AKW-Abschaltung

Industrie warnt vor überhastetem Atomausstieg

Die zeitweise AKW-Stilllegung macht die Industrie nervös. Sie fürchtet eine zu starke Abhängigkeit von Energie-Importen aus dem Ausland.

Die deutsche Industrie hat vor einem kurzfristigen Ausstieg aus der Atomenergie gewarnt. „Alle Experten wissen, dass wir auf absehbare Zeit die Atomenergie in Deutschland brauchen“, sagte der Präsident des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, im Deutschlandfunk. Zudem müsse darüber gesprochen werden, was an der Stelle der Atomenergie stehen solle.

Ähnlich wie Keitel mahnte auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt die Bundesregierung, ihre Energiepolitik nicht übereilt, sondern mit Bedacht zu überprüfen. Deutschland müsse sich daran orientieren, welche Konsequenzen andere Länder aus dem Atomunglück in Japan zögen, sagte Hundt dem Südwestrundfunk. „Die Energiepolitik der Zukunft stellt für die deutsche Wirtschaft beträchtliche Chancen dar. Wir sollten aber auch berücksichtigen, dass wir unsere Abhängigkeit von anderen Staaten nicht zu weit treiben“, sagte Hundt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Bundestag erklärt, die Wende hin zu erneuerbaren Energien solle beschleunigt werden. Die Lage nach dem dreimonatigen Moratorium der Laufzeitverlängerung für ältere Atomkraftwerke werde anders sein als vor der Aussetzung.

Unter deutschen Führungskräften traf das Atommoratorium der Bundesregierung einer Umfrage zufolge dagegen auf Zustimmung. Mit 63 Prozent halte die Mehrheit der Führungskräfte hierzulande das dreimonatige Aussetzen der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke für richtig, ergab die Befragung des Meinungsforschungsinstituts Psephos im Auftrag des "Handelsblatts“. Nur ein gutes Viertel halte das Vorgehen der Regierung für eine falsche und überstürzte Reaktion.

13 Prozent der Befragten machten sich demnach "große Sorgen“, dass eine ähnliche Atomkatastrophe wie in Japan auch in Deutschland passieren könnte. "Geringe Sorgen“ machten sich immerhin 55 Prozent, gar keine Sorgen 31 Prozent. Aus Sicht der Führungskräfte müsse die Pause nun nicht nur genutzt werden, um die Sicherheit der Akw zu prüfen, sagte Psephos-Chef Hans-Jürgen Hoffmann der Zeitung. Sie forderten auch, „die künftige Energiepolitik zu diskutieren“.

Auf Anfrage der "Financial Times Deutschland“ äußerten sich mehrere Vorstände großer Unternehmen ebenfalls kritisch über die Atomkraft. "Wenn am Ende einer Überprüfung herauskommt, dass Risiken nicht korrekt bewertet wurden, müssten für die Atomkraft Konsequenzen gezogen werden“, sagte Infineon-Vorstand Peter Bauer. Auch ein Ausstieg aus der Atomenergie dürfe „dann mittelfristig kein Tabu sein“.

Der Chef des Autovermieters Sixt, Erich Sixt, sagte demnach, die Katastrophe in Japan habe zu einem Stimmungswandel bei ihm geführt: "Ich war ein absoluter Befürworter der Kernenergie. Die Ereignisse in Japan stimmen mich aber nachdenklich. Ich habe jetzt erhebliche Zweifel am Nutzen der Kernenergie.“ Die „FTD“ zitierte zudem Bosch-Vorstand Franz Fehrenbach. Dieser habe auf einer Veranstaltung am Mittwochabend gesagt: "Bestimmte Risiken dürfen wir einfach nicht mehr eingehen. Auch das muss künftig zum technischen Fortschritt gehören.“