Konjunktur

Der Boom teilt Deutschland in zwei Hälften

Deutschland ist ein Land der zwei Geschwindigkeiten: Während der Südwesten aus der Krise sprintet, verharrt der Nordosten in einer Art Schockstarre.

Foto: picture alliance / Arco Images G / picture alliance / Arco Images G/Arco Images GmbH

Bei der wirtschaftlichen Erholung nach der Wirtschafts- und Finanzkrise ist die Bundesrepublik ein Land der zwei Geschwindigkeiten. Der Südwesten kommt schnell auf die Beine, der Nordosten kommt nicht in Schwung. Die größte wirtschaftliche Dynamik entfalten im Ländervergleich Baden-Württemberg und Bayern, "die mit Abstand schlechteste Performance“ weisen Berlin und Mecklenburg-Vorpommern auf. Zu diesem Ergebnis kommt der "Chancenindex Bayern“ der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), der "Morgenpost Online“ vorliegt. Erstellt wurde die Studie im Auftrag der vbw vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln.

Die Untersuchung beleuchtet regelmäßig, welche deutschen Regionen am stärksten aus der Wirtschaftskrise hervorgehen. Der so genannte Chancenindex ist keine statische Beschreibung der Wirtschaftslage, sondern nimmt die wirtschaftliche Entwicklung und ihre Geschwindigkeit unter die Lupe. Ausschlaggebende Kriterien sind dabei die Entwicklung der Arbeitslosenquote, der Bestand und die Neu-Anträge für Kurzarbeit sowie die Zahl der offenen Stellen. Allgemein sind "deutliche Erholungstendenzen“ zu beobachten, die aber regional sehr unterschiedlich sind.

Nach den Spitzenreitern folgen im Ländervergleich das Saarland, Nordrhein-Westfalen und Thüringen. Zur trägeren Schlussgruppe gehören Hamburg, Schleswig-Holstein, Brandenburg, Bremen und schließlich Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Im Vergleich zu den Vormonaten fällt auf, dass Hamburg noch mehr abgerutscht ist, während hingegen Thüringen aufholt. "In der Bundesrepublik herrscht ein Nord-Ost-Gefälle. Die Grenzziehungen zwischen alten und neuen Bundesländern lösen sich aber zusehends auf“, sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Ihn überrascht das Ergebnis der Studie kaum. "Es ist ein längerfristiger Trend, der sich hier abbildet. Die alten Stärken und Schwächen der Regionen wirken sich noch deutlicher aus als bisher.“ Das heißt, wer vor der Krise gut dastand, kommt auch danach schneller voran. Insbesondere für den industriell geprägten Süden und das Saarland trifft das zu. Diesen Aufstieg führt Brossardt vor allem auf die Erholung des Maschinenbaus zurück. In den starken Regionen liegt der Anteil der Metall- und Elektrobranche bei rund 27 Prozent, in den schwachen Regionen bei acht Prozent.

Allerdings stammt das Datenmaterial aus der Zeit vor der Katastrophe in Japan und der aktuellen Diskussion um die Nutzung der Atomenergie in Deutschland. Eine Antwort auf die Frage, wann das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht wird, fällt dem Vertreter des Unternehmensverbandes deswegen nicht leicht: "Vor zwei Wochen hätte ich anders geantwortet. Weniger wegen der Energiedebatte. Da weiß man ja noch nicht, was rauskommt. Aber wegen der Ereignisse in Japan muss man abwarten, wie die Zuliefererstrukturen betroffen sind.“ Vor allem bei Hightech-Produkten der Zulieferer für die Autoindustrie, der Elektrotechnik und dem Maschinenbau könne es mittelfristig zu Problemen kommen.

In den prosperierenden Regionen profitieren offenbar auch Arbeitssuchende. Die Analyse des Beschäftigungswachstums zeigt, dass die Kreise und Städte mit der aktuell stärksten Entwicklung auch das höchste Wachstum an sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten aufweisen. Das Plus lag dort in den vergangenen drei Monaten bei 7,1 Prozent, während der Bundesdurchschnitt nur bei 0,9 Prozent lag. Gerade im Süden Deutschlands wird sich allerdings, das ist die Kehrseite der Medaille, der Facharbeitermangel schneller bemerkbar machen als in schwächer wachsenden Regionen: "Auf dem Arbeitsmarkt wird sich die Frage stellen, ob es uns gelingt, den Markt noch gut genug zu bedienen. Gerade in den ländlichen Räumen suchen die Unternehmen nach Ingenieuren und qualifizierten Fachkräften.“

Bereits 2015 werden nach Schätzung der vbw in Bayern 520.000 qualifizierte Arbeitskräfte fehlen. Stellen für 25.000 Ingenieure und Naturwissenschaftler könnten voraussichtlich nicht besetzt werden. Neben einer besseren Qualifizierung, der Erhöhung der Erwerbsbeteiligung besonders bei den Frauen, einer Verlängerung der Wochen- und Lebensarbeitszeit wirbt die bayerische Wirtschaftsvereinigung, die einer der größten Arbeitgeberverbände Deutschlands ist, gezielt für die Anwerbung ausländischer Fachkräfte. Eine Entspannung erwartet Brossardt nicht, wenn am 1. Mai die volle Freizügigkeit auch für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Ländern in Kraft tritt.