Biosprit

Deutsche Autofahrer sind wieder die Dummen

Wenn die E10-Einführung floppt, drohen den Mineralölkonzernen Strafen in Millionenhöhe. Die Branche kündigt schon einmal höhere Preise an.

Deutschlands Autofahrer haben in diesen Tagen wirklich allen Grund, sich zu empören. Da bringen die Mineralölkonzerne den neuen Biokraftstoff E10 auf den Markt, und plötzlich warnen die Autohersteller, dass die Beimischung von zehn Prozent Ethanol im Benzin dem Motor schaden kann – als hätten sie vorher nichts von der Einführung gewusst. Der zuständige Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) weist jede Schuld an diesem Chaos von sich. Die verunsicherten Autofahrer aber fragen sich: Wer will hier eigentlich wen für dumm verkaufen?

Auf diese Frage wird wohl auch der „Benzingipfel“ in Berlin kaum eine Antwort geben. Auf Einladung von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) wollen Politik und Industrie über den weiteren Umgang mit dem E10-Kraftstoff beraten. Neben den Ministern Brüderle und Röttgen sitzen Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) mit am Tisch. Vertreten sind auch ADAC und AvD, Bauernverband und Verbraucherzentralen, Mineralölwirtschaft, Bioethanol-Produzenten und natürlich die Automobilindustrie. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die betroffenen Branchen und Verbände treffen, um die E10-Einführung vorzubereiten. Und doch läuft alles schief. Wieder einmal.

Denn eigentlich sollte der Biokraftstoff E10 schon mit Beginn des Jahres 2009 an den Tankstellen erhältlich sein und den bisherigen Ökosprit E5 ersetzen. Doch der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) stoppte die Pläne im April 2008. Trotz mehrerer Anhörungen hatten Experten plötzlich gewarnt, rund 3,5 Millionen Fahrzeuge würden den Biokraftstoff nicht vertragen und müssten das teurere Super Plus tanken. Die schwarz-rote Bundesregierung aber hielt an E10 fest. Biosprit gilt als eine wichtige Maßnahme im Verkehrssektor, um das Klima zu schützen und zugleich die Ressourcen zu schonen. Deutschland hat sich verpflichtet, den Ausstoß von Kohlendioxid bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren.

Die Europäische Union will zudem den Anteil von Biokraftstoffen am gesamten Spritverbrauch bis 2020 auf zehn Prozent erhöhen und hat die Mitgliedstaaten daher verpflichtet, die Voraussetzungen für die Einführung von E10 zu schaffen. Im vergangenen Dezember hat die Bundesregierung die Kraftstoffqualitäts-Verordnung geändert und eine strenge DIN-Norm für E10 erlassen. Die Autohersteller erhielten den Auftrag, eine Positivliste mit Fahrzeugen zu erstellen, die E10 vertragen. Das Umweltministerium ließ bereits im Oktober in einer ersten Auflage 8,5 Millionen Exemplare einer Broschüre drucken: „Mehr Bio im Benzin – Worauf Sie achten müssen!“ Unter anderem steht dort: „Alle nicht nachgewiesen E-10-verträglichen Fahrzeuge sollten ausschließlich die herkömmlichen Benzinsorten tanken.“ Schon beim einmaligen Betanken nicht geeigneter Fahrzeuge drohten demnach dauerhafte Schäden.

Die Mineralölkonzerne mischten derweil mehr oder weniger im Stillen den neuen Biokraftstoff zusammen und hofften, dass allein der Preisvorteil von etwa fünf Cents pro Liter die Autofahrer überzeugen und an die Zapfsäulen mit dem neuen Ökosprit locken würde. Auf Werbung und Aufklärung verzichtete die Mineralölwirtschaft. Die Autofahrer aber greifen einfach nicht zum Biosprit.

Trotz der gesetzlichen Vorgaben aus Brüssel und Berlin und der mehrjährigen Vorbereitungsphase will die Einführung von E10 auch im zweiten Anlauf nicht klappen. Die beteiligten Akteure weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Und die Bundesregierung hält noch immer an dem Kraftstoff fest. Doch in der Koalition wächst die Kritik. FDP-Generalsekretär Christian Lindner forderte jetzt, die gesamte Biokraftstoff-Strategie zu überdenken. Sogar die Grünen sehen in E10 einen Irrweg und fordern stattdessen sparsamere Autos und ein Tempolimit – um auf diese Weise das Klima zu schützen und die Erdölressourcen zu schonen.

Ursprünglich war der Biosprit aber gar nicht als Ökomaßnahme eingeführt worden. In den neunziger Jahren wurde der Einsatz von Brüssel gefördert, um Agrarüberschüsse abzubauen. Statt die dafür nötigen Rohstoffe wie Getreide und Zuckerrüben mit hohen Exportsubventionen in Drittländer zu verkaufen, sollten sie in der EU verarbeitet werden. Für Europas Bauern wurde so eine neue Einnahmequelle erschlossen, die sie auch unabhängiger von den Prämienzahlungen aus Brüssel machen sollte. In Deutschland stammen heute 90 Prozent der Rohstoffe für Bioehtanol aus der EU (60 Prozent Getreide, 30 Prozent Zuckerrüben).

Nur zehn Prozent Biosprit wird aus Zuckerrohr gemacht, das aus Brasilien stammt. Doch gerade diese Rohstoffe aus Übersee haben ihn in die Kritik gebracht: Umweltschützer warnen, dass die Produktion von Bioethanol den Anbau von Nahrungsmitteln verdrängt und damit den weltweiten Hunger vergrößert. Auch würden Regenwälder gerodet, um Energiepflanzen anzubauen. Der Sachverständigenrat der Bundesregierung für Umweltfragen (SRU) hatte schon 2007 gewarnt, dass eine ökologische Sicherung der Ethanol-Importe nur schwer zu gewährleisten sei – auch wenn die Bundesregierung inzwischen eine Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung erlassen hat.

Danach gelten Biokraftstoffe als nachhaltig hergestellt, wenn sie im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen mindesten 35 Prozent an klimaschädlichen Treibhausgasen einsparen. Andernfalls werden die Biokraftstoffe nicht steuerlich begünstigt und auch nicht auf die Quote angerechnet. Nicht-nachhaltige Biokraftstoffe sind für die Mineralölkonzerne also unwirtschaftlich. Doch die Umweltexperten warnen noch aus einem ganz anderen Grund vor zu ehrgeizigen Zielen bei der Nutzung von Biosprit aus Rüben oder Zuckerrohr: Es sei nur wenig effizient, Energiepflanzen zu Biosprit zu verarbeiten. Es sei viel sinnvoller, die Biomasse zur Produktion von Strom zu nutzen – und die Elektromobilität zu fördern.

Elektroautos aber sind noch Zukunftsvisionen.

Politik und Wirtschaft setzen jetzt vor allem auf eine bessere Information und Aufklärung über die E10-Verträglichkeit. Denn sollte die Einführung am Ende scheitern, kämen einerseits die deutschen Autobauer in Schwierigkeiten. Um die strengen Vorgaben aus Brüssel zum Klimaschutz zu umgehen, haben sie noch mit der schwarz-roten Bundesregierung eine Sonderreglung ausgehandelt. Statt den CO*-Ausstoß ihrer Neuwagenflotte – wie es die EU vorschreibt – bis 2015 auf 120 Gramm pro Kilometer zu senken, müssen sie nur 130 Gramm erreichen. Die übrigen zehn Gramm sollen unter anderem durch eine Erhöhung der Beimischungsquote für Biosprit erreicht werden. Das Biokraftstoffquotengesetz verpflichtet die Wirtschaft in den Jahren 2010 bis 2014 einem Mindestanteil von insgesamt 6,25 Prozent Ökosprit in Benzin und Diesel bereitzustellen.

Schafft die Mineralölwirtschaft es nicht, diese Quote einzuhalten, drohen Strafzahlungen in dreistelliger Millionenhöhe. Da die Autofahrer E10 nicht tanken wollen und die Quote möglicherweise gefährdet ist, haben die betroffenen Konzerne schon einmal angekündigt, die Preise für das herkömmliche Super mit fünf Prozent Ethanol um zwei Cent anheben zu wollen. Für das von Politik und Wirtschaft verursachte Chaos müssen am Ende die Autofahrer auch noch zahlen. Kein Wunder, dass sie sich für dumm verkauft fühlen.

Bei der Deutsche Automobil Treuhand (DAT) können Sie sehen, ob Ihr Fahrzeug E10 verträgt.