Digitale Kreativität

Youtube-Chef hat das Rezept für das perfekte Video

Er hat YouTube gegründet und ist der kreative Kopf hinter dem Unternehmen: Chad Hurley erklärt, warum YouTube besser als Fernsehen ist.

Foto: dpa

Chad Hurley ist gut gelaunt. Das ist offenbar nicht immer so, wie man uns, ein wenig warnend, auf das Zusammentreffen im kalifornischen San Bruno eingestimmt hat. Doch der YouTube-Chef kommt direkt aus dem Urlaub und ist deswegen wohl besonders entspannt. Er lacht fürs Foto, und wir stellen fest: Hurley trägt immer Jeans und Turnschuhe. Das Hemd gehört bei ihm eigentlich nie in die Hose, der Bart sollte nach Möglichkeit drei Tage alt sein.

Dabei gehört Mode sogar zur Lieblingsbeschäftigung des 32-Jährigen. Er hat zusammen mit einem Partner eine eigene Modelinie für Männer aufgebaut („Hlaska“, eine Wortzusammensetzung aus Hawaii und Alaska) und entscheidet dort auch selber über das Design. Angefangen hat Hlaska mit einer Laptop-Tasche, jetzt verkauft die junge Firma auch Geldbörsen, Hemden, Hosen und Schuhe.

Chad Hurley hat YouTube gegründet und für 1,65 Milliarden Dollar an Google verkauft. Deswegen müsste er nicht mehr arbeiten. Doch offenbar ist seine Mission noch nicht erfüllt. Bislang war YouTube für Google ein Zuschussgeschäft. Aber Hurley ist zuversichtlich: „Die Zukunft wird für uns noch größer und besser.“

Welt am Sonntag: Herr Hurley, ich habe Ihnen mein erfolgreichstes YouTube-Video mitgebracht.

Chad Hurley: Dann zeigen Sie mal her.

Welt am Sonntag: Das Video auf dem Handy-Display zeigt eine deutsche Trachtengruppe auf dem Oktoberfest im kanadischen Waterloo, wie sie im Takt der Musik Holz hackt. Hurley lacht. Seien Sie ehrlich und nicht höflich: Ist der Clip langweilig oder kreativ?

Hurley: Exzellent. Es sieht gefährlich aus.

Welt am Sonntag: In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurde der Clip ganze 619-mal angesehen.

Hurley: Das ist gar nicht schlecht. Viele Filme auf unserer Seite haben weniger Zugriffe.

Welt am Sonntag: Danke, das ist tröstlich. Was sieht man auf den YouTube-Videos von Chad Hurley?

Hurley: Gar nichts.

Welt am Sonntag: Wie bitte?

Hurley: Es gibt schon welche, aber die sind privat und daher nicht zugänglich. Sie zeigen Familienanlässe, die ich nicht unbedingt mit der Welt teilen will. Es geht ja auch gar nicht so sehr um mich, es geht um unsere Nutzer.

Welt am Sonntag: Sie haben als Fünfjähriger aus dem Vorgarten Ihrer Eltern heraus Zeichnungen verkauft.

Hurley: Oh ja, und ich habe sie sogar selbst gemalt.

Welt am Sonntag: Was war darauf zu sehen?

Hurley: Ich weiß es wirklich nicht mehr genau.

Welt am Sonntag: Haben Sie damit Geld verdient?

Hurley: Sie müssen wissen, dass ich auf dem Land aufgewachsen bin. Es gab dort nicht so viele Leute, die vorbeigekommen sind. Ich würde es daher eher einen Versuch nennen, Bilder zu verkaufen. Von dort ging es aber künstlerisch aufwärts.

Welt am Sonntag: Sie haben das Paypal-Logo während eines Vorstellungsgesprächs entworfen.

Hurley: Woher wissen Sie dass denn? Aber es stimmt, ich kam damals spätabends von der Ostküste hier in Kalifornien an und traf mich mit einer Handvoll Software-Entwicklern von Paypal bei Pizza in einem kleinen Hinterzimmer. Sie wollten wissen, ob ich Photoshop beherrsche, was ich ihnen gleich beweisen musste. Das war mein Start im Silicon Valley.

Welt am Sonntag: Was ist der größte Feind der Kreativität?

Hurley: Viele verschiedene Meinungen von Teams, die immer größer werden. Manchmal sind es auch die Nutzer selbst, die sich zu sehr daran gewöhnen, wie Dinge aussehen und sich anfühlen. Sie beschweren sich dann bei jeder Änderung, die wir auf der Seite machen, selbst wenn es zum Besseren ist.

Welt am Sonntag: Was machen Sie in so einem Fall?

Hurley: Manchmal ist es besser, auf seine Erfahrung zu setzen. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, auf die Nutzer zu hören. Es ist ein Balanceakt. Man muss aber über den Punkt hinauswachsen, wo man noch Angst vor der Kritik der anderen hat.

Welt am Sonntag: Was ist mit Stress, Eile, Routine? Sind das Verhinderer?

Hurley: Man muss ihnen mit Ignoranz entgegentreten. Sonst wird man verrückt. Das ist wie bei E-Mails. Ich habe es aufgegeben, sie alle erledigen zu wollen.

Welt am Sonntag: Gibt es etwas, was Menschen kreativ macht? Oder wird man so geboren?

Hurley: Jeder ist kreativ. Es ist nur die Frage, ob man die Kreativität ausdrücken kann und Vertrauen darin hat. Es gibt so viele Menschen, die jeden Tag gute Ideen haben. Aber sie sind häufig zu ängstlich, diese Ideen auch zu leben und auszuführen. Daher wird diese Kreativität nicht sichtbar.

Welt am Sonntag: Ihr Unternehmen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Können Sie ihre Ideen bei YouTube noch ausführen?

Hurley: Es gibt diese frustrierenden Situationen, in denen ich meine eigenen Vorstellungen habe und lieber von oben nach unten bestimmen würde. Wenn ein Unternehmen jedoch wächst, braucht es mehr Stabilität. Dazu gehört es dann auch, Verantwortung zu delegieren und vieles im Team zu entscheiden.

Welt am Sonntag: Google gibt seinen Mitarbeitern 20 Prozent ihrer Zeit, um kreativ zu sein. Gilt das auch für YouTube?

Hurley: Grundsätzlich schon. Unsere Ingenieure haben aber nicht immer die Zeit dafür.

Welt am Sonntag: Der Treiber für YouTubes Erfolg ist die Kreativität der Nutzer. Ich habe mir das erste YouTube-Video von 2005 angesehen. Es zeigt den YouTube-Mitgründer Jawed Karim vor dem Elefantengehege im Zoo von San Diego. Kreativ war das nicht.

Hurley: Geschmack ist relativ.

Welt am Sonntag: Geben Sie das Rezept preis für das perfekte YouTube-Video?

Hurley: (lacht) Die magische Formel dafür habe ich in meinem Schreibtisch eingeschlossen.

Welt am Sonntag: Dann lassen Sie uns doch kurz dorthin gehen.

Hurley: Das bleibt mein Geheimnis. Ich kann Ihnen zumindest verraten, dass meist Videos erfolgreich sind, die überraschen, lustig sind und den Zuschauer berühren. Gefühle spielen eine große Rolle. Es ist aber schwierig, ganz nach oben zu kommen. Jede Minute werden 24 Stunden Video hochgeladen.

Welt am Sonntag: Schätzen Sie doch einmal, wie viele Videos Sie schon auf YouTube gesehen haben.

Hurley: Ich weiß es wirklich nicht. Es müssen Tausende gewesen sein.

Welt am Sonntag: Sehen Sie noch fern?

Hurley: Ich habe nie viel ferngesehen. Meist ist das Fernsehen für mich nur Geräusch im Hintergrund, während ich meine E-Mails abrufe.

Welt am Sonntag: Ersetzt YouTube das Fernsehen?

Hurley: Alles kann das Fernsehen ersetzen, auch ein Buch. Die Menschen haben jede Menge Möglichkeiten, ihre Zeit zu vertreiben. Dazu gehören Facebook genauso wie das Videospielen. Wie hoffen natürlich, dass sie sich auch weiterhin ihre Zeit auf unserer Seite vertreiben.

Welt am Sonntag: Was kann YouTube besser als das Fernsehen?

Hurley: Die Nutzer haben bei uns mehr Möglichkeiten, es findet mehr Interaktion statt und sie finden schneller die Inhalte, die sie interessieren.

Welt am Sonntag: Wie ist das Verhältnis von aktiven zu passiven Nutzern bei YouTube?

Hurley: Ich kann Ihnen keine detaillierte Zahl nennen. Aber von unseren Nutzern laden nur einige Prozent Videos hoch. Da unterscheidet sich YouTube nicht von anderen Internet-Diensten wie Twitter oder Blogs. Die meisten konsumieren hauptsächlich, ich auch.

Welt am Sonntag: Warum schafft es YouTube trotz aller Kreativität nicht, endlich profitabel zu sein?

Hurley: Wir sind sehr erfolgreich. Als Tochter eines börsennotierten Unternehmens können wir jedoch nicht über Zahlen sprechen. Aber glauben Sie mir: Es geht uns wirklich gut und die Zukunft wird für uns noch größer und besser.