Auszeichnung

Echo in Berlin - weit mehr als ein Musikpreis

Heute Abend wird zum 20. Mal der Echo in Berlin verliehen. Die Branche feiert sich selbst - sie steht aber auch vor einem Problem. Der Musikstandort Deutschland ist in Gefahr.

Im Palais am Funkturm findet heute Abend die 20. Echo-Verleihung statt. Die gesamte Musikbranche kommt zusammen, um dabei zu sein, wenn die erfolgreichsten Künstler des vergangenen Jahres mit dem Deutschen Musikpreis ausgezeichnet werden. Zahlreiche nationale und internationale Top-Stars auf der Bühne und im Publikum geben sich ein Stelldichein, bejubelt von Fans und Musikbegeisterten, die in diesem Jahr eine Karte bekommen haben. Denn der Vorverkauf dauerte nur zwölf Minuten, dann waren die Tickets vergriffen. Allein das zeigt den Stellenwert dieser Veranstaltung – bei Künstlern, Medien und Publikum. Der Echo ist heute einer der renommiertesten Musikpreise der Welt, auf Augenhöhe mit den Grammys und den Brit Awards.

Manche mögen das geahnt haben, als am 18. Mai 1992 in einem Kölner Gründerzeitgebäude vor gerade einmal 450 geladenen Gästen die ersten Echos ihren Besitzer wechselten. Denn so klein der Rahmen, so groß waren bereits damals die ausgezeichneten Stars: Herbert Grönemeyer, Cher, Phil Collins, die Scorpions und Queen. 19 Verleihungen, 453 Trophäen und zwei Fan-Generationen später hat sich am Zauber der Veranstaltung nichts geändert, allerdings schauen heute Millionen Menschen an den TV-Schirmen zu.

Die Echo Awards sind das Echo des Erfolgs, der Widerhall des zurückliegenden Musikjahres, der meistens das Beste, gelegentlich auch das Lauteste, in jedem Fall aber das Erfolgreichste aus der vergangenen Saison noch einmal in den Mittelpunkt rückt. Künstler, die heute Abend mit einer Trophäe nach Hause gehen, haben häufig Jahre, manche auch Jahrzehnte für diesen Erfolg gearbeitet. Sie standen auf unzähligen Bühnen, haben ihre Fangemeinden gepflegt und sind den Wünschen der Medien nachgekommen. Sie haben Kreativität, Disziplin und Willen bewiesen. Am Ende haben diese Künstler nicht nur ihr Publikum begeistert, sondern viele Menschen dazu gebracht, sich ihre Musik auch zu kaufen. Alle Preisträger dürfen deshalb stolz sein auf ihren Erfolg und ihre Auszeichnungen.

Die Echo-Verleihungen sind aber weit mehr. Sie sind ein Showroom auch und vor allem für einheimische Künstler, die zuletzt so erfolgreich waren wie selten zuvor. Die Band Unheilig hat das meistverkaufte Album des Jahres vorgelegt und steht mit „Große Freiheit“ auf Platz eins der Jahrescharts 2010, noch vor Lady Gaga und Take That. Mit sieben Nominierungen zählt Unheilig zu den Top-Favoriten des heutigen Abends. Ebenso wie Lena, die nicht nur mehrere Verkaufsrekorde aufgestellt hat, sondern ganz Europa mit ihrer Musik begeisterte. Nach einer 28-jährigen Durststrecke holte sie den Eurovision Song Contest wieder nach Deutschland. Das Resultat sind fünf Nominierungen für Lena beim Echo 2011. Auch bei internationalen Stars erfreut sich der Echo größter Beliebtheit. So konnten sich schon Lady Gaga, Eminem und Amy Winehouse über Auszeichnungen freuen. Acts wie U2, Rihanna, Lionel Richie oder heute Abend Take That stehen bei dieser Veranstaltung regelmäßig live auf der Bühne.

Die Echo-Verleihungen sind ein wichtiges Stück Popkultur, sie sind gut gemachte Unterhaltung und führen vor, wie sich hohe künstlerische Qualität und große Verkaufszahlen miteinander vereinbaren lassen. Die Verbindung von künstlerischem mit kommerziellem Erfolg ist dabei nicht nur für Labels von Bedeutung, sondern vor allem für jeden einzelnen Künstler. Sie wollen von ihrer Kunst leben können. Die großen Stars genauso wie diejenigen, die (noch) keine Stars sind.

Der Glanz, den sie mit ihren Auftritten verbreiten, darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Musikbranche im Umbruch befindet, dass die Existenz vieler Künstler bedroht ist. Noch immer laden sich zu viele Menschen Musik illegal aus dem Internet herunter und schaden damit den Künstlern, deren Arbeit sie doch offenbar schätzen. Eine Veränderung dieser Situation ist ohne den politischen Gestaltungswillen der Regierungsverantwortlichen ausgeschlossen. Die große, bestehende Vielfalt legaler Online-Musikangebote allein führt nicht zum Verschwinden der Rechte-Piraterie.

Ein Nebeneffekt der Echo-Verleihungen ist daher die öffentliche Aufmerksamkeit auch für solche Themen, um sie gegenüber Medien und Politik zu kommunizieren. Denn setzt sich der Trend der vergangenen Jahre fort, ist der Musikstandort Deutschland in Gefahr. Ein Szenario, das vor allem Berlin hart träfe.

In der Hauptstadt gibt es über 1000 Bands, dazu viele erstklassige Orchester und Ensembles sowie unzählige Musiker aus Rock, Pop, Jazz und Klassik. Internationale Stars wie Depeche Mode, David Bowie, U2, Iggy Pop, Nick Cave, Bon Jovi, Eartha Kitt und Paul Anka standen hier im Studio, haben teilweise sogar hier gelebt. Die Berliner Musikwirtschaft zählte bei der letzten Erhebung vor drei Jahren rund 14.000 Erwerbstätige, machte einen Umsatz von fast einer Milliarde Euro und ist eine ernst zu nehmende wirtschaftliche und kulturelle Größe – innerhalb Berlins und auch weit darüber hinaus.

Überhaupt spielt Berlin bei Kunst, Kultur und Medien auf Weltniveau. Hier leben die Kreativen, hier gibt es viele lebendige Szenen, und internationale Stars aus allen Bereichen kommen gerne her. Die gegenseitige Befruchtung – sei es von Modedesignern, Malern, Werbern, Theaterleuten, Filmschaffenden, Fernsehmachern oder eben Musikern – sorgt für eine angeregte Atmosphäre, in der innovative Wege beschritten werden, junge Talente gedeihen und immer wieder großartige Dinge entstehen. All das stärkt die Attraktivität der Stadt und macht Berlin zu einem Magneten – für andere Branchen, Unternehmen und Touristen. Der Echo als eines der größten europäischen Musik-Events spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Deshalb sollte alles unternommen werden, um den Deutschen Musikpreis in Berlin zu halten, wo er mit Recht seine Heimat gefunden hat.

Unser Autor Frank Briegmann ist Vorstandmitglied des Echo Veranstalters Deutsche Phono Akademie und Geschäftsführer Universal Music Deutschland, Östereich, Schweiz und Deutsche Grammophon.