Radioaktivität

Lufthansa prüft alle Japan-Flieger auf Strahlung

Alle Lufthansa-Maschinen aus Fernost werden mit Wischtüchern gereinigt und auf Radioaktivität geprüft. Vorgeschrieben sind die Kontrollen nicht.

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Wenn derzeit die großen Maschinen aus Fernost auf den Flughäfen in Frankfurt oder München landen, machen sich seltsame Reinigungstrupps über sie her.

Ist das Flugzeug direkt aus Japan gekommen, reiben Saubermänner den Flieger mit sogenannten Wischtüchern ab – außen und in der Kabine. Sie prüfen damit an vorher ausgesuchten Stellen, ob das gelandete Flugzeug erhöhte Strahlenwerte ausweist. Seit der Atomkatastrophe will man hierzulande auf Nummer sicher gehen – die Angst geht um bei den Fluglinien, Logistikern und Behörden, dass bei Direktflügen und mit Schiffen, die unmittelbar aus Japan kommen, verstrahlte Container oder Güter, Flieger, Tanker, vor allem aber Menschen ins Land kommen könnten.

Lufthansa-Chef Christoph Franz sagte bei der Vorlage der Bilanz, dass die Lufthansa dennoch derzeit an jedem aus Japan zurückkehrenden Flugzeug „Messungen auf Radioaktivität“ durchführen lässt – bislang ohne Befund. Der Konzern habe bewusst das Angebot im Markt gelassen und wolle es auch aufstocken, wenn es die Situation erforderlich mache. Franz ist wichtig, dass sich die „Kunden auf Lufthansa verlassen können.“

Um die Planbarkeit vor allem bei den Geschäftsreisenden zu ermöglichen, hat sich die Lufthansa laut Franz auch in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt bereits frühzeitig entschieden, Tokio nicht mehr direkt anzufliegen. Zudem wurden die im Japan-Verkehr eingesetzten A380 Airbusse durch kleinere A340 und Boeing 747 ersetzt. Die Lufthansa-Cargo hat noch einige Tonnen Fracht in Tokio-Narita. Diese wird derzeit auf Lastwagen verladen und über teilweise zerstörte Straßen nach Osaka gefahren, um dort in die Frachter geladen zu werden.

Bei den Reedern und Logistikern wird man sich auch mit der Frage beschäftigen müssen, wie man Güter und Personen erkennt, die einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt sind. Doch zumindest die Schifffahrtsbranche hat noch keinen akuten Handlungsbedarf. Sechs Wochen brauchen die großen Tanker in aller Regel, bis sie von Japan ausgehend Europa erreichen – die Airlines hingegegen müssen sofort handeln.

Direkt aus Japan heraus fliegen Japan Airlines und die All Nippon Airways (ANA) nach Deutschland. Die ANA fliegt mit der Lufthansa zusammen im Luftfahrtbündnis Star Alliance. Die Airlines im Lufthansa-Konzern bieten derzeit von Europa aus weiterhin die meisten Verbindungen nach Japan an. Die Tochtergesellschaften Swiss und Austrian Airlines fliegen derzeit noch den Tokioter Flughafen Narita nach Zwischenlandungen in Hongkong an. „Mein Eindruck ist, dass die Fluggesellschaften derzeit sehr genau beobachten, wie sich die Lage in Japan entwickelt und von Stunde zu Stunde entscheiden, wo sie hinfliegen“, sagt Martin Gaebges, Geschäftsführer der Barig, die die ausländischen Fluggesellschaften in Deutschland vertritt.

Die Pilotengewerkschaft VC Cockpit ist mit den von der Lufthansa eingeleiteten Maßnahmen zufrieden. Die Lufthansa habe auf die Katastrophe „sehr gut reagiert“, indem sie den Shuttle über Seoul eingeführt habe, sagte VC-Sprecher Jörg Handwerg. Zwar gebe es bei einigen Piloten durchaus Ängste nach Japan zu fliegen, aber es gebe auch sehr viele Flugzeugführer die sagten: „Wir wollen nach Japan, um den Menschen dort zu helfen.“

Weniger gut koordiniert ist dagegen ganz offensichtlich die Koordinierung und Überwachung der Kontrollen von Flugzeugen, Waren und Menschen, die aus Japan ankommen durch die deutschen Behörden. In den Bundesministerien war man sich am Donnerstag über die Kompetenzen vielfach nicht sicher. „Wir bekommen immer wieder Anfragen, aber wir sind nicht der richtige Ansprechpartner“, hieß es beispielsweise im Bundesverkehrsministerium. Wer denn nun die Federführung innehat, konnte man in diesem Ressort ebenso wenig sagen wie im Bundeskanzleramt.

So viel ist aber inzwischen klar, dass die Überprüfung von Kontaminierung bei Einreisen in das Zuständigkeitsgebiet des Bundesumweltministeriums (BMU) fällt. Für ein einheitliches Vorgehen und übergreifende staatliche Kontrollen sieht das Bundesumweltministerium allerdings keinen Anlass – noch nicht. „Es wird bislang keine entsprechende Empfehlung ausgesprochen“, erklärte ein Sprecher.

Die Kontrollen, die derzeit gemacht werden, laufen also auf freiwilliger Basis. „Wir haben ein Messkonzept vorbereitet, warten aber darauf, bis das BMU eine Empfehlung gibt, es anzuwenden“, sagte ein Sprecher des Hessischen Umweltministeriums.

Die Lufthansa, die nicht abwartet, bis behördliche Regelungen greifen, will mit den Kontrollen verhindern, dass ihr im schlimmsten Fall bei einem eventuellen Ausfliegen vieler Mitarbeiter von deutschen Firmen in Japan die Besatzungen ausgehen. Denn für die eingeführten Flugzeugtypen gibt es im Konzern mehr ausgebildete und zugelassene Piloten, als für den relativ neuen Riesenairbus.

Die Lufthansa hatte bereits sehr früh entschieden, bis Sonntag nur noch die südlicheren Flughäfen in Nagoya und Osaka anzusteuern. Dies war im Krisenstab durchaus umstritten gewesen, aber Piloten und Kabinenpersonal hatten zuletzt zunehmend daran gezweifelt, dass sie in Tokio sicher sind.

Deshalb legt Lufthansa mit seinen Passagiermaschinen und den Frachtern auf dem Weg nach Japan seit einigen Tagen einen Zwischenstopp im südkoreanischen Seoul ein. Angeblich werden in Seoul die Hotels bereits knapp, weil andere Fluggesellschaften dem Beispiel der Lufthanseaten gefolgt sind. Dazu gehört auch die Air France, die auch in Seoul zwischenlandet, um dann von dort aus weiter nach Tokio zu fliegen.

In Seoul entscheiden die Airlines jeden Tag neu, ob nach Japan weitergeflogen wird, die Crews werden ausgetauscht und Essen und Getränke an Bord genommen. In Japan selbst bleiben die Piloten während der Abfertigung an Bord und verlassen so schnell wie möglich wieder den Airport.

Große Airlines wie Singapore Airlines oder Cathay Pacific fliegen weiter direkt. Damit keine radioaktiv verseuchte Fracht an Bord gelangen kann, werden die Container bereits vor dem Verladen in Japan mit Geigerzählern auf Radioaktivität untersucht. Zu groß ist die Angst, dass verstrahlte Gütern den Warenfluss an den Drehkreuzen in Frankfurt oder München stoppen.