Atomausstieg

Abschaltung kostet EnBW Tausende Euro am Tag

Die Stilllegung der AKW kommt den Betreiber EnBW laut Studie richtig teuer. Das schmälert auch die baden-württembergische Landeskasse.

Durch die Abschaltung der baden-württembergischen Atomkraftwerke (AKW) Neckarwestheim I und Philippsburg I muss der Betreiber EnBW nach einer Berechnung des Öko-Instituts mit hohen Verlusten rechnen. In der für die Wochenendausgabe der „taz“ erstellten Berechnung heißt es laut Vorabbericht, der Energiekonzern verliere mindestens 700.000 Euro pro Tag wegen der Abschaltung von Neckarwestheim I. Weitere 800.000 Euro koste es den Konzern täglich, solange Philippsburg I nicht am Netz sei.

Die beiden Atommeiler waren auf Anordnung der Landesregierung in der Nacht zum Donnerstag von der EnBW abgeschaltet worden. Das Land Baden-Württemberg ist nach dem Rückkauf von Aktien vom französischen Stromkonzern EdF Miteigentümer der EnBW. Hintergrund für die Abschaltung ist die Reaktorkatastrophe in Japan. Die Bundesregierung hat beschlossen, die Laufzeitverlängerung für AKW für drei Monate auszusetzen und die sieben ältesten deutschen Meiler vorläufig vom Netz zu nehmen. Dazu gehört auch Philippsburg I.

Der Reaktor Neckarwestheim I soll endgültig vom Netz genommen werden. Beide Atomkraftwerke stammen aus den 70er-Jahren. Laut „taz“ geht das Öko-Institut davon aus, dass allein Neckarwestheim I 250 Millionen Euro pro Jahr auf dem Strommarkt erwirtschaftet hätte. Steuerabzüge, wie etwa die Brennelementesteuer von rund 86 Millionen Euro für den Reaktor jährlich, seien dabei nicht eingerechnet.

Nach Angaben der EnBW produzierten die Standorte Neckarwestheim und Philippsburg, die jeweils zwei Reaktoren umfassen, rund die Hälfte des in Baden-Württemberg benötigten Stroms. Wie viel davon auf die nun abgeschalteten Meiler entfällt, wollte der Konzern auf Anfrage der Nachrichtenagentur dapd nicht weiter aufschlüsseln.

Nach Einschätzung der Klimaexperten der Allianz kann ein Ausstieg aus der Atomenergie durch andere Energieformen aufgefangen werden. Die von der deutschen Regierung abgeschalteten sieben Meiler würden sich kurzfristig nicht auswirken, sagte Armin Sandhövel, Chef der Allianz-Tochter für Klimafragen der Nachrichtenagentur Reuters. Denn betroffen seien die kleineren und ältesten Atomkraftwerke. Sie stünden zusammen für rund sieben Gigawatt, 13 Gigawatt blieben durch die anderen Meiler erhalten.

Deutschland habe insgesamt ausreichend Strom zur Verfügung. In Spitzenzeiten würden mittags 80 Gigawatt benötigt. Der Rekord aus dem Jahr 2008 liege bei knapp 83 Gigawatt. „Wir kommen aber locker auf rund 100 Gigawatt“, sagte Sandhövel. „Es besteht also kein Grund zur Panik. Wir haben Versorgungssicherheit.“ Engpässe werde es nicht geben. Deutschland sei ein Exporteur von Strom. Ob und wie der Ausstieg aus der Atomkraft vollzogen werde, sei allein eine politische Frage. Energiewirtschaftlich sei es aber nicht geboten, abgeschaltete AKWs wieder hochzufahren.

Ersetzung der AKW kostet Milliarden

Befürworter der Atomkraft betonen in der Regel, dass Atomstrom – anders als etwa fossile Energieformen wie Öl, Gas oder Kohle – das Klima nicht belastet und dem Verbraucher niedrige Preise garantiert. „Kurzfristig fällt es mir schwer nachzuvollziehen, warum die Preise jetzt steigen sollten“, sagte Sandhövel. Mittelfristig sehe dies allerdings anders aus. „Es sind erhebliche Investitionen zu tätigen.“ Abhängig von den Summen werde der Strompreis auch steigen.

Allerdings hätten sehr viele Konsumenten noch Potenzial, Strom durch effizientere Nutzung einzusparen. Das könne für einen gewissen Ausgleich sorgen. „Den neuen Energiemix gibt es aber nicht zum Nulltarif.“ Um alle AKWs zu ersetzen, sind Studien zufolge mindestens 200 Milliarden Euro nötig. Wichtig sei dabei eine Modernisierung von Gas- und Kohlekraftwerken, um den Übergang möglichst klimaneutral zu gestalten. Neue Gaskraftwerke dürften mindestens 3,3 bis 4,8 Milliarden Euro an Investitionen benötigen. Der Ausbau erneuerbarer Energien wie Windkraft vor den Küsten könne den Verbraucher neun Milliarden Euro kosten.

Und die Netze müssten für eine bessere Verteilung erneuert werden. Das sei eine Grundvoraussetzung zur Förderung erneuerbarer Energien und könnte rund zehn Milliarden Euro verschlingen. Unklar sei, wie viel für eine bessere Speicherung von Energie ausgegeben werden müsse, um die jetzigen Schwankungen besser auffangen zu können.

Die Gelder für all diese Projekte müssten neben der öffentlichen Hand von privaten Investoren kommen. In zehn Jahren sollten dann erneuerbare Energien idealerweise schon ein Drittel des Energiebedarfs decken, auch durch Einkäufe beispielsweise von Solarstrom aus Spanien. Der Rest entfalle dann auf fossile Träger. Heute steht Kohle für 42 Prozent, Atom für 23 Prozent, erneuerbare Energien für 17 Prozent und Erdgas für 14 Prozent.