S-Bahn

So war der Streik-Tag in Berlin

Viele Hauptstädter und Brandenburger sind an Unbilden im Verkehr gewöhnt, zumal die Berliner S-Bahn nicht so fährt, wie sie soll. Doch am Donnerstag kam es wieder einmal knüppeldick, denn die Lokführer legten auf den Schienen fast alles lahm.

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Der Streik der Lokführer hat am Donnerstagmorgen bundesweit nach dem Güter- auch den Personenverkehr massiv beeinträchtigt.

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Der neuerliche Streik der Lokführergewerkschaft GDLhat den Bahnverkehr in Berlin und Brandenburg am Donnerstag schwer getroffen. Bei der Deutschen Bahn fiel die Masse der Regionalzüge im morgendlichen Berufsverkehr aus, wie ein Bahnsprecher mitteilte. Auch die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (Odeg)wurde auf drei Linien bestreikt und konnte dort nur Busse einsetzen. Die Berliner S-Bahn war von Betriebsbeginn um 4 Uhr an weitgehend lahmgelegt.

Weil zahlreiche Pendler auf das Auto umstiegen, waren viele Berliner Ausfallstraßen und die Stadtautobahn 100 zeitweise völlig überlastet, und es kam zu Staus. In den U-Bahnen und Linienbussen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) drängten sich so viele Menschen, dass mancherorts nicht alle an den Haltestellen und auf Bahnsteigen Wartenden mitkamen. Gegen 10 Uhr rollten die Züge wieder. Der S-Bahnverkehr normalisierte sich bis mittags. Bei den Regionalzügen dauerte es länger.

Die GDLwill einen Branchentarifvertrag mit einheitlichen Tarifen auf dem Niveau der Deutschen Bahn für die Lokführer bei allen großen Bahnunternehmen Deutschlands durchsetzen. Die Gewerkschaft bezifferte die Streikbeteiligung unter den Lokführern auf 80 Prozent. „Das heißt, unsere Mitglieder stehen hinter uns“, sagte der GDL-Bezirksvorsitzende Frank Nachtigall. Er schloss weitere Streiktage nicht aus, sollte es zu keiner Einigung über den geforderten Branchentarifvertrag kommen. Der bundesweite Lokführerstreik hatte am Mittwochabend um 20 Uhr zunächst im Güterverkehr begonnen. In der Region wurden nach Angaben der GDL Zentren wie Seddin oder Wustermark lahmgelegt. Abertausende Pendler und Berliner wichen im Berufsverkehr auf das Auto aus. „Der Verkehr war so stark wie sonst an einem Montagmorgen“, sagte ein Sprecher der Berliner Verkehrsinformationszentrale. Mit Blick auf den Bahnstreik seien viele Menschen eine Stunde früher als sonst losgefahren.

Die größten Staus gab es auf der Stadtautobahn A100, vor allem am Dreieck Funkturm am Messegelände, wo es zeitweise gar nicht mehr voranzugehen schien. Hier traf es viele anreisende Besucher und Aussteller der weltgrößten Reisemesse ITB. Rund ums Messegelände suchten zudem viele Besucher der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) Parkplätze. Die Messe versuchte Entlastung zu schaffen, indem sie Pendelbusse von den Flughäfen Tegel und Schönefeld fahren ließ. Rund um das Messegelände wimmelte es auch von voll besetzten Taxis, an den Ampeln war Geduld gefragt. Manche Besucher stiegen früher aus und setzten zum Laufschritt in die Hallen an, um ihre Termine an den Ständen noch einzuhalten. Die BVG setzte auf den U-Bahnlinien U2, U5 und U9 zusätzliche Züge ein. Dennoch quollen viele Wagen unter dem Ansturm von Fahrgästen über. In den Zügen der Linie 2 Richtung Messegelände drängten sich viele ITB-Besucher mit Rollkoffern und Laptop-Taschen – Stadtplan entfalten unmöglich. „Japanische Verhältnisse“, seufzte ein Geschäftsmann.

Die Berliner S-Bahn konzentrierte sich nach Angaben eines Bahnsprechers darauf auf, auf den Linien aus dem Umland einzelne Züge durchzubringen, so auf der S3 zwischen Erkner und Zoo, aber etwa auch zwischen Königs Wusterhausen und Hermannstraße sowie zwischen Flughafen Schönefeld und Schönhauser Allee. Im Regionalverkehr verkehrten den Angaben zufolge einzelne RegionalExpress-Züge zwischen Frankfurt (Oder) und Magdeburg. Auf anderen Strecken kamen teilweise Busse zum Einsatz.

Auch die Odeg musste auf Busse zurückgreifen, um ausfallende Züge zu ersetzen, so etwa zwischen Fürstenwalde und Bad Saarow. Zwischen Eberswalde und Joachimstal sowie zwischen Beeskow und Frankfurt (Oder) ließ die Odeg Busse fahren, weil Lokführer streikten. Auf den übrigen Linien des Bahnunternehmens wurde nicht gestreikt. Auch im Liniennetz des Unternehmens in der Lausitz und in Mecklenburg-Vorpommern führte der Streikaufruf der GDL nicht zu Ausfällen.

Nach den Worten Nachtigalls sind zwar 75 Prozent der Odeg-Lokführer in der GDL organisiert. Das Unternehmen habe aber Personal mit Fahrlizenzen aus Verwaltung und Ausbildung in die Triebwagen setzen können. „So sorgen besser bezahlte Leute dafür, dass die schlechter bezahlten nicht mehr Geld erhalten“, sagte Nachtigall. Mit fortdauernden Streiks würden aber die Möglichkeiten der Odeg sinken, die ausfallen Lokführer zu ersetzen. Zu den Zügen, die nicht ausfielen, gehörte auch der zur Veolia-Gruppe gehörende Interconnex zwischen Leipzig, Berlin und Rostock.

Die Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB) kritisierte die Streikaktion als verantwortungslos. Die Deutsche Bahn als der Hautbetroffene sei auch der falsche Adressat eines Arbeitskampfes, weil sich die Forderungen der GDL eigentlich an die anderen Bahnunternehmen richteten, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck. Die CDU warnte mit Blick auf den Streik vor Überlegungen in der Senatskoalition, den Betrieb der krisengeplagten S-Bahn durch die BVG übernehmen zu lassen. Eine solche Übernahme berge das Risiko, dass bei einem künftigen Arbeitskampf der gesamte öffentliche Nahverkehr lahm gelegt werden könnte, erklärte Berlins CDU-Chef Frank Henkel.