Energieexperten

Deutsche Stromversorgung funktioniert auch ohne AKW

Auf sechs deutsche Atomkraftwerke kann kurzfristig verzichtet werden, ohne dass "die Lichter ausgehen". Allerdings: Die Klimaziele würden verfehlt.

Angesichts des atomaren Fiaskos in Japan plant die Bundesregierung, die von ihr gewährte Laufzeitverlängerung für die 17 deutschen Reaktoren auszusetzen. In diesem Fall würden voraussichtlich die drei süddeutschen Atomkraftwerke Neckarwestheim 1, Biblis A und Isar 1 sofort oder innerhalb weniger Monate ihre Betriebsgenehmigung verlieren. Umweltgruppen und Oppositionspolitiker fordern aber noch mehr: Die sofortige Abschaltung der ältesten Meiler oder zumindest die Stilllegung der sechs deutschen Siedewasser-Reaktoren, deren Aufbau im weitesten Sinne dem der japanischen Krisenmeiler in Fukushima entspricht. Damit würde rund ein Drittel der atomaren Kraftwerksleistung in Deutschland kurzfristig wegfallen. Würde das System das verkraften?

Die 17 deutschen Atomkraftwerke decken derzeit rund 23 Prozent des deutschen Strombedarfs. Die sechs Siedewasser-Reaktoren Brunsbüttel, Isar 1, Philippsburg 1, Krümmel sowie Gundremmingen B und C haben mit zusammen 6457 Megawatt daran einen Anteil von knapp einem Drittel – wobei mit Krümmel der weitaus leistungsstärkste Meiler in dieser Gruppe ohnehin reparaturbedingt seit Jahren still steht.

Die von Morgenpost Online befragten Energieexperten gehen übereinstimmend davon aus, dass sich Kraftwerke in dieser Größenordnung relativ kurzfristig abschalten ließen, ohne damit die Versorgungssicherheit mit Elektrizität in Deutschland zu beeinträchtigen. „Davon gehen die Lichter nicht aus“, sagte Christoph Maurer, Geschäftsführer des Aachener Beratungsunternehmens Consentec, das für die Bundesregierung bereits Studien zur Versorgungssicherheit erstellt hat.

Allerdings gehe es bei der Versorgungssicherheit in Deutschland ohnehin nicht in erster Linie um physische Stromknappheit, betont Maurer. Die Frage sei vielmehr, ob die Versorgung noch zu einem angemessenen volkswirtschaftlichen Preis aufrecht erhalten werden könne. „Schon bei der Diskussion um die Laufzeitverlängerung für deutsche Atomkraftwerke ging es nie um physische Knappheit, sondern immer um Wirtschaftlichkeit“, sagt Maurer.

Der unabhängige Energieexperte sieht eine Vielzahl „sekundärer Effekte“, die sich aus dem Abschalten von Atomkraftwerken in großem Stil ergeben würden. So werde durch die relative Verknappung der Großhandelspreis für Strom steigen. Weil mit Atomkraftwerken eine CO 2 -freie Energiequelle wegfalle, würden auch Emissionszertifikate am Markt teurer werden, was sich zusätzlich strompreistreibend auswirken werde.

Die Verteuerung der Energie verschlechtere die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie, jedenfalls dann, wenn der Atomausstieg ausschließlich in Deutschland umgesetzt werde. Schließlich sei damit zu rechnen, dass das bislang autarke Deutschland verstärkt Strom importiert, wenn dieser im Ausland billiger produziert wird, glaubt Maurer: „Wenn wir unsere Atomkraftwerke abschalten, verlassen wir uns ein Stück weit darauf, dass Europa das auffängt.“

Dass ein Drittel der deutschen Atomkraftwerke abgeschaltet werden könnten, ohne die Stromversorgung zu gefährden, ergibt sich auch aus dem erst im Januar veröffentlichten „Monitoringbericht Versorgungssicherheit“ des Bundeswirtschaftsministeriums. Weil in der nächsten Zeit viele konventionelle Kraftwerke ans Netz gehen, werde noch bis mindestens 2015 „die gesicherte Leistung die Spitzenlast signifikant übersteigen“, heißt es in der Studie, die vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln (EWI) und Consentec erstellt wurde. Fazit: Es gibt zumindest für die nächsten Jahre genug Kraftwerke, die für die abgeschalteten AKWs einspringen können.

Bei einer Rückkehr zum früheren Fahrplan des Atomausstiegs würden bis zum Jahr 2020 allerdings auch acht bis zwölf neue Gaskraftwerke mit zusammen 6000 Megawatt gebaut werden müssen, um die wegfallende Atomkraft zu ersetzen, heißt es in dem „Monitoringbericht“ weiter.

Und selbst das reiche dann nur, wenn es wirklich gelingt, den Anteil erneuerbarer Energien von heute 17 Prozent auf 30 Prozent im Jahre 2020 zu erhöhen, betont Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energieagentur (dena), einem Kompetenzzentrum der Bundesregierung. Und die Erreichung dieses Ziels hänge wiederum vom Netzausbau ab, der in Deutschland derzeit aber von zahllosen Bürgerprotesten und politischen Blockaden verhindert wird. Dena-Chef Kohler rät der Bundesregierung auch deshalb, zum Atomausstieg zurückzukehren.

Von Studien, die von der baldigen Vollversorgung mit Ökostrom ausgehen, hält Energieexperte Maurer von der Consentec wenig. Zuletzt hatte der Sachverständigenrat für Umweltfragen so ein Strategiepapier vorgelegt. „Die Prämissen darin sind eher unrealistisch“, sagt Maurer. So gehe der Sachverständigenrat etwa davon aus, dass sich allein die Kapazität der Seekabel zwischen Deutschland und Norwegen in den nächsten 40 Jahren mit Milliardenaufwand von heute 700 Megawatt auf 115.000 Megawatt vervielfachen muss, um den schwankenden Ökostrom mit norwegischer Wasserkraft verstetigen zu können. Maurers ernüchterndes Fazit: „Wenn Sie solche Zahlen sehen, werden Sie blass.“