Energieversorger

Gefahr von Blackouts im Stromnetz steigt

Die großen Netzbetreiber schlagen Alarm. Die wichtigen Nord-Süd-Trassen sind überlastet. AKW-Abschaltungen sorgen für "kritische Situationen".

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Die Entscheidung der Bundesregierung, kurzfristig sieben deutsche Atomkraftwerke abzuschalten, bringt das deutsche Stromnetz offenbar an den Rand seiner Leistungsfähigkeit. Damit steigt die Gefahr von Stromausfällen, so genannten Blackouts, in Deutschland. Der Netzbetreiber Tennet – ehemals E.on – warnt dringlich davor, dass die Stilllegungen „Einfluss auf die Netzsicherheit“ haben werden. Ähnlich äußerte sich die RWE-Netztochter Amprion.

Nach einer ersten Analyse der Tennet TSO GmbH werde sich durch die Abschaltung der Atomkraftwerke ein „verändertes Preisgefüge am Strommarkt einstellen, das zu erhöhten Importen und damit zu veränderten Lastflüssen in Europa führen“ werde. „Da vor allem Kernkraftwerke im Süden Deutschlands abgeschaltet werden, kommt es zu erhöhten Stromflüssen auf der Nord-Süd-Trasse.“ Das Abschalten der Kernkraftwerke bedeute zwar „derzeit keine unmittelbare Systemgefährdung.“ Es bedeute aber „eine stark angespannte Netzsituation“, heißt es in einer Erklärung der Tennet GmbH.

Da die wenigen Höchstspannungsleitungen für den Abtransport der Windenergie von der Küste in den Süden bereits ohnehin oft bis an die Kapazitätsgrenze ausgelastet waren, verschärften die AKW-Abschaltungen nun die Situation, warnte das Unternehmen. Folge: Eigentlich geplante Instandhaltungsmaßnahmen an Leitungen könnten womöglich nicht mehr durchgeführt werden, „da die dafür notwendigen Abschaltungen der Leitungen das Tennet-Netz zusätzlich schwächen.“

Durch den plötzlichen Wegfall von rund 6000 Megawatt Kraftwerksleistung werde es eine „Herausforderung“ die Spannung im Netz stabil zu halten, warnte das Unternehmen weiter. „Zu einer kritischen Situation käme es, wenn weitere Kraftwerke zum Beispiel revisionsbedingt abgeschaltet würden.“

Die niederländische Tennet TSO GmbH hatte im vergangenen Jahr das Höchstspannungsnetz des Energiekonzerns E.on in Deutschland übernommen. Das Unternehmen betreibt rund 20.000 Kilometer an Hoch- und Höchstspannungsleitungen zwischen Flensburg und Berchtesgaden.

Setzt die Bundesregierung das von ihr angekündigte „Moratorium“ um, werden bis zum Wochenende sieben der 17 deutschen Atomkraftwerke ihre Produktion eingestellt haben. In Norddeutschland stehen die Meiler Brunsbüttel und Krümmel ohnehin reparaturbedingt still. Das Atomkraftwerk Unterweser soll auf Anweisung der Bundesregierung in den nächsten Tagen heruntergefahren werden. Noch mehr Meiler trifft es aber in Süddeutschland: Nachdem der Reaktor Isar 1 in Bayern bereits am Dienstag vom Netz genommen wurde und Biblis B wegen planmäßiger Revision still steht, werden bis Freitag nun auch die Meiler Biblis A und Neckarwestheim 1 abgeschaltet. Das Atomkraftwerk Philippsburg soll ebenfalls die Produktion kurzfristig einstellen.

Weil überproportional viele Kraftwerkskapazitäten im Süden fehlen, von der Küste her aber Windenergie hereindrückt, entstehe in den Überlandleitungen nun ein „Stromsog“ Richtung Süddeutschland, sagte der Sprecher des ostdeutschen Netzbetreibers „50 Hertz“, Volker Kamm. Die Leitungskapazitäten in Nord-Süd-Richtung seien aber begrenzt. Um die Überlastung auf den Nord-Süd-Trasse abzuwenden, kündigten mehrere Netzbetreiber nun „verstärkte Eingriffe in den Einsatz von Kraftwerken an“, um die Systemsicherheit nicht in Gefahr zu bringen.

Netzbetreiber haben das Recht, die Energieproduzenten anzuweisen, „ihre Kraftwerke statt sie marktgerecht einzusetzen, an den Bedürfnissen des Netzbetreibers zur Stützung der Systemsicherheit auszurichten.“ Das bedeutet, dass die Inhaber der Stromleitungen in den nächsten Tagen und Wochen ganze Kraftwerke, aber auch Wind- und Solarparks abschalten werden, um die drohende Überlastung des Leitungsnetzes und damit einen Systemzusammenbruch zu verhindern. Der entgangene Gewinn der Anlagenbetreiber kommt dann zu den übrigen Kosten der AKW-Stilllegungen noch hinzu.

Aus Sicht des deutschen Tennet-Geschäftsführers Martin Fuchs „macht die Situation einmal mehr die Dringlichkeit neuer Höchstspannungsleitungen deutlich, das Netz zu stärken und es an die Transport-Erfordernisse erneuerbarer Energien von Nord- nach Süddeutschland anzupassen.“

Der starke Ausbau von Windenergie an der Küste und im Meer hat die Übertragungsnetze in den letzten Jahren an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht. Auch die immer stärkere Auslastung der kommunalen und regionalen Verteilnetze durch Solarstrom kommt erschwerend hinzu. Zum Abtransport der Energie müssten dringend mehr Höchstspannungskabel verlegt werden. Nach einer Studie der Deutschen Energieagentur (Dena) müssten bis zu 3600 Kilometer neue Trassen für 380.000-Volt-Kabel her, um den norddeutschen Windstrom bundesweit verteilen zu können. Der Bau der zum Teil 80 Meter hohen Leitungsmasten wird aber in ganz Deutschland von zahllosen Bürgerinitiativen und politischen Einsprüchen blockiert. Allein gegen den Bau einer neuen Leitung zwischen Niedersachsen und Hessen („Wahle-Mecklar-Leitung“) gab es im Raumordnungsverfahren mehr als 20.000 Einsprüche betroffener Bürger. Zum Teil wird gefordert, die Leitungen unterirdisch zu verlegen, was allerdings nur zu deutlich höheren Kosten möglich wäre.

Unabhängige Energieexperten und Umweltpolitiker haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die geplante Verdopplung des Ökostrom-Anteils in Deutschland auf 30 Prozent im Jahre 2020 nur gelingt, wenn der Netzausbau vorankommt. Mehrere Gesetzesinitiativen zur Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für den Leitungsbau haben bislang aber keinen Erfolg gebracht.

Die Energiekonzerne E.on und Vattenfall hatten sich von ihren deutschen Netztöchtern bereits getrennt, weil die Regulierungsbehörde nur begrenzte Gewinne im Netzgeschäft genehmigte. Auch Deutschlands größter Stromproduzent RWE prüft dem Vernehmen nach bereits, sich von seiner Übertragungsnetztochter Amprion zu trennen.