Japan-Krise

Fukushima macht französische Atomindustrie nervös

Die französischen Atomkonzerne Areva und EDF gehören zu Riesen der Branche. Die Krise in Japan gefährdet nun ihre Expansionspläne.

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Für Frankreich war die Kernenergie ein riesiger Zukunftsmarkt – so jedenfalls vor der Atomkatastrophe in Fukushima. Immerhin zählen der staatliche Atomkonzern Areva und der Stromversorger Electricité de France (EDF) weltweit zu den führenden Vertretern der Branche. Doch die durch die Ereignisse in Japan ausgelöste Atomangst gefährdet nun ihre bisherige Strategie. Die beiden Konzerne hatten wie Siemens aus München gehofft, von der sich seit ein paar Jahren abzeichnenden Renaissance der Atomkraft zu profitieren.

Fukushima dürfte jedoch die Hoffnungen der Branche zunichte machen, da viele Länder inzwischen die Planung oder den Bau neuer Reaktoren in Frage stellen und wie Deutschland ihre Atompolitik überdenken. Mittwoch setzte sogar China, das weltweit die größten Pläne hatte, alle Genehmigungen für Neubauten aus. Die Ratingagentur Fitch erwartet nun, dass es beim Bau neuer Atomkraftwerke zu Verzögerungen kommt, da eine Verschärfung der Regulierungen und Sicherheitsanforderungen unausweichlich sei. Bisher hatten Experten weltweit den Bau von bis zu 250 neuen Reaktoren innerhalb der nächsten 20 Jahre vorhergesagt.

Sie dürften ihre Prognosen nun nach unten schrauben. Henri Guaino, Berater von Präsident Nicolas Sarkozy, gab sich dennoch optimistisch. Er fürchte nicht, dass Fukushima negative Auswirkungen auf die französische Atomindustrie haben könnte, sagte er noch vor einer Woche. Investoren waren allerdings anderer Meinung und so brach die Aktie von EDF innerhalb der letzten Woche um über zehn Prozent ein, der Zertifikatsschein Arevas sogar um 13,4 Prozent.

Denn Fukushima dürfte nicht nur zu Verzögerungen und Annullierungen führen. Die zu erwartende Verschärfung der Sicherheitsanforderungen dürfte es in Zukunft auch schwieriger machen, neue Anlagen zu finanzieren und versichern. So hat sich nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace Commerzbank gerade aus der Finanzierung eines von Areva geplanten Kraftwerks in Indien zurückgezogen. Auch fragen sich die Analysten nun, ob Siemens an seinen Atomplänen festhalten wird.

Der Münchner Konzern plant die Gründung eines neuen Joint Ventures mit Rosatom aus Russland, um Areva, Mitsubishi, der Toshiba-Tochter Westinghouse sowie General Electric Konkurrenz machen zu können. Siemens-Chef Peter Löscher schweigt bisher zu den Auswirkungen Fukushimas auf seine Atompläne. Einige Analysten wie Bernd Laux von Chevreux bezweifeln jedoch, dass er nun noch bereit ist, viel Geld in den Bereich zu investieren. Stattdessen sollte sich Siemens lieber auf alternative Stromerzeugungstechnik konzentrieren, meinen Experten. Zumal der Konzern in diesem Bereich bereits gut aufgestellt ist.

EDF-Expansion nach Fukushima gefährdet

Im Gegensatz zu EDF, dem weltweit größten Erzeuger von Atomstrom, dessen Expansionspläne durch die Folgen von Fukushima ernsthaft gefährdet sind. Der französische Stromriese wollte das Ausland zu einem seiner wichtigsten Wachstumsmotoren machen. So hatte er 2008 für rund 15 Milliarde Euro den britischen Atomkraftwerksbetreiber British Energy übernommen und gehofft, mindestens vier Druckwasserreaktoren in Großbritannien bauen zu können.

Doch London hat nun angekündigt, die Pläne überprüfen zu wollen. Das Gleiche dürfte in Italien passieren, wo EDF zusammen mit Enel vier Reaktoren bauen wollte. Nach Fukushima steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Italiener in der für Juni geplanten Volksabstimmung dagegen aussprechen. Auch auf dem Heimmarkt Frankreich dürfte der Konzern die Auswirkungen der Katastrophe zu spüren bekommen. Denn dort dürften die Auflagen für die 58 von EDF betriebenen Atomkraftwerke ebenfalls erhöht werden. Die französischen Reaktoren sind nach den amerikanischen die zweitältesten der Welt.

Frankreich hatte ihre Laufzeit erst kürzlich von 30 auf 40 Jahre verlängert. EDF-Chef Henri Proglio hat die dafür erforderlichen Investitionen bisher mit 35 bis 40 Milliarden Euro beziffert. Sie dürften sich nun durch die höheren Sicherheitsanforderungen verteuern. Frankreich hatte nach der Ölkrise 1973 konsequent auf den Ausbau der Atomkraft gesetzt.

Inzwischen stammen mehr als 75 Prozent des französischen Stroms aus Atomanlagen. Nicht zuletzt deshalb setzt sich das Land für die Entwicklung von Elektroautos ein. Trotzdem kommt es zu Versorgungsengpässen. In den letzten Jahren stieg der Verbrauch bei starker Kälte und Hitze teilweise so stark an, dass Frankreich Strom aus dem Ausland importieren musste. Normalerweise exportiert es seinen Strom – unter anderem in die Bundesrepublik.