A.T. Kearney-Studie

Indische Unternehmen sind größte Käufer im Westen

Konzerne aus Schwellenländern wie Indien und China übernehmen immer öfter westliche Firmen.

Foto: picture-alliance/ dpa

Noch sind es kleine Randnotizen im Multimilliardenmarkt der Firmenkäufe. Da übernimmt der Chemiekonzern China National Bluestar den norwegischen Solarsiliziumhersteller Elkem, und das kanadische Rohstoffunternehmen Continental Minerals geht an den Bergbaukonzern Jinchuan. Wenn chinesische Unternehmen im Westen auf Einkaufstour gehen, halten sich Schlagzeilen und investierte Summen meist noch in Grenzen. Das könnte sich bald ändern – denn Firmenübernahmen zwischen Industrienationen und Entwicklungs- und Schwellenländern nehmen rasant zu. Seit 2002 stieg die Zahl solcher Transaktionen durchschnittlich um elf Prozent pro Jahr, während der Übernahmemarkt insgesamt nur um drei Prozent jährlich zulegte. Das geht aus einer Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney hervor, die „Morgenpost Online“ exklusiv vorliegt.

Noch größer fällt der Unterschied aus, wenn man nur das vergangene Jahr betrachtet. Um 26 Prozent schnellte die Zahl der Mehrheitsübernahmen zwischen Schwellen- und Industrieländern in die Höhe – innerhalb der westlichen Welt lag das Plus nur bei neun Prozent. Allerdings waren die Transaktionen zwischen den Ländergruppen zuvor in der Finanzkrise auch besonders stark eingebrochen. Dem grundsätzlichen Trend tut das jedoch keinen Abbruch, meint der Autor der Studie: „Wir erwarten, dass die Zahl der Transaktionen aus Schwellenländern in den nächsten Jahren weiter deutlich steigen wird“, sagt Joachim von Hoyningen-Huene, Experte für das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) bei der Unternehmensberatung.

In absoluten Zahlen sind Firmenkäufe zwischen etablierten Nationen und Schwellenländern zwar immer noch die Ausnahme. 2145 Geschäfte fielen im vergangenen Jahr in diese Kategorie, das entspricht lediglich neun Prozent des weltweiten M&A-Geschehens. Doch einerseits hat sich dieser Anteil seit 2002 ungefähr verdoppelt. Andererseits spiegele er die wahre Bedeutung der Schwellenländer nicht wider, sagt von Hoyningen-Huene. Das Bild werde dadurch verzerrt, dass sich rund 60 Prozent der Deals ohnehin innerhalb eines Landes abspielen. Betrachtet man nur die grenzüberschreitenden Übernahmen, so spielen Schwellenländer bereits eine erhebliche Rolle.

Die Experten der Investmentbank Lazard schätzen, dass bis 2020 die Hälfte des globalen M&A-Volumens mit Schwellenländern verbunden sein wird. Auf diese Verschiebung müssten nicht nur Konzernvorstände, sondern auch M&A-Berater eine Antwort finden, sagt Lazard-Deutschlandchef Ernst Fassbender. „Wer in China und anderen Schwellenländern keine Kapazitäten aufbaut, wird weltweit abfallen.“

China holt auf

Größter Einkäufer im Westen waren in den vergangenen Jahren allerdings nicht die als neue Wirtschaftsmacht teils geachteten, teils gefürchteten Chinesen – sondern die Inder. 24 Prozent der Firmenübernahmen von Schwellenländern in Industrienationen entfielen auf indische Firmen. „Indien hat sich hier deutlich früher geöffnet“, sagt A.T.-Kearney-Experte von Hoyningen-Huene. „Aber China wird hier bald an der Spitze liegen, die Übernahmen durch Chinesen nehmen stark zu, während die Aktivitäten indischer Konzerne eher stagnieren.“ Die Unternehmen aus China hätten eindeutig einen „hohen Nachholbedarf“.

Betrachtet man die Geldströme in entgegengesetzter Richtung, so ist die Dominanz Chinas bereits unübersehbar. Denn wenn westliche Unternehmen in Schwellenländer investieren wollen, so denken sie eben vor allem an China. Knapp ein Viertel der Übernahmen der Industrieländer-Konzerne spielen sich hier ab. An zweiter Stelle folgt weit abgeschlagen Indien mit einem Anteil von nicht einmal sechs Prozent. Eine einseitige Strategie, die die Berater von A.T. Kearney äußerst skeptisch sehen. „Bei der Expansion in Schwellenländer verengt sich der Fokus zu sehr auf China“, kritisiert von Hoyningen-Huene. „Zweifellos ist dieser Markt sehr attraktiv, aber er birgt auch große Risiken – diese werden oft unterschätzt.“ Wer in China ein Unternehmen kauft, bekomme in der Regel längst keinen so tiefen Einblick in die Geschäftszahlen, wie das in Europa oder Amerika der Fall sei. Dazu kämen oft politische Unsicherheitsfaktoren.

Andere Wachstumsmärkte wie Mexiko, Südkorea oder die Türkei lassen dagegen viele Firmen links liegen – und verschenken womöglich große Chancen, wie von Hoyningen-Huene meint. „Zumal man dort oft zu wesentlich günstigeren Konditionen in Unternehmen einsteigen kann als in China, wo sehr viele westliche Interessenten um vergleichsweise wenige Übernahmeziele werben und so die Preise nach oben treiben.“