Japans Wirtschaft am Boden

Nach dem Tsunami werden Computerchips knapp

Nach Erdbeben und Tsunami ist die Wirtschaftsmacht Japan gelähmt. Die Produktion der japanischen Autobauer ist am Boden, Computerchips werden knapp. Milliardenausfälle drohen

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An der Börse in Frankfurt verzeichneten am Montag vor allem die Betreiber von Kernkraftwerken Kurseinbrüche. Und Versicherern drohen nach dem Jahrhundert-Beben Rekordkosten.

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Nach dem tragischen Erdbeben spitzt sich neben der humanitären Lage auch die wirtschaftliche Situation in Japan immer stärker zu. Strom wird knapp, viele Großkonzerne haben ihre Produktion vorübergehend eingestellt, Häfen sind geschlossen, mehrere größere Raffinerien abgeschaltet. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt läuft auf Sparflamme.

Trotz der verheerenden Lage sind Experten noch optimistisch, dass der Weltwirtschaft keine Rezession droht. „Die Globalisierung ist so weit fortgeschritten, dass eine regionale Krise wie in Japan durch die Produktion an anderen Standorten aufgefangen werden kann“, sagt Michael Grömling, Konjunkturexperte am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln). Allerdings weigern sich Ökonomen, das Szenario einer atomaren Katastrophe durchzuspielen.

Schon ohne einen GAU sind die Schäden des Bebens und der darauffolgenden Tsunami-Welle gewaltig. Auf bis zu 130 Milliarden Euro schätzt der Ökonom Hirochinmi Shirakawa von der Credit Suisse den Schaden. Dazu kommen die noch kaum absehbaren Schäden in mehreren Atomkraftwerken. Sein Kollege Song Seng Wun von CIMB-GK Research spricht von „mehreren hundert Milliarden Dollar“. Der gewaltige Unterschied zeigt, dass die Folgen der Katastrophe noch lange nicht absehbar sein werden. Fest steht nur, dass die japanische Industrieproduktion derzeit einbricht – das Land steht vor einer Rezession.

Besonders eine der Schüsselindustrien ist wie gelähmt. Die Bänder der japanischen Autobauer stehen still. In den zwölf Werken von Toyota, des größten Autobauers, ruht die Arbeit völlig. „Von Montag bis Mittwoch wurde die Produktion in Japan komplett eingestellt“, sagte ein Sprecher. Ob die Bänder dann wieder anliefen, sei nicht geklärt. 40.000 Autos werden nicht gebaut.

Kein Land auf der Welt exportiert mehr Autos für den Massenmarkt als die Japaner. Im vergangenen Jahr fertigten japanische Autobauer 9,6 Millionen Fahrzeuge. Die Automobilindustrie erwirtschaftet rund elf Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung, elf Prozent aller Beschäftigten des Landes sind in der Autoindustrie tätig. Die Autobauer geben sich noch gelassen. Die globale Produktion laufe weiter. „90 Prozent der Fahrzeuge für den europäischen Markt werden auch dort gebaut. Auch die Teile kommen von lokalen Zulieferern“, sagte eine Toyota-Sprecherin. Ähnliches gelte für die Produktion für die USA.

Trotzdem drohen den japanischen Autobauern hohe Einbußen. Würde die Produktion drei Monate still stehen, entspräche das einem Produktionsausfall von 2,5 Millionen Fahrzeugen. „Etwa 30 Prozent dieser Fahrzeuge lassen sich die Produktionsausweitungen der Werke außerhalb Japans kompensieren. Damit würden die japanischen Autobauer etwa 1,6 Millionen Fahrzeuge verlieren, die von den anderen Autobauern – also US-Amerikanern, Europäern, Koreanern aufgefangen würden“, sagte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Die 1,6 Millionen Fahrzeuge entsprächen einem Produktionsausfall im Wert von 25 Milliarden Euro.

Auch der Industriekonzern Honda, der neben Autos und Motorrädern auch Generatoren und Pumpen herstellt, hat die Produktion gedrosselt. „Bei uns halten sich die Schäden in Grenzen, aber in der Unglücksregion um Sendai können wir derzeit die Hälfte unserer Zulieferer und Händler nicht erreichen“, sagte ein Sprecher. Die Industrieproduktion in Japan wieder in Gang zu bringen, könne länger dauern als nach dem Erdbeben von Kobe 1995, weil das betroffene Gebiet größer ist als damals. „Es gibt bei diesen Schäden an Straßen keine Möglichkeit, unsere Produkte zu liefern, selbst wenn wir sie herstellen würden“, sagte eine Honda-Sprecherin.

Neben der Autoindustrie ist besonders die IT-Industrie vom Beben betroffen. Japan hält beherrschende Marktpositionen für diverse Speicherchips, Bauteile von LCD-Bildschirmen sowie für das wichtigste Vorprodukt der weltweiten Chipindustrie. Prominentester Ausfallkandidat könnte mittelfristig Apples neuer Tablett-Computer I-Pad 2 sein. Denn das Gerät benötigt sogenannte NAND-Flash-Speicherbausteine der neuesten Generation. Produziert werden die modernsten Flash-Bausteine vor allem vom japanischen Hersteller Toshiba, gut vierzig Prozent der weltweiten Produktion kommt aus Chip-Fabriken in Japan. Zwar sind die größten Produktionsstandorte nicht direkt vom Erdbeben getroffen – doch selbst kleine Erschütterungen können die sensiblen Anlagen aus dem Takt bringen. Die Analyseagentur iSuppli warnte vor einem Preisanstieg.

Noch härter getroffen könnten jedoch die Hersteller der neuesten Generation von CPUs sein, Chips, die im Herzen jedes Computers die Rechenarbeit übernehmen. Laut den Beobachtern des Branchendienstes TrendForce werden bis zu 60 Prozent der weltweiten Produktion von den Firmen Shin-Etsu und Sumco produziert, deren Fabriken im Nordosten Japans direkt vom Erdbeben getroffen wurden. Die Produktion dort ist, auch aufgrund der Stromausfälle dort, zusammengebrochen. Wann die Fabriken wieder anlaufen können, ist ungewiss. Mittelfristig könnten die Ausfälle jedoch Verbraucherelektronik und Computer deutlich verteuern, schätzen die iSuppli-Analysten.

Unklar ist, ob es zu flächendeckenden, weltweiten Produktionsausfällen kommt, wenn japanische Unternehmen bestimmte Bauteile nicht mehr liefern können.

Deutschlands Maschinenbauer, für die die japanische Industrie ein wichtiger Zulieferer ist, befürchten Lieferengpässe. „Steuerungen und elektronische Vorprodukte könnten in nächster Zeit knapp werden“, sagt Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA).

Viele Ökonomen glauben jedoch nicht, dass durch das Beben die globale Produktion merklich beeinträchtigen werden könnte. „Einige japanische Elektronikkonzerne haben zwar eine große Bedeutung für globale Produktion. Aber das genau diese Unternehmen vom Beben betroffen und wochenlang nicht mehr produzieren können, kann ich mir kaum vorstellen“, sagt Hans Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Bei der Produktion von Endprodukten könnten die asiatischen Staaten wie China, Korea oder Taiwan den Japanern sogar Marktanteile abnehmen.“ „Die Unternehmen sollten dank der globalen Fertigung flexibel auf die Katastrophe reagieren können“, sagt Grömling.

Anton Börner, Präsident des Außenhandelsverbands BGA, rechnet sogar mit positiven Nebenwirkungen des Bebens für die Weltwirtschaft. „Ein erzwungener Produktionsstopp in Japan würde das starke Wachstum der Rohstoffpreise abbremsen. Davon werden die deutschen Produzenten in den kommenden Monaten profitieren.“ Wenn es zu einem massiven Super-Gau komme, bei dem Radioaktivität frei wird, wären die Folgen bedeutend gravierender. Je nachdem, wohin die atomare Wolke ziehe, drohten enorme Schäden. Besonders schlimm wäre, wenn sie über den Raum Tokio ziehen würde. Er trägt etwa 18 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Japanische Produktionsanlagen wären für lange Zeit völlig unbrauchbar, der Wirtschaft droht ein Einbruch ungeahnten Ausmaßes, Stimmungsindikatoren auf der ganzen Welt dürften abstürzen. Ökonomen wollen öffentlich über die möglichen Folgen aber nicht spekulieren.