sons, „Morgenpost Online“.

Nominell spiele Japan im Außenhandel der M+E-Industrie zwar nur eine geringe Rolle. „Auf das Land entfielen im vergangenen Jahr gerade einmal 1,4 Prozent unserer Ausfuhren und 4,7 Prozent unserer Einfuhren“, sagt Sons. Es sind zumeist kleine Teile in überschaubaren Stückzahlen, die direkt von japanischen Herstellern hierzulande verbaut werden – doch ohne die geht bei vielen Hightech-Produkten so gut wie nichts. Die in Elektroteilen häufig verbauten Halbleiter sind so etwas wie eine japanische Spezialität. Zahlen des Marktforschungsunternehmens Isuppli zufolge kam im vergangenen Jahr rund ein Fünftel aller Halbleiter weltweit von japanischen Herstellern. Im Januar dieses Jahres standen japanische Unternehmen bei den Verkäufen weltweit auf Rang zwei, berichtet der Verband der US-Halbleiterindustrie SIA.

Zudem sind häufig in Produkten, die Betriebe aus anderen Ländern beziehen, japanische Vorleistungen enthalten. „Der tatsächliche Grad der Verflechtung ist deutlich höher, als die direkten Warenströme annehmen lassen“, sagte Sons. Die Betriebe könnten die guten Entwicklungen der vergangenen Monate nicht einfach linear fortschreiben, so Sons. Sie spielten deswegen zurzeit neue Szenarien zur Anpassung der Produktion durch. „Je besser sie ihre Kapazitäten an unvorhergesehene Schwankungen der Produktionsabläufe anpassen können, umso besser werden sie auch mögliche Auswirkungen des Unglücks in Japan meistern“, glaubt die Gesamtmetall-Geschäftsführerin. Hierfür stünde ihnen „eine Vielzahl von Instrumenten zur Verfügung – von Arbeitszeitkonten über tarifvertragliche Regelungen bis hin zur gesetzlichen Kurzarbeit“.

Bei der Bundesagentur für Arbeit gab es bereits die ersten Anfragen nach den Möglichkeiten, wegen der Engpässe in Japan Mitarbeiter kurz arbeiten zu lassen um: „Wir haben punktuelle Anfragen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Niedersachsen“, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit. „Die Unternehmen gehen auf unsere lokalen Arbeitsagenturen zu und lassen sich beraten.“ Für die Unternehmen ist es aktuell besonders attraktiv, per Kurzarbeit auszuweichen, da die sie das Kurzarbeitergeld zu den erst jüngst in der Wirtschaftskrise geschaffenen leichteren und günstigeren Bedingungen bekommen. Im Rahmen der Konjunkturpakete war unter anderem entschieden worden, dass die Arbeitsagentur die Sozialbeiträge der Arbeitgeber voll übernimmt. Die Krisenregelung gilt noch bis März 2012.

Noch können die meisten deutsche Technologieunternehmen nicht abschätzen, wie stark die Katastrophe in Japan ihre Produktionsstätten in Deutschland trifft. Giganten wie Siemens und Airbus ebenso wie kleine Mittelständler sowie fast die gesamte Automobilindustrie – sie alle müssen aktuell feststellen, dass ihre Lieferantenkette so komplex geworden ist, dass sie auch zwei Wochen nach dem Erdbeben dessen mittelfristige Folgen nicht einmal ansatzweise voraussagen können.

Zwar sind die Lager vieler Unternehmen noch für die nächsten drei bis vier Wochen gefüllt. Doch danach könnten besonders Maschinenbauer und Autobauer Schwierigkeiten mit nachgelagerten Lieferanten bekommen, sagt Gabriele Sons. „Noch laufen alle Werke, wir haben ausreichend Teile. Allerdings brauchen die Schiffe mit Lieferungen aus Japan bis zu sechs Wochen, deshalb sind wir derzeit gut versorgt“, sagt ein Sprecher von Renault.

„Die enorme Fertigungstiefe der Autoindustrie macht es für viele Hersteller fast unmöglich,, kurzfristig Folgen abzuschätzen“, erklärt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Bergisch Gladbach. „Viele beziehen kritische, fahrzeugspezifische Teile von mindestens zwei Zulieferern, um nicht zu sehr vom Geschick und Wohlwollen einer Firma abzuhängen. Doch dank der aktuell hervorragenden Autokonjunktur arbeiten die meisten Firmen bereits am Limit, so dass der Ausfall des einen nicht einfach vom anderen aufgefangen werden kann.“

„Unsere Experten arbeiten mit Hochdruck daran, die Auswirkungen auf die Zuliefererkette abzuschätzen, doch angesichts der sich täglich verändernden Situation haben wir noch kein Gesamtbild“, erklärt etwa Airbus-Sprecher Stefan Schaffrath. „Noch haben wir keinen direkten Engpass, aber wir arbeiten bereits an Alternativszenarien.“ Auch Siemens und der Autozulieferer Continental erklärten auf Anfrage, man könne derzeit nicht abschätzen, wie stark ihre Produktion betroffen ist. „Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten drei bis vier Wochen entsprechende Teilebestände vorhalten, darüber hinaus haben wir noch keine Sicherheit“, erklärte eine Continental-Sprecherin.

Das große Puzzlespiel der Weltwirtschaft ist auch deswegen gestört, da die zunehmende atomare Belastung des Großraums Tokio auch die Logistiker der Unternehmen auf die Probe stellt. Die großen deutschen Reedereien steuern unter anderem den Hafen in Tokio vorerst nicht mehr an. Betroffen ist auch der Hafen Yokohama, ebenfalls an der Ostküste.